Schwierige Zeiten für Großbritannien: Brexit-Votum könnte das Ende des Vereinigten Königreichs sein

14. März 2017 - 11:53 Uhr

Das Vereinigte Königreich war einst das mächtigste Land der Welt. Eines der Reiche, in dem die Sonne nie unterging. Das bedeutet, das Reich war so groß, dass irgendwo auf dem Territorium immer gerade Tag war. Auf dem Höhepunkt seiner Macht bedeckte das 'Empire' fast 40 Prozent der Erdoberfläche. Noch im Jahr 1922 war jeder vierte Mensch ein Bürger des Vereinigten Königreichs. Davon ist heute nicht mehr viel übrig. Und es könnte im Zuge des Brexit-Votums sogar zum kompletten Verfall von 'United Kingdom' kommen.

Am Ende könnte England mit dem kleinen und strukturschwachen Wales übrig bleiben

Schwierige Zeiten für Großbritannien: Brexit-Votum könnte das Ende des Vereinigten Königreichs sein
Das Britische Empire war einst das mächtigste Reich der Welt.

Es waren vor allem zwei Regionen, die im Sommer 2016 für den Brexit gestimmt haben: Das ländliche England und Wales. Schotten und Nordiren stimmten mit zum Teil erheblicher Mehrheit für den Verbleib in der Europäischen Union, ebenso die City of London, wobei da die Wahlbeteiligung beschämend war. Nun muss Premierministerin Theresa May nach Brüssel reisen und die Bedingungen für den Brexit aushandeln. Auf die Ergebnisse werden sowohl die Schotten als auch die Nordiren und natürlich die Finanzmanager aus London besonders achten. Es rumort jetzt schon an allen Ecken und Enden des Königreichs und am Ende steht womöglich so etwas wie die Auflösung Großbritanniens.

Schottland: Der Hadrianswall markierte immer schon eine tiefe Teilung des Landes, sowohl geschichtlich als auch kulturell und religiös. Die Schotten sind pro-europäisch, sie verfügen über Ölreserven und Tourismus. Kurz: Man traut es sich zu, selbstständig zu sein. Natürlich haben sie auch Angst davor, wenn der Handel mit England durch eine mögliche EU-Außengrenze südlich von Edinburgh abgewürgt werden könnte. Es stehen Tausende Arbeitsplätze auf dem Spiel.

Aber: Auf Forderungen der schottischen Regierung nach einer Sonderrolle Schottlands mit Verbleib im Europäischen Binnenmarkt ging May bisher nicht ein. Das hat die schottische Regierungschefin Nicola Sturgeon zum Anlass für einen neuerlichen Vorstoß in Richtung Unabhängigkeit genommen. Zwischen Herbst 2018 und Frühjahr 2019 soll die Volksabstimmung nach dem Willen der schottischen Regierungschefin stattfinden. Wenn das britische Parlament dies zulässt, werden die Schotten wohl nicht ein zweites Mal für den Verbleib im Königreich stimmen.

Eine Vereinigung von Irland und Nordirland wäre spektakulär

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Der Finanzplatz London wird schwer leiden unter dem Brexit.
© picture alliance / dpa, Andy Rain

Nordirland: Einer der heißesten Krisenherde in der Geschichte Nachkriegseuropas ist bis heute der Konflikt zwischen Nordirland und Irland. Als Irland im Jahr 1919 seine Unabhängigkeit vom Empire erklärte, akzeptierte London dies nicht. Es kam zum Unabhängigkeitskrieg, an dessen Ende die Teilung der Grünen Insel in ein katholisches Irland und einen protestantischen Nordteil stand. Bis heute sind politische und soziale Einstellungen stark durch den Konflikt geprägt. 

Doch Nordirland versteht sich pro-europäisch. Mehr als 56 Prozent und insgesamt die meisten der Wahlkreise stimmten für den Verbleib in der EU. Jetzt forderte die katholisch-republikanische Sinn-Fein-Partei in Nordirland eine Volksabstimmung über die Vereinigung mit der Republik Irland. Dies wäre nach der deutschen Vereinigung von 1990 eine weitere historische Landmarke in der Nachkriegsgeschichte Europas.

Der Brexit sei eine Katastrophe für Nordirland und die Republik Irland und werde zu einer befestigten Grenze zwischen den beiden Teilen der Insel führen, warnte Sinn-Fein-Chefin Michelle O'Neill. Auch Declan Kearney von Sinn Fein warnte: "Der Brexit ist inakzeptabel, er ist schlecht für die Iren im Norden und im Süden, wir sind überhaupt nicht vorbereitet auf die katastrophalen Konsequenzen dieser Entscheidung." Damit spielt er natürlich auf den Grenzhandel an, der durch einen Brexit zum Erliegen kommen könnte. Auch im Friedensprozess würden sich die Gräben nur weiter vertiefen. Was liegt näher als eine Vereinigung?

Was bleibt vom 'Empire'?

Wales: Warum ausgerechnet die Waliser für den Brexit stimmten, ist Experten bis heute schleierhaft. Kein anderer Landstrich Großbritanniens wie das strukturschwache Wales mit der brachliegenden Industrie und der Landwirtschaft und Viehzucht profitierte mehr von den Subventionen aus Brüssel. An Ende könnte England mit den walisischen Problemen alleine da stehen: Eine unzureichende Infrastruktur, eine darniederliegende Industrie und die niedrigste Kaufkraft im gesamten Königreich. Dazu fallen die EU-Subventionen weg und die Premierministerin hat ein echtes Sorgenkind am Hals.

City of London: Andere Probleme hat die City of London, bzw. der dortige Finanzplatz: Denn London hat die höchste Kaufkraft in der gesamten EU. Der Finanzplatz ist der bedeutendste der Welt. Wenn Großbritannien austritt, werden sich viele Banken aus der Hauptstadt zurückziehen. Frankfurt lockt schon. 360.000 Menschen arbeiten in London im Finanzsektor. Der Brexit wird - so viel ist jetzt schon sicher - für London eine enorme Minderung seiner Attraktivität bedeuten.