Schlusslicht in Studie: Deutschland ist nicht kinderfreundlich

Deutschland ist das Schlusslicht bei einer Umfrage zur Kinderfreundlichkeit in Europa.
Deutschland ist das Schlusslicht bei einer Umfrage zur Kinderfreundlichkeit in Europa.
© picture alliance, CHROMORANGE / P. Widmann

21. Januar 2013 - 15:21 Uhr

Umfrage: Dänemark Spitzenreiter – Deutschland Schlusslicht

Kinderkrippe, Betreuungsgeld oder Elterngeld - in Deutschland werden schon die ganz Kleinen oft in bürokratische Prozesse einbezogen. Machen alle diese Regelungen Deutschland zu einem kinderfreundlichen Land? Nein, sagt eine neue Umfrage. Demnach rangiert Deutschland unter zehn befragten europäischen Ländern sogar auf dem letzten Platz und gilt als noch kinderunfreundlicher als noch vor zwei Jahren.

Nur etwa jeder siebte Bundesbürger (15 Prozent) stufte 2012 seine Heimat noch als kinderfreundlich ein, zwei Jahre zuvor war es noch etwa jeder fünfte (21 Prozent). Das ergab eine repräsentative Umfrage der Hamburger BAT-Stiftung für Zukunftsfragen. Mehr als 11.000 Europäer aus zehn Ländern wurden nach ihrer Einschätzung der Kinderfreundlichkeit ihres Heimatlandes befragt. Klarer Sieger: Dänemark. 90 Prozent der Dänen finden, dass ihr Land gut zu den ganz Kleinen ist. Auch knapp die Hälfte der Spanier, Niederländer und Griechen urteilte positive über ihre jeweilige Gesellschaft.

Ganz anders sieht es in Deutschland aus: Mit einem Abstand von sechs Prozent auf Polen bildet Deutschland das Schlusslicht in der Befragung. Nur 15 Prozent der Deutschen gaben an, dass sie Kinderfreundlichkeit in der Gesellschaft wahrnehmen.

"Kinderlärm ist Zukunftsmusik"

Aber was macht eigentlich Kinderfreundlichkeit aus? Mehr Krippenplätze, Ganztagsschulen, die Einführung des Betreuungsgeldes oder gesplittetes Elterngeld – all diese Faktoren würden zwar vielen Familien helfen, jedoch nichts über die Kinderfreundlichkeit im Alltag aussagen. "Diese würde mit der Infrastruktur beginnen, die nicht nur auf Erwachsene ausgerichtet ist, sondern stärker auf die Bedürfnisse von Familien und Kindern eingeht sowie einer Arbeitswelt, die die Vereinbarung von Beruf und Familie zulässt", erklärte der Leiter der BAT-Stiftung, Prof. Dr. Ulrich Reinhardt.

Spitzenreiter Dänemark liegt in all diesen genannten Bereichen weit über dem europäischen Durchschnitt. Die Bundesbürger beurteilen ihr Land hingegen völlig anders. Auch innerhalb des Landes gibt es eine differenzierte Wahrnehmung. So machten Westdeutsche und Landbewohner in der Umfrage deutlich positivere Angaben als Großstädter und Bürger im Osten Deutschlands. Und auch im Alter zeigen sich Unterschiede: Je älter, desto negativer wird die Kinderfreundlichkeit wahrgenommen.

"Kinderfreundlichkeit im Alltag umfasst auch Kleinigkeiten, von der Wurstscheibe beim Metzger bis zum Nachbarn, der sich nicht gleich beschwert, wenn es nebenan einmal lauter zugeht", so Reinhardt. Gefordert seien Politik und Wirtschaft, da diese die Rahmenbedingungen festlegen, und auch jeder einzelne Bürger, mehr Toleranz und Respekt aufzubringen. "Kinderlärm ist tatsächlich unsere Zukunftsmusik", appellierte Reinhardt an die Bevölkerung.

Die Umfrage der BAT-Stiftung wurde unter mehr als 11.000 Personen ab 14 Jahren in zehn europäischen Ländern durchgeführt. Von je 100 Befragten sehen ihr Land als kinderfreundlich an:

1. Dänemark: 90 Prozent

2. Spanien: 49 Prozent

3. Niederlande: 47 Prozent

4. Griechenland: 43 Prozent

5. Frankreich: 40 Prozent

6. Schweiz: 38 Prozent

7. Österreich: 31 Prozent

8. Vereinigtes Königreich: 29 Prozent

9. Polen: 21 Prozent

10. Deutschland: 15 Prozent