Serie 'Unser Öl': Das bahnbrechende Projekt Yasuni

Yasuni-Nationalpark: Das Projekt Yasuni ITT. Erdölförderung im Dschungel. Ecuador will das Öl im Boden lassen. Was aber will die Welt?
Yasuni-Nationalpark: Das Projekt Yasuni ITT. Erdölförderung im Dschungel. Ecuador will das Öl im Boden lassen. Was aber will die Welt?
© picture alliance / dpa, Eduardo Leon

04. Juli 2014 - 15:53 Uhr

Ein einzigartiger Nationalpark ist in größter Gefahr: Was tut die Welt?

Als der frisch gewählte ecuadorianische Präsident Rafael Correa im Jahr 2007 vor die Generalversammlung der Vereinten Nationen trat, rieben sich nicht wenige der Anwesenden in New York die Augen. Der Präsident schlug einen bisher nicht da gewesenen Deal vor: Er will die knapp 900 Millionen Barrel Erdöl, die unter dem Yasuni-Nationalpark in Ecuador vermutet werden, im Boden lassen und dafür Kompensationszahlungen als Entwicklungshilfe für sein gebeuteltes Land erhalten.

Umweltschützer feierten Correa für seinen Antrag, schließlich ist der Yasuni-Nationalpark mit den drei Ölvorkommen Ishpingo, Tambococha und Tiputini (ITT) nicht irgendein Nationalpark. Er ist bekannt für seinen außerordentlichen Reichtum an biologischen Arten und wurde von der UNESCO als weltweit einzigartig anerkannt. Auf 200.000 Hektar finden sich mehr als 2.200 Baum- und Buscharten, 593 Vogel-, 150 Amphibien- und 121 Reptilienarten. Zudem leben in unmittelbarer Nähe die beiden indigenen Völker der Tagaeri und der Taromenane, die den Park als Rückzugsgebiet nutzen.

"Es gibt kaum etwas, das einen Nationalpark mehr zerstören kann als Ölbohrungen. Die Straßen, die für die Erdölexploration gebaut würden, laufen mitten durch die Gebiete der Indigenen, den Ureigentümern Yasunis, die in selbst gewählter Isolation leben. Die Straßen würden auch den Artenreichtum dieses fantastischen Nationalparks durchschneiden", sagt Astrid Deilmann vom World Wide Fund for Nature (WWF) zu RTLaktuell.de. "Für das Öl würde Regenwald abgeholzt werden, es entstünden nicht nur Straßen, sondern auch Hütten für die Öl-Arbeiter."

Correa erklärte vor der UN-Vollversammlung, er wolle die Öl-Vorräte, die etwa 20 Prozent der gesamten Vorkommen des Landes ausmachen, unter dem Regenwald belassen. Dafür schlug er vor, dass die internationale Gemeinschaft im Gegenzug einen finanziellen Beitrag von mindestens 2,85 Milliarden Euro an Ecuador zahlen soll. Dies entspricht 50% der Einnahmen, die der Staat mit der Öl-Förderung erzielen würde. Zu diesem Zweck wurde ein Treuhandfonds, der von dem Entwicklungsprogramm der Vereinten Nationen (UNDP) verwaltet wird, eingerichtet.

Es ist das erste Mal, dass ein Erdölförderland ein solches Angebot macht. Die Menge von 900 Millionen Tonnen entspricht dem weltweiten Energiebedarf von elf Tagen. Für elf Tage Erdöl holzt man keinen Urwald ab, so die gängige Meinung der Umweltschützer. Sollte das Öl für immer im Regenwald bleiben, bliebe zudem unserer Atmosphäre die Emission von 400 Millionen Tonnen CO2 erspart, die bei der Förderung entstünden. Tatsächlich wäre die Emission noch weit höher, denn mit der einhergehenden Entwaldung und der anschließenden Nutzung durch die Viehwirtschaft werden Unmengen an Methan abgegeben.

Niebel hat nicht viel für die Idee übrig – bisher nur wenig Geld im Fonds

Leider ist es aber so, dass gute Ideen noch lange nicht von der Weltgemeinschaft in die Tat umgesetzt werden, nur weil sie gute Ideen sind. Und so gab es vor allem vom deutschen Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ) jede Menge Gegenwind für den Vorstoß des linken Präsidenten aus Ecuador. Und das, obwohl der Deutsche Bundestag die Initiative mit Unterstützung aller Parteien guthieß.

Doch Entwicklungshilfeminister Dirk Niebel hat nicht viel übrig für die Ideen des Ecuadorianers. Der FDP-Mann, der das gesamte Ministerium zu Zeiten der Schwarz-Roten Regierung am liebsten auflösen wollte, hat einen anderen Blick auf Entwicklungshilfe als etwa seine Vorgängerin Heidemarie Wieczorek-Zeul (SPD).

In einer aktuellen Pressemitteilung des BMZ sind Ökologie und Nachhaltigkeit als Themenschwerpunkte überhaupt nicht vorgesehen. Vielmehr arbeitet das Ministerium mit schwammigen Begriffen wie 'Sichtbarkeit', 'Engagement' und 'Wirksamkeit'. Und: 'Mehr Wirtschaft'. Mehr Wirtschaft geht aber meist zulasten der Umwelt.

Und es gibt einen Satz, der die deutsche Entwicklungshilfe sehr gut beschreibt: "Jeder in der Entwicklungszusammenarbeit eingesetzte Euro zieht Exporte in Höhe von 1,80 Euro nach sich." Darum also geht es derzeit: Absatzmärkte für die eigene Wirtschaft aufbauen. Da ist natürlich kein Platz für so ehrenwerte Ansätze wie den aus Ecuador.

Das bringt viele deutsche Politiker auf die Palme, denn das BMZ steht mit seiner ablehnenden Haltung gegenüber dem Yasuni-Projekt in Deutschland ziemlich allein da. "Die Haltung Dirk Niebels ist katastrophal und ignorant", sagt der entwicklungspolitische Sprecher der SPD, Sascha Raabe, in der 'Zeit'. "Der Yasuní-Nationalpark darf nicht der Betonkopf-Mentalität von Dirk Niebel geopfert werden", so Raabe weiter.

Immerhin haben einige Länder schon Geld in den Fonds überwiesen. Spanien und Australien etwa. Auch Kolumbien, Georgien oder die Türkei, die selbst nicht zu den reichen Nationen gehören, haben etwas Geld in den Fonds gebracht. Und selbst das kriselnde Italien, das Ecuador Schulden in Höhe von immerhin 51 Millionen Dollar erließ, die nun für Naturschutzmaßnahmen eingesetzt werden sollen, zeigte sich generös. Laut der ecuadorianischen Zeitung 'La Hora' hat Ecuador bisher aber erst knapp 300 Millionen Dollar einsammeln können.

Und deswegen steht das Projekt auf der Kippe. Correa drohte unlängst damit, die Bagger anrollen zu lassen. Dann würde Ecuador mindestens sieben Milliarden Dollar durch die Öl-Förderung einnehmen, aber den einzigarten Nationalpark mit seiner unglaublichen Bio-Diversität ein für allemal zerstören. Erdölexporte decken schon jetzt etwa die Hälfte der Staatsausgaben. Ohne diese sind Sozialprojekte derzeit kaum finanzierbar.

Zerstören würde Correa - der 'Sozialist des 21. Jahrhunderts' – auch mögliche Folgeprojekte in anderen Ländern. Denn nicht nur Ecuador verfügt über Bodenschätze, die unter einer Landschaft von größter biologischer Artenvielfalt schlummern. Deshalb geht vom Projekt Yasuni eine hohe Signalwirkung aus, die weder Correa einfach so verwerfen sollte noch die Politiker in den Industrieländern dieser Welt. Jetzt können sie zeigen, dass sie wirklich nach dem Spruch handeln: "Wir haben die Erde nur von unseren Kindern geliehen."