Das können wir von früheren Seuchen über das Coronavirus lernen

Seuchenforscher Leven: "Mit dieser Wucht hätte ich nicht gerechnet"

Prof. Dr. med. Karl-Heinz Leven  Institut für Geschichte und Ethik der Medizin,
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30. März 2020 - 16:52 Uhr

Die Menschen schossen mit Kanonen auf Krankheiten

Corona ist nicht die erste Seuche, die erste Pandemie, die Deutschland und die Welt heimsucht - und sie wird vermutlich auch nicht die letzte sein. Prof. Dr. med. Karl-Heinz Leven forscht über die Krankheiten und ihre Auswirkungen früher und heute. Er arbeitet am Institut für Geschichte und Ethik der Medizin. Was die Pest mit Corona gemeinsam hat und warum die Menschen früher mit Kanonen die Krankheiten bekämpfen wollten - die spannenden Antworten im Interview, geführt von Gudula Hoerr.

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Kölnisch Wasser war eine erste Form von Desinfektionsmittel

Sie forschen seit Jahrzehnten zur Seuchengeschichte, nun hat das Corona-Virus die Welt im Griff. Haben Sie je in Ihrem Leben eine Pandemie dieses Ausmaßes erwartet?

Karl-Heinz Leven: Ich hatte immer die Warnungen vor Seuchen im Blick. Aber mit dieser Wucht habe ich nicht gerechnet. Und die Aktualität der Seuchengeschichte hätte ich in dieser Form auch nicht gebraucht.

Was ist das Besondere an der Corona-Pandemie?

Weltweit müssen Millionen Menschen in ihren Häusern und Wohnung bleiben, ganze Volkswirtschaften werden heruntergefahren. Dafür gibt es in der Geschichte kein Beispiel. Wir versuchen gerade in der westlichen Welt, eine Pandemie mit allen medizinischen und materiellen Mitteln im Keim zu ersticken, weil wir eine höhere Todesrate nicht akzeptieren. Das ist ein gigantisches Experiment, das es noch nie gegeben hat.

Was hat man früher gemacht?

Auch früher ging man gegen Seuchen vor, zum Teil ähnlich wie jetzt: mit Abschließungsmaßnahmen, Quarantäne, Unterbringung der Kranken in Pesthäusern. Dann gab es auch Maßnahmen, die uns jetzt naiv vorkommen: So glaubte man in der frühen Neuzeit, dass Unreinheiten in der Luft die Seuchen verursachen. Deshalb feuerte man Kanonen ab und hoffte, der Pulverdampf würde diese Stoffe neutralisieren. Auch das berühmte Kölnisch Wasser war ursprünglich ein Mittel gegen die Pest, um mit Wohlgerüchen einen für schädlich erachteten Dampf in der Luft zu neutralisieren - eine Art Vorstellung von Desinfektion. Sie hat nur leider nicht funktioniert.

Wie auch? Man wusste ja auch kaum etwas über die  Krankheiten.

Es gab die Vorstellung, dass Seuchen eine Art von himmlischer Strafe wären für sündhaftes Verhalten – weshalb zu den Anordnungen auch gehörte, nicht mehr gotteslästerlich zu fluchen oder sich dem Würfelspiel hinzugeben. Die Moral spielte in der Pest eine große Rolle. Auch heute finden wir gelegentlich einen moralischen Unterton in den Anweisungen der Politiker.

Aber es finden keine Hexenjagden mehr statt wie früher.

Zum Glück gibt es diese Gefahr nicht mehr, so schlau sind die Leute jetzt doch. Sie sind medizinisch fundierter informiert – auch über die Ursache der Seuche, das Virus eben. Deshalb kursieren auch viel weniger Verschwörungstheorien.

"Ein Gramm Gehirn ersetzt 100 Liter Sterilium"

Welche Gefahren sehen Sie denn heute?

Die Mortalität wird nicht das Problem sein. Richtig immens und wirklich bedrohlich ist etwas anderes: der wirtschaftliche Totalzusammenbruch, den wir gerade durch die Abschließungsmaßnahmen hervorrufen. Dieser Schaden wird uns noch lange beschäftigen und Folgen haben, von denen sich niemand heute klare Vorstellungen machen kann. Wirtschaftsexperten und Politiker sehen die möglichen Kosten auf Weltkriegsniveau. Es kann jedoch auch ganz anders, d.h. besser laufen. Das ist möglich.

Ist dieses Gesundheitssystem denn gut genug vorbereitet auf die Pandemie?

Das deutsche Gesundheitswesen ist eines der besten der Welt und vergleichsweise gut ausgestattet - auch wenn Pflegekräfte fehlen und es noch andere Probleme gibt. Allerdings müssen in den Kliniken neben den Corona-Fällen weitere Patienten behandelt werden, das ist eine Selbstverständlichkeit und zugleich ungeheure Anstrengung. Durch die Abflachung der Infektionskurve gewinnen wir zwar Zeit. Aber was passiert, wenn wir die Absperrungsmaßnahmen jetzt aufheben?

Wie lange müsste denn jetzt abgesperrt werden?

Nach der Logik der Virologie müsste abgesperrt werden, bis man entweder einen Impfstoff hat, der dann auch auf breiter Basis zur Verfügung steht, oder bis ein einigermaßen zuverlässiges Therapeutikum vorliegt – zumindest ein Mittel, das schwere Verläufe gut abmindern kann.

Nach Ihrer Kenntnis der Geschichte: Was empfehlen Sie allen im Umgang mit dem Virus?

Dass man nicht verrückt wird und nicht durchdreht, sondern nüchtern bleibt und kühlen Kopf bewahrt. Mein Motto ist: Ein Gramm Gehirn ersetzt 100 Liter Sterilium.