Was werden wir mitnehmen?

Sieben Learnings aus der Corona-Krise

Coronavirus · Dresden
© dpa, Robert Michael, ert

03. April 2020 - 17:33 Uhr

Von Heike Boese

Auch wenn heute noch nicht klar ist, wie lange die Corona-Krise dauert, lohnt es sich schon jetzt, mal an die Zeit danach zu denken. Welche Erfahrungen machen wir jetzt, welche Lehren können wir daraus ziehen? Der Trendbeobachter Matthias Haas macht uns dabei Mut. "Wir werden uns teilweise neu erfinden müssen. Die eine Firma wird kleiner werden und andere Unternehmen werden wachsen. Wir werden viele Kompromisse eingehen und merken, dass dies nicht schlecht sein muss. Nicht für uns und unsere Lieben, nicht für die Gesellschaft."

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Unser Leben nach Corona wird anders aussehen

Klar ist jetzt schon, dass unser Nach-Corona-Leben in vielen Bereichen anders aussehen wird. Auf einige Veränderungen, die längst überfällig waren, hat die aktuelle Krise nur wie ein Katalysator gewirkt und sie so vorangetrieben, in anderen Bereichen müssen wir uns vielleicht von lieb gewonnenen Gewohnheiten verabschieden, weil sie einfach unsere Ressourcen übersteigen.

1. Versorgung mit Lebensmitteln

Natürlich ist es sehr angenehm, noch bis zum Ladenschluss jede noch so exotische Obst- oder Gemüsesorte in den Geschäften kaufen zu können. Aber müssen es tatsächlich immer die vollreifen Avocados, die Erdbeeren im Winter oder das tiefgefrorene Straußensteak sein? All diese Lebensmittel, die gut schmecken und unsere Ernährung bunt und abwechslungsreich machen, haben viele Flugkilometer hinter sich. Heimische Bauern predigen seit Langem, dass es für die Umwelt viel besser ist, überwiegend das zu essen, was der Jahreszeit entsprechend und weitgehend regional angebaut wird. Exotische Ausnahmen sind kein Problem, aber sollten eben Ausnahmen bleiben.

2. Globalisierung vs. Regio

In einer Krise wie der aktuellen zeigt sich auch überdeutlich, welche negativen Auswirkungen die Globalisierung mit sich bringt. Schon vor Corona kam die Versorgung der Bundesbürger mit bestimmten Medikamenten in arge Nöte, weil die Produktion aus Kostengründen ins Ausland verlagert wurde, hauptsächlich nach China und Indien. Der weltweite Ausbruch von Corona hat das Problem deutlich verschärft. Kein Wunder, dass darüber nachgedacht wird, die Produktion nach Deutschland oder wenigstens nach Europa zurückzuholen. Andreas Gassen, der Vorstandsvorsitzende des Kassenärztlichen Bundesverbandes, plädiert im FRÜHSTART von ntv und RTL dafür, die Produktion wieder hier anzusiedeln  "Man muss sich dann ehrlicherweise auch zugestehen, dass es dann vielleicht ein bisschen teurer wird. Aber ich glaube, das ist es wert."

3. Wertschätzung von Pflege-Berufen

Aber geht das überhaupt so einfach? Nein, jedenfalls nicht sofort. Die Frage, was uns die Unabhängigkeit bei der Versorgung mit Medikamenten und medizinischer Ausrüstung wert ist, wird in naher Zukunft beantwortet werden müssen. Genauso wie die Frage nach der Wertschätzung von medizinischen und pflegenden Berufen. Schon vor der Corona-Krise ächzte das Gesundheitswesen unter dem Fachkräftemangel. Gerald Gaß, Präsident der Deutschen Krankenhausgesellschaft, mahnt, dieses Problem jetzt sehr schnell anzugehen. "Wir müssen den Beruf attraktiver machen, damit sich mehr junge Menschen entscheiden, im Krankenhaus oder in einer Arztpraxis arbeiten zu wollen."  

Positiver Effekt: Die Natur kann sich erholen

4. Zuhause ist es doch auch schön

Generell verschieben sich die Ansprüche der Menschen gerade etwas. Noch vor ein, zwei Monaten hatten viele eine Kurzreise über Ostern geplant. Mindestens an die Ostsee, zum Wandern in die Alpen oder in die Sächsische Schweiz, manche sogar ins Ausland. Für drei Tage nach Barcelona? Oder über Ostern nach Rom, in die "Ewige Stadt"? Na klar, machen doch alle. Jetzt nicht. Jetzt freuen wir uns, dass wir im Park spazieren gehen können oder eine Runde um den See in der Nähe drehen. Ein positiver Nebenaspekt: die Natur erholt sich zusehends, zum Beispiel in Venedig, wo das Wasser in den Kanälen so klar ist wie seit Jahrzehnten nicht mehr.

5. Das Miteinander

Und auch der Umgang miteinander verändert sich. Wo früher gerade mal Zeit für ein flüchtiges Hallo war, sprechen wir viel mehr miteinander. Wir klingeln bei älteren Nachbarn und fragen, ob sie Hilfe brauchen, es gibt in den sozialen Medien Aufrufe, für andere da zu sein, für Kranke oder Alte einzukaufen und nie zuvor haben wir einander so oft und aus ehrlichem Herzen gewünscht, bitte gesund zu bleiben. 

Auch Digitalisierungs-Muffel erkennen: Das funktioniert ja im Home-Office

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Merkels Videokonferenz mit allen 16 Ministerpräsidenten drohte an der technischen Hürde zu scheitern.
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6. Unser Job 

Und natürlich wird sich unsere Arbeitswelt nachhaltig verändern. Viele erleben das ja schon an eigenen Leib. Wer sich lange nicht mit dem Gedanken an Home Office oder überwiegend digitales Arbeiten anfreunden konnte, wird gerade von der Realität überholt - und siehe da, es geht besser als gedacht. Dienstreisen quer durch die Republik für ein einstündiges Meeting wird es in Zukunft noch geben, aber viel weniger als bisher, wir werden uns öfter am digitalen Konferenztisch treffen. Maue Zeiten für Airlines, aber goldene Aussichten für Anbieter von schnellen, einfach zu bedienender Videokonferenztechnik.

7. Die Digitalisierung

Und somit sind wir beim letzten und siebten Punkt: Diese Videokonferenzen - im Job oder aber auch als privates Treffen mit der Omi oder den Freundinnen - zeigen überdeutlich: Der lange verschlafene Ausbau des Breitbandnetzes muss jetzt in die Puschen kommen. Dass das nicht nur auf dem platten Land, sondern auch mitten in Berlin nicht immer klappt, hat die Bundeskanzlerin gerade selbst erlebt. Ihre Videokonferenz mit allen 16 Ministerpräsidenten drohte an der technischen Hürde zu scheitern. Es hat dann doch noch geklappt, aber jetzt weiß Angela Merkel, worüber sich viele Deutsche immer wieder beklagen. Vielleicht hilft es ja und sie macht das Thema jetzt zur Chefsache.

Doku bei TV NOW: Stunde Null - Wettlauf mit dem Virus

Welcher Weg führt am schnellsten aus der Krise? Wie können wir das Corona-Virus bekämpfen? Damit beschäftigt sich der zweite Teil der TV NOW-Dokumentation "Stunde Null – Wettlauf mit dem Virus".