Ppppodcast

Sebastian Koch: Stotterer und Podcaster - wie das zusammenpasst

Sebastian Koch ist die Stimme des Stotter-Podcasts "Ppppodcast"
© dpa, Uwe Anspach, ua bwe

30. Oktober 2020 - 21:04 Uhr

Von Marius Olion

Über 800.000 Menschen in Deutschland stottern, Millionen sind davon betroffen, weil Familienmitglieder oder Freunde den Sprachfehler haben. Auch Sebastian Koch (28) ist Stotterer. Und: Er hat einen Podcast zu dem Thema. Wenn Sie jetzt denken "Das kann doch gar nicht sein", dann ist es jetzt an der Zeit, Vorurteile über Bord zu werfen.

Sebastian folgt seinen Träumen

ARCHIV - 12.10.2020, Baden-Württemberg, Mannheim: Sebastian Koch, Redakteur bei der Tageszeitung «Mannheimer Morgen» und Moderator des Stotterer-Podcast «P-P-P-Podcast - Der Podcast von Stotternden für Stotternde», telefoniert an seinem Arbeitsplatz.
Sebastian führt in seinem Job Telefonate und Interviews
© dpa, Uwe Anspach, ua bwe

Sebastian hat relativ stark ausgeprägte Symptome, sein Stottern ist immer deutlich zu hören. Wortwiederholungen, Blockaden, Lautdehnungen – der Sprachfehler äußert sich auf verschiedene Weise.

Lesen Sie hier mehr über Ursachen und Therapie.

Für den gebürtigen Mannheimer ist das aber kein Grund sich zu verstecken. Ganz im Gegenteil: Er hat sich nicht aufhalten lassen und ist Journalist geworden, spricht in seinem Beruf viel in Konferenzen, in Interviews. "Ich bin bisher immer an alle Informationen gekommen, die ich gewollt habe beziehungsweise ich habe nie Informationen nicht bekommen, weil ich mich wegen dem Stottern nicht getraut habe, danach zu fragen", sagt der 28-Jährige gegenüber RTL.de.

Als Vorbild sehe er sich selbst nicht unbedingt. Er sei schließlich nicht der einzige, der offensiv mit dem Stottern umgehe und seinen Träumen folge. Es sei wichtig zu sehen, dass Stottern einen aufhalten kann, um die Sensibilität für das Thema zu erhöhen, aber auch zu zeigen, dass man mit Stottern etwas erreichen könne.

Sebastian Koch: "Angriff ist die beste Verteidigung"

Und der 28-Jährige erreicht seine Ziele. Auch wenn er als Kind noch etwas zurückhaltender war, ist er später in die Offensive gegangen. Sein Motto: "Angriff ist die beste Verteidigung". Die sportlichen Worte sind kein Zufall. Sebastian Koch hat erfolgreich die Prüfung zum Fußballschiedsrichter abgelegt, man könnte glatt sagen: Er pfeift auf sein Handicap. "Mein Eindruck ist, dass mir die Schiedsrichterei auch beim Umgang mit dem Stottern sehr geholfen hat."

Mit seiner Katze spricht er flüssig

Ebenfalls helfen Tiere. Mit seiner Katze Ginger kann er sprechen, ohne zu stottern. Was für Nicht- Betroffene kurios klinge, sei gar nicht so besonders, erklärt er im RTL-Interview. Es sei einfach eine "andere Form der Kommunikation, eine andere Form des Gesprächs – es ist nämlich kein Gespräch". Denn die Tiere, und dabei ist es egal, ob es Sebastians Katze Ginger oder ein Kanarienvogel, ein Hund oder ein Hamster ist, reagieren nicht. Damit komme es zu keiner Drucksituation. "Außerdem verstellt man in Gesprächen mit Tieren und auch kleinen Kindern seine Stimme und seinen Sprechrythmus", sagt der Journalist. Das wirke sich positiv auf das Stottern, das Flüssigsprechen aus: "Auch beim Singen stottere ich nicht."

Jetzt hat Sebastian einen Ppppodcast

ARCHIV - 12.10.2020, Baden-Württemberg, Mannheim: Sebastian Koch, Redakteur bei der Tageszeitung «Mannheimer Morgen» und Moderator des Stotterer-Podcast «P-P-P-Podcast - Der Podcast von Stotternden für Stotternde», spricht im Podcast-Aufnahmestudio w
Sebastian Koch räumt in seinem "Ppppodcast" mit Vorurteilen auf.
© dpa, Uwe Anspach, ua bwe

Aus seiner Tätigkeit heraus, als Journalist beim "Mannheimer Morgen", hat der 28-Jährige jetzt einen Podcast gestartet. Ja, das geht auch als Stotterer. "Ich wollte, dass man die Probleme, den Kampf beim Sprechen eben auch miterleben kann", sagt er. Ziel sei es, das Stottern aus unterschiedlichen Blickwinkeln und Perspektiven zu betrachten, beschreibt Sebastian das Projekt in der ersten Episode des Podcasts. Und humorvoll steckt das Thema des Audioformats auch schon im Namen: "Ppppodcast". In einzelnen Folgen spricht der junge Mann mit angenehmer Stimme mit Experten, wie einer Logopädin, mit einem gemobbten Schüler und vielen mehr. Damit will der Podcaster "Nicht-Betroffene aufklären, auf das Stottern und die Folgen davon aufmerksam zu machen und mit Klischees oder Vorurteilen aufräumen." Denn häufig sei der Umgang gegenüber Stotterern nicht richtig – aus Unwissenheit, nicht aus Böswilligkeit. Aber genau da setzt der Podcast an.

Angst vor Hasskommentaren unbegründet

Sebastian gibt zu "Das war schon eine Überwindung", war sich nicht sicher, ob das Projekt Podcast gut geht. Aber auch hier ist er wieder vorangegangen, wie damals als Schiedsrichter. "Wenn man nichts ausprobiert, kommt man nicht weiter. Das habe ich mir dann bei Ppppodcasten auch gedacht."

Und so veröffentlichte er schon Ende August seine erste Folge. Inzwischen sind fünf Episoden online. In seiner jüngsten spricht der 28-Jährige mit einem Familienvater, der das Stottern in den Griff bekommen hat.

Nach fünf Folgen sind die Reaktionen durchweg positiv. Eine Sorge im Vorfeld bleibt damit zum Glück völlig unbegründet: "Karsten Kammholz [Anm. d. Red. Chefredakteur Mannheimer Morgen] und ich haben uns in der Vorbereitung darüber unterhalten, wie wir mit eventuellen Hasskommentaren umgehen – das brauchen wir jetzt gar nicht, weil es keine gibt".

Warum auch, denn Sebastian zeigt, dass man auch als Stotterer alles erreichen kann und, auch wenn er es selbst nicht so sieht, für den ein oder anderen wird er wohl doch ein Vorbild sein.

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