Ex-Außenminister beendet politische Karriere

Sigmar Gabriel zieht sich endgültig aus der Politik zurück

Sigmar Gabriel sagt "Servus"!
© dpa, Sebastian Gollnow, scg dul

4. November 2019 - 18:32 Uhr

von Heike Boese

Ein letzter Besuch beim Bundestagspräsidenten, ein kurzes Gespräch, eine Unterschrift – und das war's. Sigmar Gabriel hat seine politische Karriere beendet – selbst und aus freien Stücken. Zum 1. November hatte der Niedersachse sein Bundestagsmandat niedergelegt und diesen Schritt heute mit der Unterschrift unter seiner Rücktrittserklärung besiegelt. In der aktuellen Großen Koalition war für ihn kein Platz – und Hinterbänkler ist auf Dauer nichts, was Gabriel zufriedenstellt.

Gabriel wäre gern Außenminister geblieben

Gern wäre er weiter Außenminister geblieben – aber Andrea Nahles, die zum Zeitpunkt der Koalitionsbildung Anfang 2018 Parteivorsitzende war und damit das letzte Wort bei der Postenvergabe hatte, wollte ihn nicht. Gabriel – Freigeist und sprunghaft – galt ihr als ein zu großes Risiko für das Alltagsgeschäft.

Sein Alltag stattdessen: Ausschusssitzungen, kleinteilige Detailarbeit an Gesetzesvorlagen, endlose Debatten – gähn! Keine Bühne, kein Applaus und vor allem kein Einfluss auf die Entscheidungen – da langweilt sich einer wie Sigmar Gabriel schnell. Solides Graubrot? Nein, Danke.

Stattdessen hat er seine Zeit und seine hervorragenden Kontakte genutzt, um seine Zukunft zu planen: Seit dem Sommer ist Sigmar Gabriel Vorsitzender der einflussreichen Atlantikbrücke, einer Vereinigung, die auf diversen Ebenen die Beziehungen zwischen Deutschland und den Vereinigten Staaten pflegt.

Aktuell gilt er zudem als aussichtsreicher Anwärter auf einen der begehrtesten Lobbyjobs, die es in der Bundesrepublik gibt. Wenn es nach der Mehrheit der Autobosse geht, wird Sigmar Gabriel Cheflobbyist der Autoindustrie – und damit wieder einen Platz in der ersten Reihe einnehmen. Der Verband der Automobilindustrie (VDA) ist einer der mächtigsten Industrieverbände in der Bundesrepublik – wer hier das Sagen hat, dessen Wort wird auch im Kanzleramt gehört. Das würde ihm gefallen – und das könnte er auch, wie sogar politische Gegner eingestehen.

Gabriel war immer ein Typ mit Ecken und Kanten

Gegner hat Sigmar Gabriel eine stattliche Anzahl angesammelt – vor allem in der eigenen Partei. Mehr als einmal hat der 60-Jährige in seinen immerhin acht Jahren als SPD-Vorsitzender einsame Entscheidungen getroffen und die Partei vor vollendete Entscheidungen gestellt - trotz anderslautender gemeinsamer Beschlüsse. Das kostet Zeit und Nerven – vor allem die der anderen.

Andererseits gab es lange niemanden, der die Seele der SPD so gut verstand wie Sigmar Gabriel. Als die Basis Ende 2013 mit der Entscheidung über den Eintritt in die Große Koalition haderte, war es Gabriel, der eine Mitgliederbefragung auf den Weg brachte. An deren Ende entschied sich die Partei für die GroKo – und feierte ihren Parteivorsitzenden. Ohne Zweifel eine der Sternstunden in der politischen Karriere des Sigmar Gabriel.

2017 verzichtete Gabriel auf die Kanzlerkandidatur

Weniger glanzvoll aber längst nicht so schmerzhaft wie man meinen könnte, war der Verzicht auf die Kanzlerkandidatur 2017. Auf dem Tiefpunkt seiner Popularität sowohl in der SPD als auch bei den Wählern erkannte er, dass er keinen Blumentopf gewinnen kann und überließ Martin Schulz den Vortritt – allerdings wieder einmal nach einer einsamen Entscheidung, über die er seine Partei und die Öffentlichkeit gleichermaßen per Zeitschrifteninterview informierte.

Im kleinen Kreis hat er später mal erzählt, dass ihm dieser Verzicht schlussendlich nicht besonders schwer gefallen sei – wohl aber der Verlust des Amtes als SPD-Vorsitzender 2017. Das habe ihm wehgetan und er habe lange gebraucht, diesen Schmerz zu verwinden. Dass es danach mit der SPD steil bergab ging und die Partei bis heute keinen Weg zurück in die Herzen der Menschen gefunden hat, ist allerhöchstens ein schwacher Trost.

Gabriel wagt mit 60 Jahren einen Neuanfang außerhalb der Politik

Sigmar Gabriel ist jetzt 60 Jahre alt – sein gesamtes bisheriges Leben hat er der Politik gewidmet. Seit 1977 in der SPD, Vorsitzender der JuSos und der Bundes-SPD, Kommunal- und Landespolitiker, Ministerpräsident von Niedersachsen und Chef von insgesamt drei Bundesministerien (Umwelt, Wirtschaft und Auswärtiges) – so einer wird am Ende seiner Karriere nicht als Hinterbänkler glücklich. Dann lieber ein klarer Strich und einen Neuanfang wagen – die SPD wird ihn womöglich mehr vermissen als er sie.

Aber er ist ja nicht aus der Welt und wird sicher auch weiter hin und wieder von der Seitenlinie mehr oder weniger gute Ratschläge erteilen – manchmal werden die Genossen genervt mit den Augen rollen und manchmal womöglich sogar ein bisschen ins Grübeln geraten. Ob man ihn mag oder nicht, viele vom Schlag eines Sigmar Gabriel hat die SPD nicht.