Schufa will Facebook-Daten sammeln

8. Juni 2012 - 20:26 Uhr

Überprüfung der Kreditwürdigkeit im Netz: Kritik aus allen Reihen

Datenschützer schlagen Alarm: Die Schufa will in einem neuen Projekt sensible Daten von Mitgliedern bei Facebook und anderen sozialen Netzwerken sammeln, um ihre Kreditwürdigkeit zu prüfen. Dabei sollen nach Recherchen des NDR neben den Kontakten auch ganze Texte durchleuchtet werden, um ein "ein aktuelles Meinungsbild zu einer Person zu ermitteln", heißt es in den vorliegenden Dokumenten. Laut der Schufa handele es sich lediglich um "Grundlagenforschung", die man zudem nach "höchsten ethischen Maßstäben" betreibe.

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Justizministerin Leutheusser-Schnarrenberger (FDP) bezeichnete die Ausforschung sozialer Netzwerke durch die Schufa als nicht hinnehmbar.
© dpa, Soeren Stache

Justizministerin Sabine Leutheusser-Schnarrenberger (FDP) bezeichnete die Ausforschung als nicht hinnehmbar. Facebook-Freunde dürften nicht entscheiden, ob man einen Handy-Vertrag bekomme oder nicht. Die Schufa müsse völlige Transparenz herstellen. Auch Verbraucherschutzministerin Ilse Aigner forderte rasche Aufklärung von dem Unternehmen. "Die Schufa darf nicht zum Big Brother des Wirtschaftslebens werden. Es kann nicht sein, dass soziale Netzwerke systematisch nach sensiblen Daten abgegrast werden, die dann in Bonitätsbewertungen von Kunden einfließen", sagte die CSU-Politikerin. Dies würde das Recht auf informationelle Selbstbestimmung massiv verletzen.

Gemeinsam mit dem Hasso-Plattner-Institut der Universität Potsdam (HPI) will Deutschlands größte Auskunftei drei Jahre lang die Daten aus dem Web gewinnen, "um gesellschaftlich und wirtschaftlich spannende Entwicklungen im Internet zu untersuchen", beschrieb HPI-Leiter Prof. Dr. Christoph Meinel das Projekt. Facebook verweist in seinen Sicherheitsbestimmungen auf ein Verbot, private Mitglieder-Daten mittels automatischen Verfahren mit sogenannten Bots zu klauen. Das Unternehmen gehe aktiv gegen Verstöße vor, sagte ein Sprecher RTLaktuell.de.

In dem NDR vorliegenden Dokumenten werden neben Facebook auch Xing, LinkedIn, Yasni, Google Streetview sowie Mitarbeiterverzeichnisse von Unternehmen aufgeführt, aus denen Daten gewonnen werden könnten. Solche Informationen könnten schließlich mit Schufa-eigenen Verbraucherdaten verknüpft werden, um sie "aus Business-Sicht zu bewerten".

Ebenso wollen die Wissenschaftler untersuchen, wie die Schufa über eigene Facebook- oder Twitter-Profile verdeckt an "Adressen und insbesondere Adressänderungen" anderer Nutzer gelangen kann. Angedacht sei auch die "automatisierte Identifikation von Personen öffentlichen Interesses, Verbraucherschützern und Journalisten". Mit den Daten "soll ein Pool entstehen, der von der Schufa für existierende und künftige Produkte und Services eingesetzt werden kann."

Bissige Kommentare bei Twitter

Daten- und Verbraucherschützer reagierten mit Entsetzen. Der schleswig-holsteinische Landesdatenschutzbeauftragte Thilo Weichert sagte: "Hinter einem solchen Forschungsprojekt steckt immer eine Absicht. Sollte die Schufa die gewonnenen Daten tatsächlich einsetzen, wäre das eine völlig neue Dimension." Er zweifle daran, dass eine Umsetzung der Projektideen rechtlich überhaupt haltbar sei.

Edda Castelló von der Verbraucherzentrale Hamburg nannte das Schufa-Projekt eine "Grenzüberschreitung". "Wenn diese sehr privaten und persönlichen Datensammlungen von der Schufa zusammengeführt und ausgenutzt werden, dann wird es hochgefährlich."

Bei Twitter gab es bissige Kommentare: "Verkaufe einkommensstarke Facebookfreunde an Personen, die ihre Kreditwürdigkeit via Facebook steigern wollen", schrieb eine Userin. "Wir haben unseren privaten Schufa-Sachbearbeiter zum Patenonkel unserer Tochter gemacht. Am familiären Weihnachtsessen nimmt er auch teil", tweetet ein anderer. Spöttisch versuchten einige Nutzer, sich bei den Schuldenprüfern einzuschmeicheln. "Liebe Schufa, kaufe gleich meinen neuen 911er und bin dann damit auf dem Weg nach Sylt, Champagner trinken...", schrieb eine weitere Twitterin.

Ein Schufa-Sprecher betonte, es handele sich derzeit ausschließlich um ein Forschungsprojekt. "Es geht nicht darum, jetzt zusätzliche Datenquelle zu erschließen." Die Schufa sei allerdings der Meinung, dass Informationen aus sozialen Netzwerken in Zukunft relevant für das Geschäft einer Wirtschaftsauskunftei werden können. Dies geschehe im legalen Rahmen in Deutschland. "Es sind Daten, auf die jeder Mensch auf der Welt zugreifen kann."

Markus Beckedahl von der Digitalen Gesellschaft sagte, das Projekt zeige klar die Richtung, in die bei der Schufa gedacht werde: "Deine Freunde und dein Status sind Deine Bonität." Das erinnere an Wohnumfeld-Analysen, wo zum Beispiel aus der Bonität der Nachbarn auf die eigene geschlossen werde. "Wir sind besorgt, dass hier Unfug getrieben wird." Facebook und Twitter seien zwar öffentlich, aber keine Geschäftsdaten. "Diese Daten gehen die Schufa nichts an. Es wäre also an der Zeit, dass die Schufa ihre Algorithmen offenlegt."

Die Schufa ist der führende Informations- und Servicepartner für die Kredit gebende Wirtschaft. Das Unternehmen bietet seinen Kunden wie Banken, Sparkassen und Händlern mit kreditrelevanten Informationen eine Entscheidungshilfe bei der Kreditvergabe. Der Umsatz lag im letzten Jahr bei rund 113 Millionen Euro. Verbraucher haben die Möglichkeit, einmal jährlich kostenlos nach Paragraf 34 Bundesdatenschutzgesetz von der Schufa eine Selbstauskunft zu verlangen.