Sensation in Düsseldorf: Fury entthront Klitschko

Tyson Fury hat die Boxwelt erschüttert und Wladimir Klitschkos Herrschaft über das Schwergewicht nach neuneinhalb Jahren beendet.

Sensation in Düsseldorf: Fury entthront Klitschko
Tyson Fury machte Wladimir Klitschko vor allem mit seiner Linken das Leben schwer. © REUTERS, Lee Smith

Vor 50.000 Zuschauern in der Düsseldorfer Esprit-Arena fand Klitschko gegen den agilen 2,06-Meter-Riesen aus England kein Rezept und zog nach 12 Runden auf den Punktzetteln den Kürzeren. Die drei Juroren am Ring goutierten Furys starke Leistung mit der Führhand und werteten einstimmig zugunsten des neuen Weltmeisters (115:112, 115:112, 116:111).

Fury blieb auch in seinem 25. Ring-Auftritt ungeschlagen und schnappte sich die WM-Titel der Verbände WBA, WBO und IBF sowie den prestigeträchtigen Gürtel der Box-Bibel 'Ring Magazine'. Der Mann aus Manchester mit den irischen Wurzeln ist damit der erste Brite seit dem großen Lennox Lewis, der die Titel dreier anerkannter Box-Verbände eroberte.

Klitschko verließ zum ersten Mal seit April 2004 den Ring als Geschlagener und kassierte im 68. Profi-Kampf die vierte Niederlage.

"Gott ist mein Retter, er hat mir den Sieg geschenkt", sagte Fury überglücklich: "Es ist ein Traum wahr geworden. Ich habe so hart dafür gekämpft. Ich kann kaum glauben, dass ich es geschafft habe. Der Wahnsinn. Ich war mir nicht sicher, ob ich es wirklich geschafft habe, besonders nach der letzten Runde."

Denn in den letzten drei Minuten war Klitschko, im Bewusstsein nach Punkten hinten zu liegen, noch einmal aufgewacht und hatte den Herausforderer mit einer Rechten und dem linken Haken durchgeschüttelt. Zu wenig, zu spät: Die Punktrichter sahen Fury nach der 36-Minuten-Schicht zurecht vorne, auch RTL-Experte Lewis punktete zugunsten seines Landsmanns.

"Mir hat die Schnelligkeit gefehlt und ich habe nicht die richtige Distanz gefunden. Das liegt auch an seiner Reichweite. Es hat nicht viel funktioniert", resümierte Klitschko völlig bedröppelt und lobte damit zugleich die boxerische Leistung seines Gegenübers.

Fury boxt Klitschko mit der Linken aus

Sensation in Düsseldorf: Fury entthront Klitschko
Wladimir Klitschko war nach seiner Niederlage gegen Tyson Fury sichtlich geknickt. © REUTERS, Kai Pfaffenbach

Denn entgegen seiner vollmundigen Knockout-Versprechungen startete der 27-jährige Herausforderer hochkonzentriert in den Kampf, ohne in den ersten vier Runden durch wilde Attacken seine Deckung zu entblößen. Es entwickelte sich ein Schachspiel im Ring. Und obwohl Klitschko das Tempo bestimmte, gelang es 'Dr. Steelhammer' nicht, das Gefecht wie gewohnt mit seinem linken Jab zu diktieren.

Der Herausforderer nutzte seine langen Arme, um die Distanz zu kontrollieren. Klare Treffer blieben in der Anfangsphase jedoch aus, da es auch Klitschko dank seiner Beinarbeit gelang, die rechte Schlaghand Furys zu vermeiden.

In der fünften Runde öffnete sich nach einem unabsichtlichen Kopfstoß des Engländers ein Cut unter dem linken Auge Klitschkos. Fury roch Lunte und wurde aktiver. Zwar bekam Klitschkos Cutman Jacob 'Stitch' Duran die Wunde schnell in den Griff, der Champion wirkte mit zunehmender Kampfdauer jedoch immer ratloser, ob der Schnelligkeit des Box-Riesen gar konsterniert. Fury, der dem Nomaden-Volk der 'Irish Travellers' entstammt, wurde dagegen immer sicherer, traf mit seiner langen Linken und entschied das Jab-Duell mit dem Führhand-Spezialisten Klitschko in der Ringmitte für sich.

Wieder und wieder lud der vor Selbstbewusstsein strotzende Herausforderer seinen Kontrahenten mit beiden Händen auf dem Rücken zum Schlaghagel ein. Klitschko boxte allerdings zu passiv und feuerte viel zu selten seine rechte Gerade ab. Auch Attacken zum massiven Körper des Engländers blieben aus. Versuchte Klitschko dann doch sein Glück, wich der Herausforderer blitzschnell zurück und brachte aus der langen Distanz immer wieder seinerseits die Führhand an den Kopf des Weltmeisters.

Klitschko gab auch in Runde 9 ein konfuses Bild ab: Nachdem er sich seltsam hilflos wirkend vom Gegner abgedreht hatte, landete Fury einen harten linken Haken an den Kopf des Weltmeisters und setzte an den Ringseilen nach. In den folgenden Durchgängen war es abermals der Lautsprecher von der Insel, der die besseren Hände ins Ziel brachte. Auch ein Punktabzug von Referee Tony Weeks in Runde 11 wegen wiederholten Schlagens auf den Hinterkopf brachte den Engländer nicht aus dem Konzept, stattdessen verpasste er Klitschko auch noch einen Cut über dem rechten Auge.

Furys gelegentliche Wechsel in die Rechtsauslage spielten keine große Rolle. Auch wenn der flexible Hüne als Linkshänder agierte, fand Klitschko kein Mittel, um mit seinem linken Jab die rechte Gerade vorzubereiten. Der Sprint im Schluss-Durchgang kam zu spät.

Durch die unerwartete Pleite in seinem 28. WM-Fight wurde die Rekordjagd Klitschkos jäh gestoppt. Der zweimalige Schwergewichts-Champion verpasste seine 19. Titelverteidigung und damit die Chance, die Bestmarken der US-Legenden Larry Holmes (20. Verteidigungen) und Joe Louis (25) anzugreifen.

Ganz ohne Kampfansage wollte der entthronte König Düsseldorf aber nicht verlassen. "Es wird auf jeden Fall einen Rückkampf geben", kündigte 'Dr. Steelhammer' im Ring-Interview mit Ex-Champ Lewis an. Der zweite Teil im 'Kampf der Giganten' dürfte allerdings in der Heimat des neuen Champions stattfinden - und der heißt jetzt Tyson Fury.

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