Skandal bei France Télécom

Trieben die Bosse 19 Mitarbeiter in den Tod?

© dpa, Oliver Berg

12. Juli 2019 - 17:04 Uhr

Angestellte systematisch terrorisiert

Manch ein Chef macht seinen Mitarbeitern das Leben schwer. Manchmal mobben Kollegen ein Opfer in die Depression. Doch was vor einigen Jahren in Frankreich passiert ist, stellt all das in den Schatten. Gerade läuft in Paris ein Prozess gegen ehemalige Manager des Konzerns France Télécom. Sie sollen Mitarbeiter systematisch terrorisiert und sogar in den Tod getrieben haben. 19 Menschen sollen sich deswegen das Leben genommen haben, 12 sollen es versucht haben, 8 Mal verfielen Mitarbeiter in schwere Depressionen.

Was war da los? Die Fälle ereigneten sich zwischen 2008 und 2009. Damals hatte die Chefetage beschlossen, massenhaft Mitarbeiter zu entlassen. Von 120.000 sollten 22.000 gehen. Das Problem war nur, dass das gar nicht so einfach war. Denn in Frankreich gibt es einen besonders starken Kündigungsschutz. Außerdem waren die meisten der Mitarbeiter Beamte. Angesichts dieser Lage entschloss sich das Management zu einem grausamen Schritt.

"Durchs Fenster oder durch die Tür"

Die Bosse beschlossen, den Mitarbeitern das Leben zur Hölle zu machen und sie so dazu zu drängen, selbst zu kündigen. Die Staatsanwaltschaft spricht von einer "Politik der Destabilisierung", der einstige Personalchef Olivier Barberot räumte ein, dass mit Psychoterror ein Klima der Angst erzeugt worden sei. Für Fassungslosigkeit und Empörung sorgte in Frankreich ein Satz, den Konzernchef Didier Lombard gesagt hat. Wie eine Audioaufnahme beweist, sagte er: "2007 werde ich für die Abgänge auf die eine oder andere Art sorgen - durchs Fenster oder durch die Tür."

Durchs Fenster oder durch die Tür – eine Aufforderung zum Selbstmord? Auch um diese Frage geht es bei dem Prozess, der seit Mai läuft. Manche Mitarbeiter nahmen sich tatsächlich wegen des Drucks das Leben, ist sich die Anklage sicher. Nicloas Grenoville aus Besançon zum Beispiel. Er zog sich am 10. August 2009 sein Arbeits-T-Shirt an und erhängte sich dann mit einem Internetkabel seines Arbeitgebers. France Télécom hatte den einstigen Netztechniker zum Kundenberater gemacht, ihn mit Arbeit überschüttet und schlechter bezahlt.

Einstiger Chef weist Vorwürfe zurück

Prozess gegen France Télécom wegen Mobbings
Didier Lombard, ehemaliger Vorstandsvorsitzender von France Télécom, steht vor Gericht.
© dpa, Sadak Souici, zeus afn nwi

Das hatte Methode. Zu viel oder zu wenig Arbeit. Mitarbeiter wurden in andere Städte versetzt - manchmal mehrmals hintereinander. Grenoville hatte 10 bis 15 Kilo abgenommen, als er seinem Leben ein Ende setzte. Der einstige Chef Lombard steht nun mit sechs anderen Top-Managern vor Gericht. Sie bestreiten, dass sie die Mitarbeiter in den Tod getrieben haben. Die Beschäftigten seien möglicherweise verunsichert worden, schrieb Lombard in der Zeitung "Le Monde". Aber er weise "entschieden" zurück, dass die "menschlichen Dramen" auf die "Veränderungen" im Unternehmen zurückzuführen seien.

Auch wenn manche der verzweifelten Mitarbeiter sogar ausdrücklich sagten, sie gingen nur wegen ihres Arbeitgebers - das Urteil ist offen. Denn Mobbing ist in Frankreich keine Straftat. Daher wird sich erst am Ende des Prozesses zeigen, ob die Vorgesetzten zur Rechenschaft gezogen werden. Aber auch dann droht den Angeklagten nur eine Gefängnisstrafe von einem Jahr und eine Geldbuße von 15.000 Euro. Im Vergleich zu dem - mutmaßlich - angerichteten Leid nicht gerade viel. Doch eine Verurteilung hätte wohl zumindest den positiven Effekt, dass sich so etwas nicht noch einmal wiederholt.

Hilfe in schwierigen Situationen

Kreisen Ihre Gedanken darum, sich das Leben zu nehmen? Versuchen Sie, mit anderen Menschen darüber zu sprechen! Das können Freunde oder Verwandte sein. Es gibt aber auch die Möglichkeit, anonym mit anderen Menschen über Ihre Gedanken zu sprechen. Das geht telefonisch, im Chat, per Mail oder persönlich. Hier finden Sie eine Übersicht über Hilfsangebote.

Wenn Sie schnell Hilfe brauchen, dann finden Sie unter der kostenlosen Hotline 0800-1110111 oder 0800-1110222 Menschen, die Ihnen Auswege aus schwierigen Situationen aufzeigen können.