Virologe erklärt Rückgang der Neuinfektionen

Streeck: "Werte lassen sich nicht mehr vergleichen"

Bonner Virologe Hendrik Streeck
© dpa, Federico Gambarini, fg gfh tba

20. November 2020 - 9:13 Uhr

Zahl der Neuinfektionen in Deutschland ist gesunken

Am dritten Tag in Folge ist die veröffentlichte Zahl der Corona-Neuinfektionen im Vergleich zur Vorwoche in Deutschland gesunken. Allerdings hat sich auch die Zahl der Tests verringert. Die Gesundheitsämter meldeten dem Robert Koch-Institut (RKI) 17 561 neue Corona-Infektionen binnen 24 Stunden. Das sind knapp 1000 Fälle weniger als vor einer Woche, wie aus Angaben des RKI vom Mittwochmorgen hervorgeht. Auch am Montag und Dienstag war der Wert niedriger als der Vorwochenwert. Der Höchststand war am vergangenen Freitag mit 23 542 gemeldeten Fällen erreicht worden.

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Sind weniger Corona-Tests der Grund?

Allerdings ist die Zahl der Corona-Tests bundesweit laut einem großen Verband zuletzt etwas zurückgegangen - was mit ein Grund für weniger erfasste Infektionen sein kann. In der Woche vom 9. bis 15. November seien rund 1,26 Millionen PCR-Tests durchgeführt worden, sagte der erste Vorsitzende des Verbands Akkreditierte Labore in der Medizin (ALM), Michael Müller. Rund 9,2 Prozent der Tests fielen positiv aus - das sei die höchste Rate seit Beginn der Datenerhebung Anfang März. In den beiden Kalenderwochen zuvor hatte es jeweils rund 1,44 Millionen Tests gegeben.

Der Verband erklärte den Rückgang der Testzahl mit den Anfang des Monats veränderten Empfehlungen des RKI zu Corona-Tests. Zu diesen heißt es vom RKI ausdrücklich, dass es nicht vorgesehen und nicht möglich sei, in der Herbst-/Wintersaison alle Menschen mit Erkältungssymptomatik wie Schnupfen oder Halsschmerzen auf das Coronavirus zu testen. "Es ist vor dem Hintergrund der derzeit begrenzten Testkapazitäten und der Häufigkeit von Erkältungskrankheiten in den Wintermonaten nicht möglich, alle Covid-19-Erkrankungen in Deutschland durch Tests zu bestätigen." Das bedeutet, dass eine höhere Dunkelziffer nicht erkannter Corona-Infektionen zu erwarten ist.

Neue Teststrategie führe zu Schwierigkeiten in der Vergleichbarkeit

"Dadurch lassen sich die Werte nicht mehr vergleichen", erklärte der Bonner Virologe Hendrik Streeck der Deutschen Presse-Agentur. "Alleine dadurch - ohne Shutdown light - würde man wahrscheinlich bereits einen Rückgang der Neuinfektionszahlen erwarten, wenn diese Testempfehlungen sich durchgesetzt haben."

Auf den Intensivstationen, wo sich die Entwicklung der Neuinfektionen erst zeitverzögert bemerkbar macht, ist nach Daten der Deutschen Interdisziplinären Vereinigung für Intensiv- und Notfallmedizin (Divi) von einer Entspannung nichts zu sehen. Die Zahl der Patienten stieg auf 3561 Patienten, davon wurden 57 Prozent beatmet (Stand: 18.11., 12.19 Uhr). Am Vortag waren es 3517 Patienten.

Die Zahl der Todesfälle im Zusammenhang mit dem Virus stieg weiter stark, und zwar um 305 auf insgesamt 13 119. Sie könnte bald den Höchstwert von 325 im April überschreiten.

Das RKI zählt seit Beginn der Pandemie insgesamt 833 307 nachgewiesene Infektionen mit Sars-CoV-2 in Deutschland (Stand: 18. 11., 00.00 Uhr). Es schätzt, dass rund 546 500 Menschen inzwischen genesen sind. Somit ging es am Dienstag von 272 700 aktiven Fällen aus.

Das sogenannte Sieben-Tage-R lag laut RKI-Lagebericht vom Mittwochabend bei 0,95 (Vortag: 0,97). Das heißt, dass 100 Infizierte rechnerisch 95 weitere Menschen anstecken. Der Wert bildet jeweils das Infektionsgeschehen vor 8 bis 16 Tagen ab. Liegt er für längere Zeit unter 1, flaut das Infektionsgeschehen ab.

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