Skandal in Köln: Vergewaltigte von katholischen Kliniken abgewiesen

05. April 2013 - 18:15 Uhr

Notärztin "Das ist für mich Kirche wie im Mittelalter"

s ist die Horrorvorstellung einer jeden Frau: morgens auf irgendeiner Parkbank aufzuwachen – mit K.O.-Tropfen wehrlos gemacht und vergewaltigt. Für eine 25-jährige Kölnerin wurde dieser Alptraum nach einer Partynacht zur traurigen Realität. Doch das Drama setzte sich fort.

Köln: Vergewaltigungsopfer im Krankenhaus wegen Pille danach nicht behandelt
Unter anderem von dieser katholischen Klinik in Köln wurde die vergewaltigte Frau abgewiesen.
© dpa, Henning Kaiser

Die Notärztin, die die Frau daraufhin aufsuchte, verwies sie an eine Klinik, damit diese eine Spurensicherung durchführen konnte. In der katholischen Einrichtung angekommen, wird der 25-Jährigen die Behandlung jedoch verweigert. Laut 'Kölner Stadt-Anzeiger' wurde die Frau mit der Begründung abgewiesen, gynäkologische Untersuchungen zur Beweissicherung seien seit zwei Monaten untersagt, weil damit ein Beratungsgespräch über die mögliche Schwangerschaft und deren Abbruch verbunden sei. Im zweiten Krankenhaus - ebenfalls ein katholisches - dann dasselbe Spiel.

Irmgard Maiworm ist jene Notärztin, zu der die vergewaltigte Frau zunächst kam. "Es war hochdramatisch", schilderte die erfahrene Medizinerin die Begegnung mit der 25-Jährigen, die völlig aufgelöst und mit verschmutzter Straßenkleidung erschien. Die Ärztin bestätigte die Schilderungen. Sie habe von einer Krankenhaus-Kollegin eine Abfuhr erhalten mit der Begründung: "Zu einer Untersuchung nach sexueller Gewalt gehöre ja auch ein Gespräch über die 'Pille danach' und das Ausstellung eines Rezeptes. Und das ist nach einem neuen Erlass mit dem christlichen Gedankengut nicht vereinbar und das dürfen wir nicht machen."

Katholische Kliniken entschuldigen sich für "Missverständnis"

Selbst nach dem Hinweis, es gehe nicht um ein Rezept, sondern nur noch um die gynäkologische Untersuchung, habe die Ärztin abgelehnt. In einem ähnlichen Fall sei einer Kollegin fristlos gekündigt worden. "Die Kollegin hatte Angst um ihren Arbeitsplatz", sagte Maiworm. Die zweite Abfuhr habe sie im Heilig-Geist-Krankenhaus mit der gleichen Begründung erhalten. Für die Ärztin hat der Fall einen ganz bitteren Beigeschmack. "Mit dem Hinweis auf Moral wird einer Frau, die wahrscheinlich mehrfach traumatisiert ist, Hilfe verweigert. Welche Moral ist das? " Beide Krankenhäuser gehören der Stiftung der Cellitinnen." Das ist für mich Kirche wie im Mittelalter", erklärte Maiworm.

Ärzte in katholischen Krankenhäusern, die die 'Pille danach' verschreiben, müssen sogar mit fristloser Kündigung rechnen. Der Hinweis, die Beratung sei bereits erfolgt, die Pille danach sei schon verschrieben, hat laut Notärztin nichts genutzt. Letztlich wird das Missbrauchsopfer von Polizisten in ein evangelisches Krankenhaus gefahren, wo es endlich behandelt wird.

Katholische Kliniken bestreiten, dass das Abweisen von Vergewaltigungsopfern bei ihnen gängige Praxis ist. "Es ist so, dass vergewaltigte Frauen bei uns behandelt werden", sagte Christoph Leiden, Sprecher der Stiftung der Cellitinnen, bei einer Pressekonferenz in Köln.

Leiden sprach von einem "Missverständnis". "Das bedauern wir sehr", sagte er. Vergewaltigungsopfer würden in katholischen Krankenhäusern selbstverständlich genauso behandelt wie in allen anderen Kliniken mit dem einzigen Unterschied, dass die Frau dort keine 'Pille danach' bekommen könne. Sie werde aber über diese Möglichkeit informiert. Die Abweisungen seien bedauerliche Einzelfälle und entsprächen auf keinen Fall einer "Grundsatzhaltung".

Das nordrhein-westfälische Gesundheitsministerium prüft, ob die katholischen Krankenhäuser gegen gesetzliche Regelungen verstoßen haben. Falls tatsächlich ein solcher Verstoß vorliege, könne den Kliniken eine Rüge erteilt werden, sagte Ministeriumssprecher Christoph Meinerz. Auch sei eine strengere Überwachung durch die Bezirksregierung denkbar. Wenn wiederholt gegen Auflagen verstoßen werde, könne dies im schlimmsten Fall die Schließung einzelner Abteilungen zur Folge haben. Dem einzelnen Arzt drohe bei Verstößen ein Ordnungsgeld bis zu 5.000 Euro.

Den konkreten Fall könne das Ministerium noch nicht eindeutig bewerten, da der Sachverhalt zunächst zweifelsfrei aufgeklärt werden müsse. Gesundheitsministerin Barbara Steffens (Grüne) teilte jedoch mit: "Grundsätzlich darf kein Krankenhaus das Opfer einer Gewalttat abweisen."