Selektion von Leben: Gutes Recht oder strafbar?

© dpa, Ralf Hirschberger

22. Dezember 2010 - 10:08 Uhr

Verhindert man so schwere Erbkrankheiten?

Ab wann beginnt menschliches Leben? Darf eine Frau bei einer künstlichen Befruchtung Eizellen selektieren und sich nur die gesunden einpflanzen lassen? Der sperrige Name dieser Methode: Präimplantationsdiagnostik (PID). In Deutschland war diese Methode bislang verboten, doch im Juli urteilte der Bundesgerichtshof, dass ein Arzt, der diese Tests Paaren mit schweren Erbkrankheiten anbietet, sich nicht strafbar macht. Eine Gruppe von Befürwortern hat nun einen Gesetzesvorschlag im Bundestag vorgestellt.

Bei der PID werden im Reagenzglas erzeugte Embryonen vor ihrer Einpflanzung in den Mutterleib auf Erbkrankheiten untersucht und können aussortiert werden. Fehl- und Totgeburten oder die Geburt eines schwer kranken Kindes sollen damit verhindert werden.

Darf man nun – oder darf man nicht? An dieser Frage scheiden sich die Geister quer durch alle Fraktionen. Gegner und Befürworter finden sich in allen Parteien, so dass ohne Fraktionszwang abgestimmt werden soll. Mit dem Vorschlag für eine begrenzte Zulassung von Gentests an Embryonen will eine fraktionsübergreifende Gruppe von Parlamentariern eine Mehrheit im Bundestag erreichen. Doch auch die Anhänger eines strikten Verbots der Präimplantationsdiagnostik sind siegesgewiss. Daneben gibt es eine dritte Gruppe, die die Zulassungsgrenzen noch enger ziehen will. Entschieden wird diese ethisch heikle Frage im neuen Jahr.

"Ziel unseres Gesetzes ist es, Paaren, die einen sehnlichen Kinderwunsch haben, aber bei denen ein oder beide Elternteile die Veranlagung für eine schwerwiegende Erbkrankheit haben, eine Chance auf die Geburt eines gesunden Kindes zu geben", sagte FDP- Fraktionsvize Ulrike Flach bei der Vorstellung des Gesetzentwurfs. "Fehl- oder Totgeburten oder die Geburt eines schwerkranken Kindes sollen auf diese Weise verhindert werden."

Flach wehrte sich gegen Vorwürfe, die 'Büchse der Pandora' zu öffnen. Der Entwurf verbiete Designer-Babys und die Auswahl des Geschlechts der Kinder. Sie betonte, die Gruppe sei grundsätzlich durchaus für ein PID- Verbot. "Sie soll aber in Ausnahmefällen zulässig sein." Bedingungen seien die Veranlagung der Eltern für eine schwere Erbkrankheit oder die Wahrscheinlichkeit einer Tot- oder Fehlgeburt. Zur Vermeidung von Missbrauch solle Beratung Pflicht sein, eine interdisziplinär zusammengesetzte Ethikkommission zustimmen, die Frau schriftlich einwilligen und die PID nur an Zentren mit Lizenz vorgenommen werden. "Über die Durchführung der PID wird in jedem Einzelfall entschieden."

Wirtschaftsstaatssekretär Peter Hintze (CDU) erhofft sich von der Vorlage ein "Signal an betroffene Paare, dass sich der Gesetzgeber ihrer Not annimmt". "Die Möglichkeit der PID in diesen besonderen Situationen stärkt das Ja zum Kind."

Die SPD-Expertin Carola Reimann betonte, ohne eine solche Regelung lasse man Paare und vor allem Frauen sehenden Auges in einen Schwangerschaftskonflikt laufen. Linke-Fraktionsvize Petra Sitte erklärte: "Die PID steht am Ende einer sehr langen, sehr qualvollen, leidvollen Kette von Versuchen, auf natürlichem Wege ein Kind zu bekommen."

Grünen-Politiker: "Völliges Verbot der PID verfassungswidirg"

Zwei Drittel der betroffenen Eltern hätten bereits ein oft krankes oder pflegebedürftiges Kind und sagten: "Wir möchten dieses Leiden einem zweiten Kind ersparen, aber wir möchten gerne ein zweites Kind." Auch betroffen seien Frauen, die oft wegen Anomalien bei den Chromosomen bereits mehrfach Fehl- und Totgeburten hatten.

Der Grünen-Rechtspolitiker Jerzy Montag betonte: "Ich halte ein völliges Verbot der PID gegenüber den betroffenen Paaren für verfassungswidrig und menschenrechtswidrig." Hintze sagte, er sehe bei dem Antrag gute Chancen für eine deutliche Mehrheit.

Unionsfraktionsvize Johannes Singhammer (CSU), der zu den Verfechtern eines Verbots zählt, kritisierte den Antrag. "Es ist politisch nicht möglich, Differenzierungen bei menschlichem Leben vorzunehmen".

Singhammer betonte: "Wir stehen vor einer ganz grundlegenden Entscheidung über die Wertschätzung von Leben, wie sie sich selten im Deutschen Bundestag und der Gesellschaft insgesamt gestellt hat: Kann man eine Auswahl treffen bei menschlichem Leben in Form eines Embryos oder nicht?" Er sei mit den weiteren Verbots-Anhängern überzeugt: "Wir können sie nicht treffen." Auch der Grünen- Fraktionsgeschäftsführer Volker Beck sagte: "Die Verwerfung eines Embryos aufgrund eines auffälligen Chromosomensatzes verstößt gegen die Menschenwürde und das Recht auf Leben und körperliche Unversehrtheit."

Eine dritte Gruppe um die Grünen-Abgeordnete Priska Hinz und den SPD-Parlamentarier René Röspel will die PID in noch engeren Grenzen zulassen als Flach und andere. Das Zentralkomitee der deutschen Katholiken warnte vor einer Diskriminierung Behinderter durch Gentests an Reagenzglas-Embryonen. "Wenn wir entscheiden, welcher Embryo die Chance erhält, sich zu entwickeln, und welcher verworfen wird, überschreiten wir eine Grenze", sagte Präsident Alois Glück der 'Passauer Neuen Presse'.