„Still, ruhig und überhaupt nicht auffällig“

Schüsse in Hanau: Was wir bisher wissen und was nicht

21. Februar 2020 - 9:38 Uhr

Schüsse in Hanau: Was ist passiert?

In Hanau fielen am späten Abend des 19. Februar an mehreren Orten in der Stadt Schüsse. Die Polizei hat bestätigt, dass dabei elf Menschen starben. Weitere fünf wurden schwer verletzt. Auch der mutmaßliche Täter ist unter den Toten.

Wo fielen die Schüsse?

Die ersten Schüsse fielen in einer Shisha-Bar in der Hanauer Innenstadt. Laut Polizei starben dort drei Menschen. Kurz danach fielen in einer weiteren Shisha-Bar im Stadtteil Kesselstadt die nächsten Schüsse. Auch im benachbarten Kiosk richtete der Täter ein Blutbad an.

Mithilfe des Autokennzeichens, das Zeugen der Polizei durchgegeben hatten, konnte die Polizei die Identität des Schützen feststellen. Das SEK umstellte das Haus des Mannes und stürmte die Wohnung. Auch dort wurden zwei Leichen gefunden – darunter auch der Tatverdächtige. Was Zeugen beobachtet haben – in unserem Video.

Wer ist der Täter?

Mutmaßlicher Täter Hanau
Der mutmaßliche Täter wurde tot in einer Wohnung in Hanau gefunden.
© Privat

Die Polizei geht bisher von einem Einzeltäter aus, es gebe keine Hinweise auf weitere Täter. Laut Hessens Innenminister ist der Mann 43 Jahre alt, deutscher Staatsbürger und stammt aus Hanau. In der Wohnung, in der die Beamten ihn tot aufgefunden hatten, entdeckte die Polizei auch ein Bekennerschreiben und ein Video. Über den Inhalt schwieg die Polizei bisher.

Das Video soll der Täter Tobias R. bereits einige Tage vor der Tat bei YouTube hochgeladen haben, wie die Deutsche Presseagentur aus Sicherheitskreisen erfuhr. In diesem Video spricht der Mann in fließendem Englisch von einer "persönlichen Botschaft an alle Amerikaner". Der Clip, der am Donnerstagmorgen weiter im Internet zu sehen war, wurde offensichtlich in einer Privatwohnung aufgenommen.

Darin sagt der Mann, in den USA existierten unterirdische Militäreinrichtungen, in denen Kinder misshandelt und getötet würden. Dort würde auch dem Teufel gehuldigt. Amerikanische Staatsbürger sollten aufwachen und gegen diese Zustände "jetzt kämpfen". Ein Hinweis auf eine bevorstehende eigene Gewalttat in Deutschland ist in dem Video nicht enthalten. Sein Motiv für die Tat ist noch unklar.

Nachbarin: „Still, ruhig und überhaupt nicht auffällig.“

Nachbarin Andrea L. kannte den mutmaßlichen Schützen nur flüchtig.
Nachbarin Andrea L. kannte den mutmaßlichen Schützen nur flüchtig.
© RTL, Orlovic, Marko [RTL Interactive GmbH]

Nachbarin Andrea L. beschreibt Tobias R. als "still, ruhig und überhaupt nicht auffällig." Er sei jemand gewesen, den man "einfach so übersehen" würde. Seit 2008 lebe sie dort und habe den 43-Jährigen nur drei oder vier Mal gesehen. Ein Problemfall sei eher sein Vater gewesen, so die Nachbarin. "Er hat Nachbarn angezeigt, die Mülltonnen versteckt und sie in seiner Garage eingeschlossen", erzählt sie, "das war ein sehr eigenartiger". Die Mutter sei wohl ein Pflegefall gewesen. "Da war täglich der Pflegedienst im Einsatz", sagt sie.  

Was ist das Motiv des Täters von Hanau?

Als Motiv kommt ein fremdenfeindlicher Hintergrund des Täters in Betracht. Der Generalbundesanwalt hat die Ermittlungen übernommen - wegen Terrorverdachts. Nach jetzigen Erkenntnissen sei ein fremdenfeindliches Motiv durchaus gegeben, sagte der hessische Innenminister Peter Beuth (CDU) im Landtag in Wiesbaden. Der mutmaßliche Täter sei vorher nicht polizeilich in Erscheinung getreten oder als fremdenfeindlich bekannt gewesen.

Terrorismus-Experte Peter Neumann twitterte, dass das Muster bei dem Täter nicht neu sei: "Einzeltäter, diffuse, aber überwiegend rechtsextreme Ansichten, mit einer Do-It-Yourself-Ideologie, die er sich aus Versatzstücken im Internet zusammengebastelt hat." Es müsse aber noch geklärt werden, ob der Mann ein aktives oder passives Mitglied von Subkulturen im Internet sei, meint Neumann.

Wer sind die Opfer der Schüsse in Hanau?

Auch über die Opfer gibt es bisher nur wenige gesicherte Informationen. Klar ist: Einer der elf Toten ist der Täter selbst. Tobias R. erschoss offenbar auch seine Mutter. Der hessische Innenminister bestätigte, dass auch die 72-jährige Mutter des Täters tot in der Wohnung gefunden wurde. Beide Leichen wiesen Schusswunden auf und die Tatwaffe lag bei dem toten Tatverdächtigen. Tobias R.s Vater konnte nach RTL-Informationen unverletzt zur polizeilichen Befragung abgeholt werden. Bei ihm handelt es allerdings nicht um einen Politiker der Grünen.

Bei den anderen Toten und Verletzten dürfte es sich aller Wahrscheinlichkeit nach um Zufallsopfer handeln, die sich gerade in den Shisha-bars und in dem Kiosk aufhielten, die der Schütze angriff. Can-Luca Fresenna, der Sohn des Kiosk-Besitzers, bestätigte im RTL-Interview, dass auch zwei Mitarbeiter des Kiosks bei der Schießerei starben. Eins der Opfer soll schwanger gewesen sein. Nach Angaben der türkischen Botschaft in Berlin sind unter den Toten fünf türkische Staatsbürger.

Muhammed B. überlebte den Angriff auf die Shisha-Bar in Kesselstadt verletzt. Im Krankenhaus gab er dem türkischen Sender Haber-TV Türkei ein Interview.