Das halbe Dutzend ist voll

Sechster Titel perfekt: Hamilton greift nach Schumachers Rekord

04. November 2019 - 1:03 Uhr

Nur ein Triumph fehlt zu Schumachers legendärem Rekord

Lewis Hamilton hat sich in Austin souverän seinen sechsten Weltmeistertitel gesichert. Dem 34-Jährigen fehlt jetzt nur noch ein Triumph zum legendären Rekord von Michael Schumacher - und Hamilton ist gieriger denn je.

Hamilton: "Fühle mich so fit wie nie"

Neuerdings lässt es Lewis Hamilton etwas gemächlicher angehen. Zumindest im Alltag. Vegane Ernährung, recycelbare Produkte, weniger Flüge, dafür häufiger das Elektroauto benutzen - das ist der neue Lebensentwurf des einstigen Hochdruck-Jetsetters, der sich aus einfachsten Verhältnissen zum schillernden Aushängeschild der Formel 1 hochgearbeitet hat.

Auf der Rennstrecke aber ist Hamiltons Rekordhunger unersättlich, nach seiner sechsten Weltmeisterschaft liegt Hamilton nur noch einen Titel hinter Rekordchampion Schumacher.

Der Titel war kaum perfekt, da dachte King Lewis der VI bereits an die kommende Saison: "Ich weiß nicht, wie viele Titel möglich sind, aber als Sportler fühle ich mich so fit wie nie. Ich werde wieder angreifen."

Mercedes-Motorsportchef Toto Wolff sagte: "Der sechste Team- und der sechste Fahrertitel in Folge, wir haben die Nadel ein bisschen verschoben, aber alle Rekorde sind dafür da, gebrochen zu werden."

Ihre Worte darf man als Kampfansage verstehen.

Wolff: "Der vielleicht beste Fahrer, der jemals existierte"

Der Vergleich mit Schumacher hat sich mit jedem Sieg, mit jeder Meisterschaft mehr und mehr aufgedrängt. Mercedes-Motorsportchef Toto Wolff etwa bezeichnete Hamilton im Sommer als den "vielleicht besten Fahrer, der jemals existierte", und wünschte sich gerade in Hamiltons britischer Heimat "mehr Wertschätzung" für seinen Starpiloten.

Auch Sebastian Vettel, 2017 und 2018 WM-Zweiter hinter Hamilton, zieht den Hut vor seinem langjährigen Widersacher: "Er ist schon lange dabei, und er ist einer der erfolgreichsten Piloten. Ich denke, dass man ihn direkt nach Michael nennen muss."

Hamilton kämpfte gegen Armut und Rassismus

Hamiltons Weg an die Spitze des Sports war allerdings beschwerlich. Als Junge schlief der in Stevenage geborene Lewis Carl Davidson Hamilton zeitweise in einem Einzimmerapartment auf der Couch: "Es war wirklich hart. Ich werde das nie vergessen. Das spornt mich all die Jahre an."

Vater Anthony nahm mehrere Jobs parallel an, um seinem talentierten Sohn das Kartfahren zu finanzieren. Der dunkelhäutige Hamilton hatte bei allen Erfolgen mit Widerstand zu kämpfen. "Als Lewis jünger war, da war er der einzige schwarze Junge unter vielen weißen Kindern. Ich weiß, dass er auf der Strecke rassistisch diskriminiert wurde", berichtet sein Vertrauter Wolff: "Wenn das einem Acht- oder Zehnjährigen passiert, hinterlässt das Narben, die einfach nicht verschwinden."

Doch Hamilton spornte der Schmerz auch zu Höchstleistungen an. 2007 stieg er im Alter von 22 Jahren in die Formel 1 auf, in seinem zweiten Jahr gewann er im McLaren die Weltmeisterschaft - als seinerzeit jüngster Fahrer der Geschichte.

Weltmarke Hamilton

Mittlerweile ist Hamilton längst eine Weltmarke. Sein extravaganter Look mit viel Bling-Bling, flächendeckenden Tattoos, schriller Mode und stetig wechselnden Frisuren hat ihn ebenso über den Motorsport hinaus bekannt gemacht wie seine On-Off-Beziehung mit Popsängerin Nicole Scherzinger.

Seit der endgültigen Trennung 2014 ist Hamilton offiziell Single, doch jede attraktive Frau in seiner Gesellschaft darf sich sicher sein, alsbald in der Klatschpresse als neue Flamme gehandelt zu werden.

Ein rastlos Getriebener

Für seinen Erfolg schuftet Hamilton hart. Der Glamour-Boy, der sich in den Sozialen Netzwerken als Popstar inszeniert, ist ein Getriebener, der immer neue Herausforderungen braucht. Seit 2018 designt Hamilton für ein bekanntes Modelabel Klamotten, auch Sonnenbrillen stammen neuerdings aus seinem Entwurf.

Sein Lebensstil mag wenig erholsam erscheinen. Doch Hamilton braucht die Rastlosigkeit, um von der Formel 1 abzuschalten. Seinen Leistungen tut dies ohnehin keinen Abbruch, fünf WM-Titel in den vergangenen sechs Jahren sprechen eine überaus deutliche Sprache.

Hamiltons Vertrag bei Mercedes läuft noch bis 2020. In Austin deutete er an, auch 2021 unter den neuen Regeln noch im Silberpfeil sitzen zu wollen: "Ich würde es bereuen, früh aufzuhören. Ich habe noch einiges im Tank." Die Rekordjagd wird wohl noch eine Weile andauern.