Hygiene-Experte Dr. Zinn ordnet ein

Debatte um Schulöffnung: Sind Schulen nun Corona-Hotspots oder nicht?

Sind Schulen Corona-Hotspots?
© dpa, Stefan Sauer, sts tba abl

05. Januar 2021 - 13:06 Uhr

Ist eine Verlängerung des Schul-Lockdowns wissenschaftlich gerechtfertigt?

Die meisten Schülerinnen und Schüler in Deutschland müssen sich im Januar vermutlich auf Homeschooling einstellen: Die Kultusminister der Länder kamen am 4. Januar zu einer Schaltkonferenz zusammen, um über eine mögliche Verlängerung der Schulschließungen zu beraten. Der Schul-Lockdown war von Bund und Ländern Mitte Dezember als Teil des Herunterfahrens des gesamten öffentlichen Lebens zunächst bis zum 10. Januar vereinbart worden – und scheint nun in die Verlängerung zu gehen.

Doch ist diese Verlängerung wissenschaftlich gerechtfertigt? Sind Schulen laut aktueller Erkenntnisse überhaupt Hotspots, in denen viele Corona-Ansteckungen passieren? Wir haben darüber mit Dr. Georg-Christian Zinn, Direktor Hygienezentrum Bioscientia, gesprochen.

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Sind Schulen Infektionstreiber? In der Wissenschaft herrscht Uneinigkeit

Welche Rolle spielen Schulen bei der Verbreitung des Coronavirus? Dieser Frage gehen Forscher weltweit seit Beginn der Pandemie nach. Gegen Ende des Jahres zeigte eine Studie des Helmholtz Zentrums München, dass scheinbar deutlich mehr Kinder mit dem Coronavirus infiziert sind als zunächst angenommen. Viele der betroffenen Kinder zeigten keinerlei Symptome, was auf eine hohe Corona-Dunkelziffer bei Kindern hindeutet.

Daten einer neuen Studie aus Hamburg legen hingegen nahe, dass das Infektionsrisiko in Schulen viel geringer sein soll als außerhalb. Der Stadtstaat untersuchte zwischen den Sommer- und Herbstferien 2020 alle Coronafälle unter Schülern auf ihre Infektionsketten und gewann "den klaren Eindruck, dass lediglich 20 Prozent der Schülerinnen und Schüler, die in dieser Zeit mit Corona infiziert gemeldet worden sind, sich vielleicht in der Schule infiziert haben können", sagt der Hamburger Schulsenator Ties Rabe (SPD).

Wiederum anders sieht es nach der Untersuchung eines Superspreader-Falls an einer Hamburger Schule aus. Bei dem großen Corona-Ausbruch gehen nach einer Studie der Hamburger Gesundheitsbehörde bis zu 40 Ansteckungen auf einen einzigen Überträger zurück. Das widerspricht der bisherigen Überzeugung der Kultusminister, dass sich Schüler eher außerhalb anstecken.

Drosten: "Erhebliches Infektionsgeschehen" an Schulen

Der Virologe Christian Drosten glaubt, dass es an Schulen nach dem Jahreswechsel nicht so weiterlaufen sollte wie zuvor. Dort müsse organisatorisch etwas passieren. Es gebe dort ein "erhebliches Infektionsgeschehen". Daten aus England zeigten, dass insbesondere in den Jahrgängen oberhalb der Grundschule mehr Infektionen auftreten als in der normalen Bevölkerung. "Wenn man es irgendwo weiterlaufen lassen will, dann ist es im Grundschul- und Kindergartenalter", sagte Drosten. Er wolle aber "alles andere als ein Prediger für Schulschließungen" sein.

Sind Kinder ansteckender, genauso ansteckend oder weniger ansteckend als Erwachsene?

"Das ist die große Frage", sagt auch der Hygiene-Experte Dr. Georg-Christian Zinn. "Wobei wir immer mehr Studien haben, gerade bei uns aus Mitteleuropa, wo wir sehen, dass Kinder weniger ansteckend sind." Etwa ab dem Alter von 14 bis 16 zeige sich, dass die Ansteckungshäufigkeiten denen der Erwachsenen sehr ähneln. Jüngere Kinder hingegen hätten weniger Rezeptoren im Rachen, so der Direktor des Hygienezentrums Bioscientia, und seien deshalb nicht so ansteckend wie Erwachsene.

Den Superspreader-Fall an der Hamburger Schule sieht Zinn eher als Einzelfall. "Wir haben jetzt gerade eine sehr gute Studie vom Gesundheitsamt in Frankfurt von Prof. Dr. Ursel Heudorf und Dr. René Gottschalk gekriegt, die ganz klar anhand der Frankfurter Zahlen gezeigt hat, dass Kinder wenig ansteckend sind." In der Studie seien von 100.000 getesteten Kindern nur 0,5 Prozent Corona-positiv gewesen.

Was Schulen nach der Öffnung beachten sollten

Die Nationale Akademie der Wissenschaften Leopoldina empfiehlt mit Blick auf den Schulbeginn, für alle Jahrgangsstufen den Mund-Nasen-Schutz im Unterricht verpflichtend zu machen. Zudem sollten ländereinheitliche Regeln für Wechselunterricht - also mit Präsenz in der Klasse und digital - in weiterführenden Schulen entwickelt werden, die ab einem bestimmten Infektionswert greifen sollten. Drosten regte in seinem Coronavirus-Podcast zudem die Teilung von Klassen an.

Zinn empfiehlt, bisher bestehende Möglichkeiten zum Infektionsschutz strikter einzuhalten: "Das klingt etwas abgedroschen, aber wir müssen in Schulen weiterhin auf die AHA-Regeln achten – Abstand, Händehygiene, Alltagsmasken. Und natürlich: das Lüften", so der Hygiene-Experte. Vor allem aber gebe es noch Luft nach oben, was den Weg von und zur Schule betrifft. Denn dort drängen sich die Schüler in vollen Bussen und Bahnen, während sie in der Schule Abstand halten sollen.

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