Seiteneinsteiger an Schulen: Oft fehlt Qualifizierung

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8. Dezember 2019 - 9:00 Uhr

Um Unterrichtsausfall wegen fehlender Lehrer zu vermeiden, sind in Brandenburg zum laufenden Schuljahr 1013 Seiteneinsteiger ohne Lehramtsstudium eingestellt worden - so viele wie nie zuvor. Darunter sind 460 unbefristet eingestellte Kräfte, von denen nur 23 an einem dreimonatigen Kompaktkurs zur Qualifizierung teilnahmen. 28 Seiteneinsteiger besuchten einen einmonatigen Kurs, dem sich eine zweimonatige berufsbegleitende Fortbildung anschloss.

Im vorangegangenen Schuljahr hatten die Schulämter 765 Seiteneinsteiger befristet und unbefristet eingestellt, wie das Bildungsministerium auf eine Anfrage der AfD-Landtagsfraktion mitteilte. Auch in den kommenden Jahren müssen zahlreiche Seiteneinsteiger für den Schuldienst angeworben werden, da die Schülerzahlen bis etwa 2025/2026 weiter steigen und Tausende Lehrer in den Ruhestand gehen. Da die Lehrerausbildung in Brandenburg lange Zeit vernachlässigt wurde, stehen frühestens in vier bis fünf Jahren ausreichend Lehramtsabsolventen zur Verfügung.

Zur Sicherung des Unterrichtsniveaus hatten die Lehrergewerkschaften mit dem Bildungsministerium vor zwei Jahren vereinbart, die Seiteneinsteiger fachlich zu qualifizieren. Danach sollte den künftigen Lehrern eine pädagogische Grundqualifizierung in drei Varianten angeboten werden, darunter ein dreimonatiger Kompaktkurs.

Der Landesvorsitzende der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW), Günther Fuchs, wirft dem Ministerium nun vor, die vereinbarte Qualifizierung der Seiteneinsteiger "permanent zu hintertreiben". Die jüngsten Ergebnisse der Pisa-Studie seien ein "Alarmzeichen". Fuchs: "In Brandenburg haben alle Maßnahmen, die wir zur Qualitätssicherung ergriffen haben, nicht gewirkt." Die GEW habe daher ihren Personalräten empfohlen, der Einstellung von Lehrkräften ohne Grundqualifizierung nicht zuzustimmen.

Der Brandenburgische Pädagogen-Verband (BPV), der dem Verband Bildung und Erziehung (VBE) angehört, will seinen Personalräten sogar empfehlen, keiner Einstellung von Seiteneinsteigern ohne den dreimonatigen Kompaktkurs zuzustimmen. "Der VBE hat in einem Positionspapier zum Seiteneinstieg sogar eine mindestens sechsmonatige Vorqualifizierung empfohlen", sagte BPV-Präsident Hartmut Stäker. "Wer keine Kompaktqualifizierung durchlaufen hat, gehört nicht vor die Klasse."

Als "nicht hinnehmbar" bezeichnete Stäker den Einsatz von unqualifizierten Seiteneinsteigern in den ersten und zweiten Grundschulklassen. Dabei hatte das Bildungsministerium den Schulämtern bereits Ende August 2018 nahegelegt, dort keine Lehrkräfte ohne Lehramtsbefähigung einzusetzen.

"Gerade in der Einschulungsphase sind qualifizierte Pädagogen notwendig, da kann man bei der Schülern viel kaputtmachen", betonte Stäker. Derzeit sind nach Ministeriumsangaben rund 1000 Seiteneinsteiger an den Brandenburger Grundschulen tätig - 14 Prozent aller Lehrkräfte.

Offiziell gibt es 2433 Seiteneinsteiger im laufenden Schuljahr, das sind rund zwölf Prozent der märkischen Lehrerschaft. Laut Ministerium unterrichtet ein Teil von ihnen seit Jahren erfolgreich. "Dies ist vor allem in beruflichen Schulen der Fall, wo Spezialkenntnisse verbunden mit beruflichen Erfahrungen von großem Nutzen sind", sagte Stäker.

Der Sprecher des Landeselternrates, René Mertens, warf dem Bildungsministerium vor, es habe sich "schleichend von seiner Zusage verabschiedet, die Kompaktqualifizierung für Seiteneinsteiger vor Unterrichtsbeginn verbindlich einzuführen". Was den Kindern an Grundkenntnissen in den ersten Schuljahren nicht beigebracht werde, fehle ihnen in den weiterführenden Schulen. "Durch die fehlende Ausbildung und Einstellung von Lehrern in der Vergangenheit wird die Zukunft unserer Kinder verspielt."

Quelle: DPA