Schreiben nach Gehör? Der Irrsinn muss beendet werden!

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15. November 2017 - 16:51 Uhr

Hitziger Streit um Schreiben-nach-Gehör-Methode

Rechtschreibung? Oder sollen wir sagen "Rächtschraibunk"? Es ist ein Thema, über das Eltern vieler Grundschulkinder graue Haare wachsen. Verständlicherweise. Die Methode, das Schreiben mit Hilfe des Gehörs zu erlernen, hat regelrechte orthographische Verwüstungen angerichtet. Glücklicherweise erkennen das inzwischen auch viele Bildungspolitiker.

Von Christiane Mitatselis

Korrektur nicht erlaubt

Der Pädagogen-Irrsinn 'Schreiben durch Lesen', auch 'Schreiben nach Gehör' genannt, funktioniert in etwa so: Zwei Jahre lang dürfen die Grundschulkinder fröhlich schraibn wih si wolln, erst ab Klasse drei werden sie vom Lehrer korrigiert. Eltern werden meist angehalten, sich vorher nicht einzumischen - das Ganze hat fatale Folgen. Die Schüler gewöhnen sich daran, zu machen was sie wollen, da es ja keine Fehler und Diktate gibt. Wenn sich falsche Routinen einmal gefestigt haben, ist es mühsam, sie den Kindern wieder auszutreiben. Und nicht alle Eltern haben Zeit, jeden Nachmittag mit ihnen zu üben.

Hinter der in den 1970er Jahren entwickelten Methode, die auf den Schweizer Reformpädagogen Jürgen Reicher zurückgeht, steht der Gedanke, dass sich die Kinder beim Schreiben frei entfalten sollten - was grundsätzlicher Unfug ist. Denn erst, wenn man die Sprache beherrscht, kann man sie kreativ einsetzen. Rechtschreibung ist keine Laune autoritärer Spießbürger, sie ist vielmehr die Grundlage schriftlicher Kommunikation. Man hält sich an Regeln, damit der Empfänger die Botschaft problemlos versteht.

Bei Sprache geht es auch um Respekt

Kein Problem ist es, in SMS- oder WhatsApp-Nachrichten auf Groß- und Kleinschreibung zu verzichten oder Abkürzungen zu gebrauchen. Vorausgesetzt, man ist in der Lage, zwischen Sprach-Varianten zu unterscheiden. Das heißt: Ein Bewerbungsschreiben muss man in korrektem Deutsch verfassen können, sonst hat man keine Chance auf dem Arbeitsmarkt.

In Deutschland, wo die Dudenkommission für Orthographie zuständig ist, einigte man sich Ende des 19. Jahrhunderts auf eine einheitliche Rechtschreibung. Es geht dabei auch um Respekt gegenüber dem Kulturgut Sprache. Sie ist ein kompliziertes Gebilde, das sich über viele Jahrhunderte entwickelt hat.

In Baden-Württemberg und Hamburg ist die Methode 'Lesen durch Schreiben' bereits verboten

Rechtschreibung fliegt niemandem zu, sie muss einstudiert werden. Wie mit der analytisch-synthetischen Methode, auf deren Basis bis Ende der 1990er Jahre überall in Deutschland gelehrt wurde. Kinder lernen, dass sich Wörter aus einzelnen Buchstaben zusammensetzen. Gleichzeitig werden ihnen fertige Wörter und deren Orthographie vermittelt. Fehler werden von Anfang an korrigiert. Nur so geht es. Vor 40 Jahren machten Grundschüler Studien zu Folge nur halb so viele Fehler wie heute.

Bildungspolitik ist in Deutschland Ländersache, und langsam scheint es bei den Politikern angekommen zu sein, dass es so nicht weitergeht. In Baden-Württemberg und Hamburg ist die Methode 'Lesen durch Schreiben' bereits verboten. In Nordrhein-Westfalen steht sie auf dem Prüfstand. An vielen Schulen wird zurzeit ein Methodenmix praktiziert. Es wäre sehr sinnvoll, wenn sich die Länder bald auf eine gemeinsame Linie einigen könnten, damit die Kinder wieder von Anfang an richtig lesen und schreiben lernen.