Sexismus-Debatte auf Twitter: Ein #aufschrei geht durchs Netz

7. März 2013 - 10:45 Uhr

Frauen lassen Luft ab – Thema bleibt im Trend

Der Vorwurf einer anzüglichen Annäherung des FDP-Fraktionschefs Rainer Brüderle an eine Journalistin hat in Deutschland eine Sexismus-Debatte in den sozialen Netzwerken entflammt. Vor allem Frauen berichten über alltägliche Beleidigungen, Diskriminierungen und Übergriffe und verschaffen sich somit Gehör. Ein Tabuthema findet seinen #aufschrei im Netz.

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Anne Wizorek hat die Sexismus-Debatte unter ihrem Pseudonym @marthadear auf Twitter ins Rollen gebracht.

Im Kurzmitteilungsdienst Twitter teilen mittlerweile unzählige Frauen unter dem Hashtag #aufschrei ihre Erfahrungen mit alltäglichem Sexismus wie Diskriminierungen durch den Chef oder Kollegen sowie schmerzhafte Beleidigungen und Übergriffe in öffentlichen Verkehrsmitteln mit. "Der Kollege, der mich auf der Weihnachtsfeier vor 3 Jahren angrabschte, weil ich 'doch so ausgelassen' war. #aufschrei", schreibt @kullerfieps. @tia590 twitterte: "Als Technik-Studentin von Kommilitonen ignoriert werden, damit man nicht denkt, sie seien auch anderweitig interessiert. Hallo? #aufschrei". Aber auch Männer beteiligten sich an der Diskussion, wie @WilhelmTells: "Lese #aufschrei und fühle mich als Mann richtig schlecht."

Zum ersten Mal tauchte #aufschrei in der Nacht zum Freitag auf. @vonhorst schrieb dort: "Der Arzt, der meinen Po tätschelte, nachdem ich wegen eines Selbstmordversuchs im Krankenhaus lag". @marthadear kommentierte die Erlebnisse mit "wir sollten diese erfahrungen unter einem hashtag sammeln. ich schlage #aufschrei vor". Und die Debatte hält an: aktuell liegt das Schlagwort auf Platz zwei der Twitter-Trends. Bislang wurden rund 25.000 Tweets unter dem Schlagwort #aufschrei veröffentlicht. Dabei handelt es sich bei den Tweets natürlich um Erlebnisse, die im Einzelnen nicht verifiziert werden können. Dennoch zeichnen sie ein klares Bild vom alltäglichen Sexismus – nicht nur gegenüber Journalistinnen sondern unzähligen Frauen in Deutschland, die ihre Wut bisher nicht offen in die Welt herausgeschrien haben.

Es gebe ein großes Redebedürfnis der Frauen auf Twitter, sagte Anne Wizorek, die die Debatte als @marthadear auf Twitter ins Rollen gebracht hat, 'Spiegel Online'. "Alltagssexismus ist in vollem Gange", fügte die 31-Jährige hinzu. Leider werde das Thema noch immer unter den Teppich gekehrt. Das belaste viele Frauen.

Knigge: Sexismus ist "plump, geil und ekelhaft"

Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) warb nach den Sexismus-Vorwürfen gegen Brüderle für korrekte Umgangsformen zwischen Politikern und Journalisten. Bundesfrauenministerin Kristina Schröder (CDU) ließ mitteilen, sexuelle Belästigung sollte unabhängig vom Einzelfall als Dauerthema diskutiert werden. Als "plump, geil und ekelhaft" nannte der Vorstandsvorsitzende der Deutschen Knigge Gesellschaft, Hans-Michael Klein, sexistisches Benehmen. Anscheinend sei es "schwer in Mode" gekommen, sich über Sexismus im Business zu beschweren, sagte er den Zeitungen der 'WAZ-Gruppe'. Das sei auch in Ordnung, solange es nicht in Hysterie ausarte. "Anbaggern an sich ist legitim. Es kommt aber auf die richtige Form an", fügte Klein hinzu.

Eine Sprecherin von Schröder (CDU) erklärte, viele Frauen seien mit sexueller Belästigung konfrontiert. Sie verwies auf eine Studie aus dem Jahr 2004, wonach 58 Prozent der befragten Frauen angaben, mindestens einmal Opfer von sexueller Belästigung geworden zu sein, davon 42 Prozent am Arbeitsplatz.

Auch Grünen-Chefin Claudia Roth rügte alltäglichen Sexismus in der Gesellschaft. "Es ist unfassbar, wie viele Männer es gar nicht merken, wenn sie Diskriminierungen herunterspielen oder sogar meinen, sexistisches Verhalten sei schlicht ihr gutes Recht", sagte Roth 'Spiegel Online'. "Die Art der Debatte um alltäglichen Sexismus und um die Frauen, die es einmal deutlich aussprechen, zeigt wie salonfähig Sexismus heute immer noch ist."

Die Vorsitzende des Journalistinnenbundes in Bonn, Andrea Ernst, hat die Sexismus-Debatte als dringend notwendig begrüßt. Vor allem junge Frauen, Praktikantinnen und Jungredakteurinnen kämen nun zu Wort, sagte sie. Dem ohnehin schon sehr nahen Verhältnis zwischen Presse und Politik tue die Diskussion zudem sehr gut und professionalisiere die Beziehung wieder.