Skandal in der Arktis: Russischer Grenzschutz schleppt Greenpeace-Schiff nach Erstürmung ab

Vor der russischen Botschaft in Berlin forderten Greenpeace-Aktivisten die Freilassung ihrer Gesinnungsgenossen in Russland.
© dpa, Soeren Stache

26. Dezember 2013 - 11:02 Uhr

Jagd nach milliardenteuren Rohstoffen in der Arktis eskaliert

Warnschüsse, maskierte Bewaffnete, ein geentertes Schiff: Russische Sicherheitskräfte haben in der Arktis das Greenpeace-Schiff 'Arctic Sunrise' gestürmt und in die Hafenstadt Murmansk geschleppt. Dort werde der Fall an die Ermittlungsbehörde übergeben, teilte der für den Grenzschutz zuständige Inlandsgeheimdienst FSB mit. In Murmansk werde das Schiff mit 27 Besatzungsmitgliedern an Bord frühestens an diesem Montag erwartet.

"Den an Bord des Schiffes Festgenommenen wird möglicherweise Terrorismus vorgeworfen, weil sich in einem der vom Schiff ausgesetzten Boote ein Gegenstand befand, der wie eine Bombe aussah", sagte die Sprecherin des Grenzschutzes im Gebiet Murmansk, Lilija Moros, dem Radiosender Echo Moskwy. "Den Umweltschützern wird höchstwahrscheinlich zur Last gelegt, das Gesetz über den Festlandsockel und die ausschließliche Wirtschaftszone der Russischen Föderation verletzt zu haben." Greenpeace-Aktivist Roman Dolgow bezeichnete die Vorwürfe als "absurd". Die Crew werde von Bewaffneten bewacht.

"Wir wissen derzeit nicht, was genau an Bord passiert", sagte Greenpeace-Sprecher Christoph von Lieven. Deutsche Aktivisten seien nicht an Bord. Von Lieven warf den russischen Behörden eine illegale Übernahme vor. "Unsere Kollegen werden gegen ihren Willen in internationalem Gewässer von der Küstenwache festgehalten. Das ist willkürliche Gewalt", sagte er. Die unter niederländischer Flagge fahrende 'Arctic Sunrise' hatte in der Petschorasee gegen geplante Ölbohrungen des russischen Staatskonzerns Gazprom protestiert.

Damit eskaliert auf den peitschenden Wellen des Eismeeres die Jagd nach milliardenteuren Rohstoffen in der Arktis. Ein Video von Greenpeace zeigt spektakuläre Bilder. Aktivisten baumeln in großer Höhe an einer Ölplattform des russischen Staatskonzerns Gazprom. Grenzsoldaten beschießen die Kletterer mit Wasserkanonen, eine finnische Aktivistin landet in der eiskalten Petschorasee, Sicherheitskräfte rammen die Schlauchboote der Umweltschützer. Mit aller Macht verteidigt Russland seinen Anspruch auf die gewaltigen Öl- und Gasvorkommen, die unter dem ewigen Eis vermutet werden.

"Es wird wieder klar, dass die russische Regierung mehr Interesse daran hat, ihre unverantwortlich handelnden Ölfirmen zu schützen als die Arktis", kritisiert Greenpeace-Sprecher Christoph von Lieven. Das Ökosystem der Arktis gilt als äußerst sensibel, weite Teile sind als Schutzgebiete ausgewiesen. Greenpeace wirft Gazprom vor, Sicherheitsstandards massiv zu missachten. Moskau widerspricht. Die Unternehmen seien sich ihrer Verantwortung bewusst, erklärt Sonderbotschafter Anton Wassiljew. Und die Gazprom-Gruppe betont in ihrem Jahresbericht für 2012, mehr als 35 Milliarden Rubel (etwa 815 Millionen Euro) für Umweltschutz ausgegeben zu haben.

In der Arktis lagern nicht nur gigantische Mengen Gas

Bis 2030 will allein der Energieriese in der Arktis 200 Milliarden Kubikmeter Gas fördern - das ist etwa das sechsfache dessen, was der wichtigste Kunde Deutschland jährlich aus Russland bezieht. Der Klimawandel lasse die gigantischen Eisflächen schmelzen und begünstige die Ausbeutung, meinen Experten. Insgesamt werden 25 Prozent der weltweiten Öl- und Gasvorräte, aber auch Diamanten und Kohle in gewaltigen Mengen unter dem Eismeer vermutet.

"Die Arktis ist die letzte ungenutzte Vorratskammer der Welt", sagt Wassiljew. "Und der Löwenanteil gehört Russland", behauptet der Diplomat. Auf einem internationalen Forum in der nordwestsibirischen Stadt Salechard will Präsident Wladimir Putin kommende Woche den russischen Standpunkt deutlich machen. "Die Arktis - Territorium des Dialogs" heißt die Konferenz - doch von Dialog kann keine Rede sein.

Denn die anderen Arktis-Anrainer wie die USA, Kanada oder Norwegen widersprechen der Position, dass der Meeresboden eine natürliche Verlängerung des russischen Festlands sei. "Sie gestehen uns die Arktisregion nicht zu", warnt Leonid Iwaschow von der Akademie für Geopolitische Probleme in Moskau.

Wirtschaftlich immer interessanter wird die Region auch deshalb, weil dank der schmelzenden Eismassen ein alter Schifffahrtstraum Gestalt annimmt: Die ganzjährige Durchquerung der Nordostpassage entlang der russischen Polarmeerküste von Europa nach Asien. Mit der Route hoffen Reedereien auf deutlich kürzere Fahrtzeiten als über die bisherige und Tausende Kilometer längere Strecke durch den Suez-Kanal, den Indischen Ozean und die Straße von Malakka, die noch dazu wegen Piratenangriffen als äußerst gefährlich gilt.

Die Kontrolle über diese strategisch wichtige Strecke aber hat Russland. Auch deshalb baut Moskau seine militärische Präsenz in der Region deutlich aus. Erstmals seit dem Zerfall der Sowjetunion vor mehr als 20 Jahren schickt Oberbefehlshaber Putin wieder Kriegsschiffe, die künftig zwischen den Archipelen Franz-Josef-Land und Nowaja Semlja im Nordpolarmeer kreuzen sollen.

Zudem ist geplant, einen Stützpunkt auf den Neusibirischen Inseln wieder in Betrieb zu nehmen. Damit lässt Putin seinen Worten Taten folgen: Russland sei die "Führungsnation" im ewigen Eis, hat der Präsident betont und wiederholt gedroht, Moskaus Ansprüche auf die Rohstoffvorkommen notfalls militärisch durchzusetzen.

Die Erkundungen in der schwer zugänglichen Region kommen allerdings nur langsam voran. Die Exploration des riesigen Gasfeldes Schtokman in der Barentssee ist wegen zu hoher Kosten noch auf Eis gelegt. Als einzige Ölplattform betreibt Gazprom bisher die 'Priraslomnaja' - die deshalb nun Ziel des Greenpeace-Protests ist.