Fall wird nach Kritik untersucht

"Schubs mich und du fängst dir ne Kugel": Polizist droht Demonstranten in Dresden

22. September 2020 - 9:49 Uhr

Sachsens Polizeipräsident verteidigt Einsatzleiter

"Schubs mich und du fängst dir ne Kugel" - mit diesem Satz hat ein Polizeieinsatzleiter am Sonntag Demonstranten in Dresden gedroht. Das Video schlägt in den sozialen Netzwerken hohe Wellen. Sachsens Polizeipräsident reagiert noch am Abend und sieht keinen Anlass für disziplinarrechtliche Schritte.

Plötzlich legt der Polizist die Hand an die Pistole

Schwarz Vermummte laufen mit einem Banner über den Pirnaischen Platz in Dresden. Zuvor hatten 250 Menschen für die Aufnahme von Geflüchteten an den europäischen Außengrenzen demonstriert, die Kundgebung verlief friedlich. Die Versammlung ist bereits beendet, als Aktivisten der Antifa auf die Straßenbahnschienen stürmen und sie minutenlang blockieren. Einer der Demonstranten schleudert einen Nebeltopf vor die Menge. Der Einsatzleiter der Polizei stellt sich ihnen mit Kollegen in den Weg. Was dann passiert, zeigt ein Video.

Der Polizist tritt den Nebeltopf beiseite, die Menge skandiert "Hau ab" und hält ihr Banner vor sich. Dann ist zu hören, wie der Einsatzleiter sagt: "Schubs mich und du fängst dir ne Kugel." Es kommt zu einem kleinen Gedränge. Der Polizist geht ein paar Schritte zurück, legt seine Hand kurz an die Pistole. Eine Nahaufnahme zeigt, dass er die Waffe ein Stück aus dem Holster gezogen hat. Dann geht er mit einem Kugelschreiber in der Hand wieder auf die Demonstranten zu und zeigt in die Richtung, in die sie sich zurückziehen sollen. Als eine Kollegin kommt, entfernt sich der Einsatzleiter mit ihr zusammen von der Menge.

"Der Kollege hat sich dafür entschuldigt"

Es dauert nicht lange, bis Videos des Vorfalls in den sozialen Netzwerken die Runde machen. Die Dresdner Polizei sieht sich direkt am Abend zu einer Stellungnahme veranlasst. "Der Satz ist so gefallen", bestätigt Polizeipräsident Jörg Kubiessa. "Der Kollege hat es eingeräumt und sich dafür entschuldigt." Der Vorfall soll untersucht werden - unter Einbeziehung der Umstände. Laut Kubiessa herrschte "eine hektische, unübersichtliche Situation". Anlass für disziplinarrechtliche Schritte, wie in Kommentaren im Netz gefordert, sah Kubiessa jedoch nicht. Der Einsatzleiter habe die Hand über seine Dienstwaffe gelegt, um vorsorglich zu verhindern, dass diese jemand wegnimmt. Den Griff zur Pistole bestätigte die Polizeidirektion aber nicht. "Dennoch ist es unterm Strich für mich unstrittig, dass so ein Satz nicht fallen darf", so Kubiessa.

Laut Polizei wurde der Einsatzleiter von 25 bis 30 vermummten Demonstranten bedroht worden, als er den Nebeltopf als Beweismittel sichern wollte. "Der Beamte verspürte dabei einen Stoß in Brusthöhe", hieß es. Das Sichern der Dienstwaffe in so einer Lage sei "richtig und absolut angemessen", erklärte Kubiessa. Das alleinige Handeln des Beamten widerspreche jedoch den Grundsätzen der Eigensicherung. Laut der Mitteilung hat der Beamte glaubhaft versichert, "dass die Anwendung der Schußwaffe oder auch nur deren Androhung nie eine Handlungsoption für ihn war". Der sächsische Bundestagsabgeordnete Marian Wendt (CDU) bezeichnete das Verhalten des Polizisten als "mehr als verhältnismäßiges Vorgehen." Auf Twitter schrieb er: "Ein mutiger Polizist geht auf eine gewaltbereite und vermummte Gruppe von Demonstranten zu, um zu deeskalieren. Er ist klar unterlegen. Soll er zurückschrecken oder auch einmal Stärke zeigen und sich bei Bedrohung selber verteidigen?"

RTL NEWS empfiehlt

Anzeigen:

Quelle: DPA/RTL.de