Tochter und Mutter brechen ihr Schweigen

Missbraucht vom eigenen Vater? „Ich kämpfe, ich gebe mein Bestes“

28. September 2020 - 17:28 Uhr

Mirella will nicht mehr nur Opfer sein

Mirella* musste als Kind Unbeschreibliches erleiden: Ihr eigener Vater soll sie immer wieder sexuell missbraucht haben. Ihre Mutter Yvonne* blieb lange Zeit ahnungslos – bis ihr in einem schrecklichen Moment klar wurde, was ihre beiden Töchter durchmachen mussten. Heute kämpfen Mutter und Tochter für mehr Aufklärung, Wachsamkeit und strengere Gesetze, die Opfer wirklich schützen. Denn obwohl sie sich mutig gegen ihn stellten und das Jugendamt informiert war, kam der mutmaßliche Täter bis zum heutigen Tag ohne Strafe davon.

Unsere Reporterin Wiebke Wittneben hat mit Mirella und Yvonne gesprochen. Von welchen schlimmen Erinnerungen und seelischen Folgen sie berichten und warum sie nicht mehr schweigen wollen, sehen Sie im Video.

Pro Tag erfahren 43 Kinder in Deutschland sexuelle Gewalt

Sexueller Missbrauch an Kindern: Ein furchtbares Thema, über das meist geschwiegen wird – obwohl laut einer aktuellen Statistik des Bundeskriminalamts jeden Tag 43 Kinder in Deutschland Opfer davon werden. Und die Dunkelziffer dürfte noch viel höher liegen. Wie kann kann es sein, dass offenbar viele Pädokriminelle in Deutschland mit ihren angeblichen Taten straflos davonkommen? Experten kritisieren seit langem, dass unsere Gesetze zu lasch sind und Richtern offenbar Fachwissen fehle.

Opfer und Experten fordern höhere Strafen

Auch Mirella und ihre Mutter fordern nach ihren schlimmen Erfahrungen vom Staat mehr Unterstützung für Opfer: Konsequenteres Eingreifen der Jugendämter, keine Verjährungsfristen und vor allem höhere Strafen.

Ursula Enders vom Verein "Zartbitter", die sich seit über 40 Jahren für den Kampf gegen Kindesmissbrauch einsetzt, erklärt ebenfalls: "Was wir vor allen Dingen brauchen, ist eine ganz klare Gesetzgebung und auch gerichtliche Handhabung, dass jemandem, der im Besitz und Vertrieb von Kinderpornografie war, die Erziehungsfähigkeit abgesprochen wird. Weil das Risiko, dass er aktiv die ihm anvertrauten Kinder missbraucht, extrem hoch ist."

Seit Juli 2020 gibt es immerhin neue konkrete Vorhaben für ein härteres Vorgehen gegen sexuelle Gewalt an Kindern. Bundesjustizministerin Christine Lambrecht fordert: "Kein Täter darf sich vor Entdeckung sicher fühlen. Der Verfolgungsdruck muss deshalb massiv erhöht werden." Was das konkret heißt und welche Änderungen in Kraft treten sollen, damit Kinder besser vor sexueller Gewalt geschützt werden, erklären wir hier.

Sexueller Missbrauch bleibt oft unentdeckt

Das Problem: Kindesmissbrauch ist schwer erkennbar, die Täter seien meist äußerst manipulativ. Am offensichtlichsten sollen plötzliche Lernrückstände der Kinder sein. Auch Mutter Yvonne soll diese bei ihrer kleinsten Tochter realisiert haben. Erst später kamen dann die bohrenden Fragen, ob sie schon früher etwas hätte merken müssen: "In der ersten Klasse konnte sie lesen, war die Beste in der Klasse. Plötzlich war das so: Sie konnte keine Diktate mehr schreiben, nicht mehr lesen – von jetzt auf gleich," berichtet Yvonne.

Missbrauchte Kinder reagieren oft unterschiedlich: plötzlich extrem zurückgezogen oder extrem aufbrausend. Viele lassen keine Nähe mehr zu, wollen keine Umarmungen und Küsse mehr zulassen. Es gibt auch körperliche Anzeichen, zum Beispiel Genitalwarzen.

Welche Warnsignale noch auf sexuellen Missbrauch schließen lassen können, erklären wir hier.

Mirella steht mit ihrem Mut für andere Kinder ein

Das Schicksal von Mirella kann nicht mehr ungeschehen gemacht werden. Sie und ihre Mutter müssen außerdem damit leben, dass der mutmaßliche Täter – Mirellas Vater – nach wie vor unbehelligt und auf freiem Fuß ist. Trotzdem ist die junge Frau froh, als Erwachsene nochmals die Behörden eingeschaltet zu haben – weil sie aktiv wurde und nicht mehr nur Opfer war. "Es gab Momente, wo ich schon aufgegeben hab. Aber vielleicht hab ich von meiner Mutter den Ehrgeiz, das Kämpferische. Einfach nicht aufzugeben."

Mirella weiß, dass sie damit eher eine Ausnahme ist. Deswegen hofft sie, dass sie mit ihrer Offenheit irgendeinem Kind helfen kann. So wie der Beitrag über Missbrauchsanzeichen, den ihre Mutter Yvonne vor 24 Jahren im Fernsehen sah – und der sie und ihre kleine Schwester gerettet hat.

*Namen von der Redaktion geändert