Schwulenehe: Obama spaltet die Nation

10. Mai 2012 - 18:19 Uhr

Homo-Hochzeiten plötzlich Wahlkampfthema

Dieses Coming-out könnte ihm noch teuer zu stehen kommen: Als erster Präsident der Vereinigten Staaten hat sich Barack Obama für die gleichgeschlechtliche Ehe ausgesprochen – und damit eine ganze Nation in Aufruhr versetzt. Während ihn Bürgerrechtler feiern, gehen Republikaner auf die Barrikaden. Der Bürochef der 'Newsweek', Howard Kurtz, sprach in einem Interview gar von einem "Erdbeben, das die Landschaft umkrempelt".

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Kluger Schachzug oder klassisches Eigentor? US-Präsident Barack Obama hat mit seinem Bekenntnis zur Schwulenehe eine heftige Diskussion losgetreten.
© dpa, Pool

Für den Aufschrei brauchte es nur wenige Worte: "Für mich persönlich ist es wichtig, voranzugehen und zu bekräftigen, dass gleichgeschlechtliche Paare heiraten können sollten", sagte Obama im Interview mit dem Fernsehsender ABC. Es sollte jedoch weiterhin jedem Bundesstaat erlaubt sein, gleichgeschlechtliche Ehen zu verbieten.

Sein wahrscheinlicher Herausforderer, der Republikaner Mitt Romney, positionierte sich kurz vor Obamas Interview. Er lehne "Ehen zwischen Leuten des gleichen Geschlechts" kategorisch ab, räumte aber gleichzeitig ein, dass dies "ein sehr empfindliches und sensibles Thema" sei – womit er Recht hat, zumindest in den Vereinigten Staaten.

Anders als in Europa ist die Schwulenehe in den USA eines der kontroversesten Themen. Die Hochzeit von Schwulen und Lesben ist in 28 US-Bundesstaaten mit Volksabstimmungen verboten und in der jeweiligen Verfassung verankert. In sechs Bundesstaaten sowie der Hauptstadt Washington dürfen Homosexuelle dagegen offiziell heiraten. Einzig die Probleme der Integration von Schwarzen oder Lateinamerikanern wird in den Staaten so heftig diskutiert wie die Schwulenehe.

Als er 2008 in den Wahlkampf gezogen war, hatte sich Obama noch gegen die Eheschließung von Schwulen und Lesben ausgesprochen. Nun räumte der 50-Jährige ein, seine Meinung in den vergangen Jahren "weiterentwickelt" zu haben. Da stellt sich die Frage: Warum der Sinneswandel, Mr. President? Die Antwort liegt nahe, und zwar in den eigenen Reihen. Nachdem sein Vize Joe Biden am Wochenende erklärt hatte, sich mit der Anerkennung der Home-Ehe "absolut wohl" zu fühlen, blieb Obama nichts anderes übrig, als sich zum Thema zu äußern – und sich knapp ein halbes Jahr vor den Wahlen mit seinen Worten zum Kopf der Bürgerrechtsbewegung zu machen.

Wir wirken sich Obamas Worte auf die Wahl aus?

Von einem wahlpolitischen Kalkül will Obama allerdings nichts wissen. Seine Meinung zu dem in den USA umstrittenen Thema habe sich nicht nur im Weißen Haus, sondern vor allem zuhause geändert. Er habe Gespräche mit seinen Töchtern geführt, die Freunde mit gleichgeschlechtlichen Eltern hätten. "Es gab Zeiten, in denen wir am Essenstisch saßen und uns über ihre Freunde und deren Eltern unterhielten. Und Malia und Sasha konnten einfach nicht nachvollziehen, warum die Eltern ihrer Freunde anders behandelt werden sollten", sagte Obama: "Es macht für sie einfach keinen Sinn und offen gesagt, das ist die Art und Weise, wie man eine neue Sichtweise gewinnt."

Ob das der ausschlaggebende Punkt war, ist fraglich. Fakt ist aber: Laut Umfragen wächst in den USA die Unterstützung für die gleichgeschlechtliche Ehe. Während 2001 noch 60 Prozent der Amerikaner die Schwulen-Ehe ablehnten, sind es heute nur noch 43 Prozent. Fast jeder Zweite ist dafür, dass Schwule und Lesben heiraten dürfen. Das weiß auch Obama – und holt seine potentiellen Wähler ab.

Er habe schwule Freunde und Nachbarn, es gebe schwule Mitglieder in seinem Führungsstab, "die auch gemeinsam Kinder großziehen", sogar schwule Soldaten, "die in meinem Namen kämpfen". Dass Obama all diese Beispiele anführt, ist nur logisch, will er doch in allen Schichten auf Wählerfang gehen. Dabei schwingt allerdings auch ein Risiko mit: In zehn von den 16 so genannten 'swing states', in denen die Wähler traditionell unentschlossen sind, ist die Schwulenehe verboten. Obamas Vorstoß mache eine ohnehin knappe Wahl noch knapper, so die einhellige Expertenmeinung in den USA.

Wie Obamas Coming-out letztendlich die Wahlen beeinflusst, wird sich zeigen. Möglicherweise muss er nach seinem mutigen Wort härter denn je um seine Wiederwahl kämpfen. Eines ist ihm indes sicher: ein Platz in den amerikanischen Geschichtsbüchern.