Serie: Leben in der Krise (Teil 2) – Portugal: "Das Land wird die 3. Welt Europas"

Philipp Scholz lebt schon seit sieben Jahren in Portugal. Er sieht gravierende Verschlechterungen, seit die Portugiesen so massiv sparen müssen.
Philipp Scholz lebt schon seit sieben Jahren in Portugal. Er sieht gravierende Verschlechterungen, seit die Portugiesen so massiv sparen müssen.

07. Juli 2013 - 9:13 Uhr

Drastische Kürzungen – Portugiesen wandern in ehemalige Kolonien aus

Viel wird geschrieben über die Krise in den sogenannten PIIGS-Staaten, den schwächelnden Euro-Mitgliedsländern Portugal, Irland, Italien, Griechenland und Spanien. Wie aber lebt es sich in einem Euro-Krisenstaat als Deutscher?

RTLaktuell.de hat mit deutschen Staatsbürgern gesprochen, die schon länger in Euro-Krisenländern leben und dort gut vernetzt sind. Im Gespräch erzählen sie, wie es ihnen dort ergeht und was sich in der Krise verändert hat. Im zweiten Teil der Serie sprechen wir mit Philipp Scholz, der im Jahr 2006 nach Portugal zog, um dort an einer Schule zu unterrichten.

Die Situation vieler Portugiesen ist laut Scholz mehr als Besorgnis erregend. "Die Lebenshaltungskosten sind teilweise genauso hoch wie in Deutschland. Supermärkte sind sogar etwas teurer. Essen gehen und die Mieten sind zumindest um die Hauptstadtregion Lissabon ähnlich hoch. Es ist unglaublich, aber viele Portugiesen sind zufrieden, wenn sie mit 800 Euro nach Hause gehen", sagt er. "Sie kommen mit dem Geld nur wegen der Unterstützung ihrer Familien klar und weil sie einen deutlich niedrigeren Lebensstandard als Deutsche haben."

Scholz räumt ein, dass es ihm besser geht als den meisten Portugiesen. An seiner Schule verdient er mehr als portugiesische Arbeitskräfte. "Aber auch wir haben deutlich weniger Geld seit Ausbruch der Krise. Es wurde drastisch gekürzt. Wir hatten hier in Portugal 14 Monatsgehälter. Das waren aber in der Realität nur 12 Monatsgehälter, die in 14 Schritten ausgezahlt wurden. Und das wurde nun extrem beschnitten. Daher haben alle weniger Geld in der Tasche." Außerdem, erzählt Scholz, seien Mehrwertsteuer und Einkommensteuer heraufgesetzt worden.

Portugal leidet unter einer extremen Arbeitslosigkeit. Mittlerweile sind 17,7 Prozent ohne Job. 2008 waren bloß 8,5 Prozent arbeitslos. Die Jugendarbeitslosigkeit kletterte innerhalb eines Jahres von 36 auf 42 Prozent. Und so treibt die Arbeitslosigkeit seltsame Blüten: "Die Portugiesen wandern in die ehemaligen Kolonien nach Afrika oder nach Brasilien aus. Sie gehen nach Angola, das boomt derzeit, und sogar nach Mosambik. Teilweise werden die Portugiesen in den ehemaligen Kolonien abgewiesen, weil es zu viele sind, die kommen."

Scholz schätzt die Lage vieler Portugiesen als richtiggehend dramatisch ein. "Viele ziehen wieder bei den Eltern ein, aber die können auch nicht immer helfen. Obwohl die Kindergärten extrem teuer sind, ist das Kindergeld gekürzt worden. Für Menschen, die mehr als 700 Euro im Monat verdienen, gibt es sogar gar nichts mehr. Das führt dazu, dass die Kinder nicht mehr in den Kindergarten gehen, sondern zu den Großeltern." Das ist schlecht für die Kinder, denen eine soziale Komponente im Leben genommen wird, ganz abgesehen von der zusätzlichen Belastung für viele Großeltern.

"Es trifft die, die am wenigsten dafür können"

Die Krise trifft aber nicht nur die Kleinen, sondern fast alle Bevölkerungsschichten. Besonders die Alten erwische es hart: "Viele Rentner können sich fast nichts mehr leisten. Selbst kostenlose Fahrten zum Arzt wurden gestrichen", sagt Scholz, der ab Sommer an der Deutschen Schule in Lissabon unterrichten wird.

Im Gesundheitswesen führten die Kürzungen zu Einbußen an Qualität. "Jetzt versuchen viele Portugiesen, sich privat zu versichern, das kann sich natürlich bei weitem nicht jeder leisten. Dabei war das öffentliche Gesundheitswesen lange Zeit gratis", so der 39-Jährige.

Privatisierung und Verkauf sind ohnehin ein großes Problem in Portugal. "Viele Häuser, allein bei uns in der Straße sind es vier oder fünf, stehen leer, die Preise dafür fallen." Und ausländische Unternehmen kaufen sich im großen Stil ein. So ist der größte portugiesische Energiekonzern EDP an die Chinesen verkauft worden, die staatliche Flughafengesellschaft ANA wurde von einem französischen Unternehmen geschluckt.

"Viele befürchten, Portugal wird zur dritten Welt Europas verkommen", sagt Scholz. Anzeichen dafür gibt es auch im öffentlichen Schulwesen, das unter den Kürzungen sehr zu leiden hat. Das Thema Geld ist in Portugal sehr kritisch zu betrachten. "Viele Portugiesen sind hochverschuldet. Es gibt hier an jeder Ecke einen Bankautomaten, aber kaum Produktion. Man kam in der Vergangenheit schon bei geringem Einkommen leicht an Kredite, z.B. für den Haus-oder Wohnungskauf. Viele konnten dieser Versuchung nicht widerstehen und sind in der momentanen Krise nicht mehr in der Lage den Forderungen der Banken nachzukommen", so Scholz, der auch Deutsche kennt, die wieder nach Hause zurückkehren, "weil sie sich das Leben hier nicht mehr leisten können".

Eine Mischung aus skrupellosen Bankenwesen, EU-Fehlentscheidungen, Staatsversagen sowie Korruption und Vetternwirtschaft sähen viele Portugiesen als Ursache der Misere. Insgesamt, berichtet Scholz, herrsche im Land eine große Wut auf die Troika, die aus Experten der EU, des Internationalen Währungsfonds (IWF) und der Europäischen Zentralbank (EZB) besteht. Vor allem die herablassende Art und Weise, wie die Portugiesen von den Technokraten aus Brüssel behandelt würden, störe viele. Die portugiesische Linke verfolge dabei auch eine klare Anti-Merkel-Linie. "Das führte schon einmal so weit, dass ich mich als großer Blonder im Supermarkt an der Kasse bei einer Diskussion über den Sparkurs sehr zurückhalten musste, mich fast versteckt habe."

Die Portugiesen sind nicht dafür bekannt, gleich revoltierend auf die Straße zu gehen. "Viele glauben immer noch an eine politische Lösung. Konservative Medien verkaufen auch noch das Märchen, dass das Land in zwei oder drei Jahren raus aus der Schuldenfalle ist. Aber das ist kaum abzusehen", so Scholz, der in Portugal bleiben möchte, weil er das Land wunderschön findet und sich mittlerweile dort auch einfach zu Hause fühlt. Vielmehr haben sich die Staatsschulden Portugals seit Beginn der Krise von 115 Milliarden Euro 2007 auf 206 Milliarden im Jahr 2013 fast verdoppelt.

Die um sich greifende Armut treibt die Portugiesen auch ins deutsche Ausland: "Ein Bekannter von mir zieht nun nach Deutschland. Er sagte, er hätte nie gedacht, dass er mal nach Deutschland ginge. In ein so kaltes Land."

Oliver Scheel

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