Sie ließen den Rentner einfach hilflos liegen: Richter spricht Urteil

© dpa, Marcel Kusch, mku fdt

19. September 2017 - 10:00 Uhr

83-Jähriger starb eine Woche nach dem Vorfall

Sie gehen am Abend noch schnell bei der Bank vorbei. Auf dem Weg von der Eingangstür zum Geldautomaten liegt ein regungsloser Mann, offensichtlich ein Rentner. Was würden Sie tun? Für vier aufeinander folgende Kunden war der Fall klar: Drübersteigen oder drum herum gehen, Geld abheben und seines Weges gehen. Erst der Fünfte sah die Situation anders, er rief den Notarzt. Als die Polizei eintraf, konnte der 83-Jährige noch seinen Namen nennen und sagte, dass er müde sei, berichtete ein Beamter. Dann verlor er das Bewusstsein. Eine Woche später verstarb er.

"Ich gehe einfach nur rein, mache meine Erledigungen und gehe wieder"

Aus diesem Grund standen heute die ersten drei Kunden, zwei Männer (55 und 61) und eine Frau (39) vor Gericht und wurden wegen unterlassener Hilfeleistung zu Geldstrafen verurteilt. Eine Überwachungskamera im Vorraum der Bank hatte das Geschehen dokumentiert. Das Fazit des Richters Karl-Peter Wittenberg: Der Mann sei ihnen einfach gleichgültig gewesen. Die drei Bankkunden hätten billigend in Kauf genommen, dass da jemand liegt, der Hilfe benötigt. "Keiner wollte Hilfe leisten", so die Begründung Wittenbergs für die Geldstrafen von bis zu 3.600 Euro.

Zwei der drei Angeklagten sagten aus, sie hätten den 83-Jährigen für einen Obdachlosen gehalten. "Ich dachte, er schläft", sagte der 61 Jahre alte Beschuldigte. Er betonte, er habe früher schon einmal jemanden angesprochen und sei dann beschimpft worden. Die 39 Jahre alte Angeklagte sagte, sie sei schon öfter von Obdachlosen belästigt worden und beschrieb ihr Verhalten so: "Ich gehe einfach nur rein, mache meine Erledigungen und gehe wieder." Dagegen schilderte ein Polizeibeamter, der mit einem Kollegen zu der Bank gerufen worden war: "Für uns war klar, dass es sich nicht um einen Obdachlosen handelt."

Auch der vierte Angeklagte muss sich noch verantworten

Das Gericht verurteilte nun die Frau zu einer Geldstrafe in Höhe von 3.600 Euro. Der 61-Jährige muss 2.800 Euro zahlen, der 55-Jährige 2.400 Euro. Die Verteidigung der drei hatte Freisprüche gefordert. Auch der vierte Beschuldigte wird sich noch vor Gericht verantworten müssen. Das Verfahren gegen den vierten Angeklagten wurde wegen dessen Gesundheitszustandes abgetrennt. Bei dem 55-Jährigen wird noch geprüft, ob er verhandlungsfähig ist.

Es blieb bei Geldstrafen unter anderem auch, weil ein Gutachten ergab, dass der Rentner auch gestorben wäre, wenn der Arzt eher gekommen wäre. Der Senior war innerhalb weniger Minuten mehrfach rückwärts gefallen und mit dem Kopf auf dem Fliesenboden aufgeschlagen. Nach einem dritten Sturz blieb er liegen - mitten in dem Raum neben einem Geldautomaten, wie die vor Gericht gezeigten Filme aus der Überwachungskamera zeigen.