Seniorenheim schlägt bei Facebook Alarm

Pflegeleitung: Wir müssen entscheiden, wer Sauerstoff kriegt - es ist wie im Krieg

26. November 2020 - 13:02 Uhr

Zehn Mitarbeiter des Seniorenheims in Linden sind infiziert

Ausnahmezustand in einem Seniorenheim in Linden (Hessen). Von 100 Bewohnern sind 29 mit dem Coronavirus infiziert. Hinzu kommen zehn Mitarbeiter, die positiv auf das Virus getestet wurden. Jetzt schlägt die Heimleitung bei Facebook Alarm und bittet Menschen, die gesund sind und Zeit haben, um Hilfe. In einem kleinen Heim in der Kleinstadt Sooden hat das bereits erfolgreich geklappt.

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Corona-Massentest bei Bewohnern und Personal

Lisa Brinkmann-Ulrich ist Leiterin des Seniorenheims in Linden. Seit Wochen kämpft sie mit ihren Mitarbeitern um das Wohl der Bewohner ihrer Einrichtung. Doch langsam gelangen sie an Grenzen. Immer mehr Infizierte, das Personal fällt aus. Jetzt wurde auch noch ein Corona-Massentest durchgeführt, der wahrscheinlich weitere Fälle ans Licht bringt.

"Wir haben schon Testergebnisse bekommen und mussten Mitarbeiter wegschicken", so Brinkmann-Ulrich. Ihre Mitarbeiter würden viele Tage am Stück arbeiten, mit ganz hoher Einsatzbereitschaft. Die Schichten seien zum Teil aufgestockt worden, um sich gut um die Senioren kümmern zu können. Doch es reicht nicht.

Ein Alptraum - wie Krieg - und heute ist er da

Im Frühjahr hätten sich die Pfleger darüber unterhalten, was wäre, wenn man entscheiden müsste, wer Sauerstoff bekommt und wer nicht. "Wir haben gesagt, dass das ein Alptraum wäre, dass das wie Krieg wäre und das ist heute da", sagt die Heimleiterin.

Das sei paradox, weil sich der Rest der Welt weiterdrehe. "Alles ist normal, auf Instagram reden Leute über Schminke und Schmuck. Und wir stehen hier und müssen entscheiden: Wer kriegt jetzt den Sauerstoff, für was rufen wir den Notarzt, weil die auch überlastet sind." Das sei "schwerst traumatisierend" für alle, die momentan in der Einrichtung arbeiten würden, und die Bewohner.

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Zweiten Welle ist „ganz verschärfte Situation“

Derzeit versuche man, den Zustand der schwer kranken Bewohner so weit zu stabilisieren, dass man die Liebsten anrufen könne, damit die noch Abschied nehmen könnten. Denn: "Sobald sie verstorben sind, darf kein Abschied mehr stattfinden." Ein Problem sei, dass man keine Kapazitäten hätte, Verwandte anzurufen.

Lisa Brinkmann-Ulrich sieht jetzt in der zweiten Welle eine "ganz verschärfte Situation" im Gegensatz zu den Anfängen der Pandemie. "Die Leute flammen symptomatisch auf und die, die in einem schlechten Zustand sind, sind auch ganz schnell danach tot", warnt sie.

"Wir halten durch, weil wir unsere Bewohner retten müssen, egal um welchen Preis", sagt Lisa Brinkmann-Ulrich dem Virus den Kampf an. Sie und ihre Kollegen hoffen jetzt auf weitere Unterstützung, damit das auch gelingen kann.

Erfolgsgeschichte in Sooden wegen Initiative von Bürgermeister

Bürgermeister Frank Hix hat in einem Facebook-Post nach Menschen gesucht, die Pfleger im Seniorenheim unterstützen können.
Bürgermeister Frank Hix hat in einem Facebook-Post nach Menschen gesucht, die Pfleger im Seniorenheim unterstützen können.
© RTL

Auch in Sooden hat sich die Corona-Situation verschärft. In einem Pflege- und Seniorenheim sind Freiwillige eingesprungen und haben so den Betrieb gerettet. Erst am Montag hatte Bürgermeister Frank Hix hilfsbereite Menschen dazu aufgerufen, das Pflegepersonal zu unterstützen. Mit Erfolg:"Laut Angaben der Inhaberin haben sich unglaublich viele Menschen gemeldet", so Hix.

Man müsse aber ungefähr drei Wochen überbrücken. Von daher sei es nach wie vor aktuell, dass man Pflegekräfte benötige. "Wir bitte die, die es wirklich einrichten können, sich bei uns zu melden", sagte er.