Unsere Stimme fördert die Gesundheit

Singen hilft bei Krankheiten wie Demenz und Depressionen

12. Dezember 2019 - 11:24 Uhr

Von Gizem Schumann

Von schlechter Laune bis hin zur Alzheimer-Demenz - Singen ist Balsam für die Seele. Bei einigen sorgt es für bessere Stimmung, bei anderen ist es ein Türöffner für Kommunikation. Sprachtrainer Gerrit Winter erkennt oft direkt an der Stimme, ob jemand Depressionen hat, krank ist oder wunschlos glücklich. Hat die Stimme keinen Ausdruck, keine Strahlkraft mehr, hilft es, sie zu entspannen und richtig zu atmen. Erst dann klingen wir wieder gesund und lebendig. Wie das geht, zeigt Gerrit Winter mir und Ihnen - im Video.

Singen hilft Demenzkranken aus Teilnahmslosigkeit

Singen wirkt bei Demenz dem Sprachverlust entgegen. "Denn beim Singen sind das Hör- und das Sprachzentrum eng miteinander vernetzt", erklärt Diplom-Musiktherapeutin Simone Viviane Plechinger. Vor allem das Musikgedächtnis bleibt lange intakt. Das zeigen viele Studien. "Auch bei fortgeschrittener Demenz bleibt das musikalische Empfinden und Erleben lange erhalten", so Plechinger weiter. Viele Erkrankte kommen erst durch das Singen aus ihrer Teilnahmslosigkeit heraus.

Musik als Sprachersatz für Tochter und Vater

Auch Tanja N. aus Ottenbach kommuniziert mit ihrem Vater über das Singen. Er ist 72 Jahre alt. 2016 wurde bei dem ehemaligen Unternehmensberater Alzheimer diagnostiziert. Seit 1,5 Jahren kann er nicht mehr sprechen, deshalb singen sie - jedes Mal, wenn Tanja ihn im Heim besucht. Auf seinem Zimmer, beim Spaziergang oder im Garten, einfach überall. Die Musik ist ihre Art, zu kommunizieren. "Wohin das Gespräch dann geht oder ob es einfach nur dazu führt, dass wir gemeinsam pfeifen, in die Hände klatschen oder auf den Tisch klopfen - es ist alles möglich. Meine Aufgabe ist es dann, richtig zu interpretieren und mich auf ihn und seine Stimmung beziehungsweise Reaktion einzulassen", erzählt mir die 46-Jährige im Interview.

Kraft der Erinnerung hält die Bindung aufrecht

Tanja hat eine Liste mit den Liedern erstellt, die sie mit ihrem Vater früher auf langen Urlaubsfahrten im Auto oder zu besonderen Ereignissen gesungen hat. Mittlerweile sind Udo Jürgens, Abba oder Boney M. aus ihrem "Gespräch" nicht mehr wegzudenken. Ihr Appell: "Nutzen Sie die Kraft und die positive Macht der Musik. Sie sorgt für gute Stimmung und für Nähe. Sprechen Sie früh genug darüber, was der erkrankte Mensch mag und gerne hört. Dann haben Sie später eine wunderbare musikalische Ebene, um lange in Kontakt zu bleiben. Auch dann noch, wenn die Sprache bereits zum größten Teil verloren ist."

Manchmal mag ihr Vater Tanjas Musikauswahl aber übrigens gar nicht: "Was für ein Scheiß!" oder "Sauladen" ist hin und wieder seine Reaktion. Ein neuer Tag, ein neuer Versuch. Reagiert der Papa auf ein Lied erneut so negativ, wird es aus einfach aus der Liste gelöscht. 

Musik als Gesundheitsvorsorge

Musik verbindet und weckt Erinnerungen bei Tanja und ihrem Vater. Sie erzeugt Wärme und ein Gefühl des Zusammenseins. Singen und die Musik ist in ihrer Vater-Tochter-Beziehung nicht mehr wegzudenken. "Das ist schön, trotz dieser im Grunde so traurigen und belastenden Lebenssituation Alzheimer", erzählt Tanja aus eigener Erfahrung. ​

Das Singen spielt auch in der Altenpflege immer mehr eine größere Rolle. "Singrunden vor den Mahlzeiten beispielsweise stärken nicht nur das Gemeinschaftsgefühl, sondern sorgen auch für einen besseren Lippenverschluss, verstärkten Schluckreiz und für ein Training der gesamten Mundmotorik", erklärt Dipl.-Musiktherapeutin Simone Viviane Plechinger. So werde die Fähigkeit, zu kauen und zu schlucken, spielerisch trainiert und erhalten. Das Singen eines Wanderliedes erleichtert das Gehen, der Transfer vom Rollstuhl in den Stuhl gelingt mit schwungvoller Musik leichter. Das Singen ist auch eine wertvolle Prophylaxe gegen Lungenentzündung, weil dabei automatisch vertieft ein- und langsamer ausgeatmet wird.

Verstärkte Ausschüttung von Glückshormonen

Bei Depressionen verändert das Singen Befindlichkeiten. Denn dabei kommt es zu einer verstärkten Ausschüttung der Glückshormone. Diese können Angst und Schmerzen reduzieren, was für eine höhere Lebensqualität sorgt. So wird ein depressiver Mensch nicht nur behandelt, sondern auch von selbst aktiv. Jeden Tag eine halbe Stunde singen ist gesundheitsfördernd. Es muss aber Spaß machen. Deshalb ist wichtig: Wenn Sie singen, dann am besten ihre Lieblingslieder.