Erste Länder schaffen Fakten und schließen die Schulen

Schulen als Corona-Hotspot: Aktuelle Zahlen sind alarmierend

Schule entfällt wegen Corona-Virus, Covid-19, SARS-CoV-2, leeres Klassenzimmer, Deutschland Schule entfällt wegen Coron
Schule entfällt wegen Corona-Virus, Covid-19, SARS-CoV-2, leeres Klassenzimmer, Deutschland Schule entfällt wegen Coron
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11. Dezember 2020 - 15:43 Uhr

von Dirk Emmerich

Aktuelle Studien zeigen, dass Schulen zu einem Hotspot für die Ansteckung mit Covid-19 geworden sind. Wissenschaftler plädieren eine Schließung von Schulen und belegen dies mit Zahlen. Die Bildungsminister der Länder sträuben sich hingegen, die Weihnachtsferien zu verlängern.

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Inzidenzzahl an Schulen bei 381

Lange Zeit waren Schulen nicht so im Fokus. Zumindest nicht als Hotspot für die Ansteckungsgefahr mit dem Covid-19 Virus. Die neuesten Zahlen sind mehr als alarmierend. Die 7-Tage-Inzidenz bei Lehrkräften an bundesdeutschen Schulen liegt bei 381. Das haben ntv.de-Berechnungen auf Basis von Zahlen der Kultusministerkonferenz ergeben. Bei einem Landkreis würde das "tiefrot" bedeuten. Es wurde sofort der Ruf nach Kontakt-Einschränkungen laut werden. Bundesweit liegt die 7-Tage-Inzidenz im Moment bei 156.

Noch vor ein paar Wochen, als die Corona-Zahlen wieder anstiegen, gab es Kritik seitens der Lehrer, dass der Politik nichts anderes einfalle, als Schulen zu schließen und Ferien zu verlängern. Die Lehrer hielten entgegen, dass sie noch immer mit den Auswirkungen der ersten Welle im Frühjahr beschäftigt seien. Hier sei viel Zeit und viel Lehrstoff verloren gegangen. Zudem müssten endlich vernünftige Lüftungskonzepte und manch anderes her, aber bitte keine neue Diskussion um längeren Ferien. Auf ihren heutigen Beratungen hat die Kultusministerkonferenz noch einmal in dieses Horn gestoßen. "Wir sind der Auffassung, dass die Ferien nicht verlängert werden sollen", so die KMK-Vorsitzende und rheinland-pfälzische Ministerin Stefanie Hubig (SPD).

Die ersten Bundesländern schaffen Fakten; Schulen werden zu gemacht!

23.10.2020, Rheinland-Pfalz, Mainz: Stefanie Hubig (SPD), Bildungsministerin von Rheinland-Pfalz, gestikuliert auf einer Pressekonferenz. Die Bildungsministerin von Rheinland-Pfalz besucht die Ludwig-Schwamb-Schule in Mainz. Das Bildungsministerium m
„Wir sind der Auffassung, dass die Ferien nicht verlängert werden sollen“, so die KMK-Vorsitzende und rheinland-pfälzische Ministerin Stefanie Hubig (SPD).
© dpa, Andreas Arnold, arn

Doch die alarmierenden Zahlen scheinen die Bildungsminister inzwischen zu überholen. Es wird einmal mehr deutlich, wie kurz die Halbwertzeiten von Verkündungen inzwischen sind. Die ersten Bundesländer schaffen nämlich inzwischen Fakten.

So wollen Nordrhein-Westfalen und Schleswig-Holstein den Präsenzunterricht in Schulen am Montag beenden. Schüler der unteren Stufen sollten von zu Hause unterrichtet werden. In Nordrhein-Westfalen würden die Weihnachtsferien zudem um zwei Tage verlängern. Andere Bundesländer werden sicher folgen, wollen aber die Ministerpräsidentenkonferenz mit der Bundeskanzlerin am Sonntag abwarten.

Die Wissenschaftsakademie Leopoldina hatte zuletzt empfohlen, die Schulen vom 14. Dezember bis zum 10. Januar zu schließen. Ihr Argument lautet, Schulen vervielfältigten die sozialen Kontakte und seien damit kritische Organisationen für die Ausbreitung des Virus. Zuhause sollen sich nur Personen aus zwei Haushalten treffen, in den Schulen sind es Mitglieder von mehr als zwanzig Haushalten, mitunter acht Stunden lang. Das sei nicht schlüssig und weder für Schüler noch deren Eltern nachvollziehbar.

Die Forscherin Dr. Viola Priesemann vom Max-Planck-Institut sieht vor allem bei den Schulen und in der Arbeitswelt noch ein großes Potential für Beschränkungen. "Wir müssen an allen Schrauben ein Stück weiter drehen", so die Wissenschaftlerin.

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Frühzeitige Schulschließungen können Trendwende bewirken

Forscher des Karlsruher Instituts für Technologie KIT haben Zahlen aus neun europäischen Ländern und 28 US-Bundesstaaten analysiert, die zeigen, dass insbesondere frühzeitige Schulschließungen eine Trendwende bei den täglichen Fallzahlen bewirken können. Für Dr. Niklas Kühl, Wissenschaftler am Karlsruher Service Research Institute, ist der Zusammenhang zwischen Schulschließungen und sinkenden Fallzahlen offensichtlich. "Hätten wir im Frühjahr in Deutschland einen Tag länger gewartet, bis wir die Schulen schließen, hätte dies laut unseren Analysen 125.000 zusätzliche Infektionen bedeutet, die Schließung sieben Tage später sogar 400.000 zusätzliche Fälle", so der Wirtschaftsinformatiker.

Laut einer anderen Studie aus Großbritannien tragen insbesondere die Sekundarstufen zur Epidemie bei. Im ersten Lockdown gelang es Deutschland, auch mit Schulschließungen, die Zahl der sozialen Kontakte um 63 Prozent zu senken. Derzeit sind bislang nur um 43 Prozent zurückgegangen.

Angesichts dieser Fakten ist erstaunlich, wie schwer sich die Bildungsminister Länder tun, naheliegende Schlussfolgerungen zu treffen. Natürlich braucht es einen Plan, wie eine Verlängerung der Schulferien im Unterricht wieder aufgeholt werden kann. Und selbst, wenn es den nicht gibt, wären zehn Tage weniger Bildung im Tausch gegen sinkenden Infektionszahlen nicht zu verkraften?