Serie 'Unser Öl': Erdölförderung macht Millionen Menschen krank

Den Öl-Multis geht es ums große Geld, Menschenrechte und Umweltschutz kommen da oft zu kurz.
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04. Juli 2014 - 15:53 Uhr

Öl-Multis und die gnadenlose Jagd nach Profit: Der Mensch schaut zu und lebt im Dreck

Wenn Öl-Konzerne ihre Geschäfte machen, ist ihnen dabei oftmals jedes Mittel recht. Gnadenlos verteidigen sie ihre Interessen – oft in Entwicklungsländern und nicht selten gegen bestehendes Recht. Zwar stecken Shell, BP und Co viel Geld in Umwelt- und Imagekampagnen, doch immer wieder erheben Journalisten unglaubliche Vorwürfe gegen die Öl-Multis.

Es geht um Waffenhandel, die Beseitigung von Gegnern, die Ausstattung von Privatarmeen zum Schutz der Pipelines und die Beraubung der Lebensgrundlage indigener Völker. Diese Enthüllungen lesen sich spannender als ein Wirtschaftskrimi, spielen sich aber leider in der Realität ab.

Weltweites Aufsehen erregte die Exekution des nigerianischen Bürgerrechtlers Ken Saro Wiwa, der 1995 hingerichtet wurde. Saro-Wiwa entstammte dem Volk der Ogoni, die im Niger-Delta leben. Der britisch-niederländische Konzern Shell bohrt dort seit den 1950er Jahren nach Öl. Saro-Wiwa gründete 1989 die Organisation 'Bewegung für das Überleben des Ogoni-Volkes' (MOSOP), die sich für den Erhalt des durch die Ölförderung bedrohten Lebensraumes dieses Volkes einsetzte.

Die massive Umweltzerstörung im Niger-Delta ist nach Meinung der Initiative für den Tod Tausender Nigerianer verantwortlich. Weil das Delta extrem verunreinigt ist, verloren die meistens als Fischer arbeitenden Ogoni ihre Lebensgrundlage. "Die Umweltverschmutzung in Ogoniland ist unverändert hoch wie auch die Gefahr, ernsthaft zu erkranken. Das bestätigte auch ein Bericht des UN-Umweltprogramms, das die dringend benötigte Hilfe noch einmal betont. Nigerias Präsident Goodluck Jonathan hat nichts getan, außer eine Kommission zu gründen, die die immergleichen Empfehlungen wiederholt. Es ist offensichtlich, dass der Regierung der politische Wille fehlt, sich ernsthaft mit dem Ogoni-Problem auseinanderzusetzen", sagt Prince Kabari im Interview mit RTLaktuell.de. Kabari kämpft mit der MOSOP seit Jahren gegen die andauernde Umweltzerstörung im Niger-Delta.

Die Ogoni fordern eine Sanierung der geschädigten Gebiete und eine Beteiligung der Bevölkerung an den Einnahmen aus der Erdölförderung. Nach einer Demonstration mit 300.000 Menschen – etwa die Hälfte der Ogoni-Bevölkerung – stellte Shell im Jahr 1993 sogar kurzzeitig seine Tätigkeit ein. Doch der Konzern konnte sich auf die Hilfe der damaligen Militärregierung unter Sani Abacha verlassen. Saro-Wiwa wurde mehrfach festgenommen und schließlich im Oktober 1995 zum Tode verurteilt. Trotz massiven internationalen Drucks wurde der Träger des Alternativen Nobelpreises, Schriftsteller und Fernsehproduzent Saro-Wiwa im November 1995 hingerichtet. Kritiker werfen Shell eine Mitschuld am Tod des Ogoni-Führers vor. 2009, also 14 Jahre nach seinem Tod, erklärte sich der Konzern bereit, den Hinterbliebenen von Saro-Wiwa und seinen ebenfalls hingerichteten acht Weggefährten eine Entschädigung von 15,5 Millionen US-Dollar zu zahlen. Ein Schuldgeständnis?

"Es scheint nur um die Ölförderung und die Gewinnmaximierung zu gehen. Dabei hat Shell Business Prinzipien, die ganz vorbildlich sind. Die kann man sogar auf der Website von Shell nachlesen. Da steht drin, dass sie die Menschenrechte achten und die Umwelt schützen. Doch der Unterschied zwischen Worten und Taten ist extrem: Denn Shell setzt seine eigenen Richtlinien im Niger-Delta einfach nicht um", sagt Antje Breucking von Amnesty im Interview mit RTLaktuell.de.

Geschäfte mit der Guerilla - Petro-Dollars finanzieren Kriege

"Shell muss endlich zur Rechenschaft gezogen werden für die Gewaltakte an der völlig verarmten ethnischen Ogoni-Minderheit im Niger-Delta", so der verzweifelte MOSOP-Sprecher Kabari.

Shell aber geht unbeirrt seinen Weg: Im Jahr 2001 gab Shell zu, Waffen für den Schutz seiner Anlagen an die lokale Polizei gegeben zu haben. Unvergessen ist der Kampf vieler Bürger in Deutschland, Dänemark und den Niederlanden gegen die Versenkung der Verladeplattform 'Brent Spar' in der Nordsee. 1995 besetzte Greenpeace die Plattform und machte Pläne von Shell dadurch überhaupt erst publik. Tausende Autofahrer mieden Shell-Tankstellen, es kam zu Umsatzeinbußen von bis zu 80 Prozent. Shell reagierte und entsorgte die 'Brent Spar' schließlich an Land.

Doch Shell ist bei weitem nicht der einzige Öl-Multi, dem Verbrechen vorgeworfen werden. 1983 unterstellten Menschenrechtsaktivisten dem Konzern Texaco, Geld für den Aufbau paramilitärischer Gruppen in Kolumbien gegeben zu haben. Auch BP fördert Öl in Kolumbien. 1998 veröffentlichten die Zeitungen 'El Espectador' aus Kolumbien und der englische 'Guardian' brisante Details über die Ausstattung einer privaten Sicherheitsfirma, die die Erdölanlagen schützen sollte. Zwei Jahre zuvor listete der 'Observer' eine ganze Reihe von Delikten des Multis in Kolumbien auf, die sich in erster Linie gegen die einheimische Bevölkerung richtete. Dabei geht es auch um Todesschwadronen und das Verschwinden von Gewerkschaftern.

Im Jahr 2010 erhielt das Management von BP nach dem Untergang der 'Deepwater Horizon' im Golf von Mexiko den Black Planet Award, der jährlich an Personen vergeben wird, die erheblich zur Zerstörung der Erde beitragen.

In Russland erlaubte die Staatsduma dem weltgrößten Erdgasproduzenten Gazprom und dem Ölpipeline-Monopolisten Transneft im Jahr 2007, eigene Armeen aufzubauen. Die sollen dann die Öl- und Gaspipelines, sowie die Förderstätten schützen.

Es gibt kein Land auf dieser Welt, in dem Erdöl gefördert wird und in dem nichts und niemand darunter leidet. In Tschad entwickelte sich durch die Erdölförderung von Esso die Landwirtschaft zurück. Das Problem nennt sich 'Dutch Disease' und ist in vielen Entwicklungsländern zu beobachten, in denen der Ölsektor eine dominante Rolle einnimmt. Bei diesem Phänomen schrumpfen die Anteile der Wirtschaft außerhalb des Erdölsektors. Die einheimische Bevölkerung schaut meist in die Röhre, manchmal erhalten die Menschen Entschädigungszahlungen für das Land, das man ihnen abnimmt. Diese Zahlungen können sie aber oft wegen der fehlenden Infrastruktur nicht sinnvoll einsetzen. Am Ende sehen sie sich ihrer Lebensgrundlage beraubt und verarmen.

Andere werden krank durch die Öl-Verarbeitung. In Südafrika gerieten die Raffinerien SAPREF und Engen in die Schlagzeilen, nachdem im Süden der Stadt Durban, wo die Raffinerien stehen, außergewöhnlich hohe Umweltbelastungen gemessen wurden. Lindan beispielsweise und DDT. Beide Stoffe stehen in Verdacht, Krebs zu erregen. Rund um die Raffinerien befinden sich Townships, slumähnliche Stadtviertel, in denen die arme und meist schwarze Bevölkerung lebt und dort Tag und Nacht den Giftwolken ausgesetzt ist. Pro Tag werden hier nach Angaben von 'Health System Trust' (HST) 40 Tonnen Schwefeldioxid in die Luft geblasen. Drei Schulen stehen weniger als einen Kilometer entfernt von den Schloten. Die Untersuchung von HST förderte ein wenig überraschendes Ergebnis zu Tage: Im Süden der Stadt Durban gibt es ein erhöhtes Risiko, an Asthma zu erkranken.

Es gibt unzählige weitere Beispiele wie die Finanzierung des blutigen Bürgerkriegs in Angola mit Petro-Dollars oder die Bedrohung des fantastischen Virunga-Nationalparks im kongolesisch-ugandischen Grenzgebiet, in dem auch Berggorillas leben. Wittern die Öl-Multis Geschäfte, haben Mensch und Natur schlechte Karten.

Aber es gibt Hoffnung: Im 5. Teil der Serie 'Unser Öl' präsentieren wir das Projekt Yasuni-ITT. Ecuadors Präsident Correa machte 2007 den bahnbrechenden Vorschlag, das unter dem Nationalpark Yasuni lagernde Öl im Boden zu belassen, wenn das Land dafür Entwicklungshilfe erhalte. Nicht ganz einfach, denn es zeigte sich, die Industrieländer haben nichts zu verschenken.