Jury stuft Unkrautmittel als krebserregend ein

Herbe Schlappe für Bayer vor US-Gericht

Edwin Hardeman und seine Anwälte umarmten sich nach der Entscheidung der Jury in San Francisco.
Edwin Hardeman und seine Anwälte umarmten sich nach der Entscheidung der Jury in San Francisco.
© dpa, Jeff Chiu, JC ER pat

20. März 2019 - 13:59 Uhr

Prozess geht nun in die entscheidende Runde

Über 25 Jahre hatte der Kalifornier Edwin Hardeman in seinem Garten mit Monsantos Unkrautvernichter "Roundup" hantiert. Er bekam Lymphdrüsenkrebs und klagte gegen den US-Saatgutriesen. Nun hat die Jury des zuständigen Bundesbezirksgerichts das glyphosathaltige Herbizid einstimmig als krebserregend eingestuft. Ein schwerer Schlag für Bayer-Monsanto - und es dürfte nicht der letzte bleiben. Wie die Lage in Deutschland ist und was das Urteil für Folgen haben könnte.

Monsanto wird zur Belastung für Bayer-Konzern

Der Großprozess um Edwin Hardeman geht nun mit derselben Jury in die zweite entscheidende Phase. Es gilt zu klären, ob und wieviel Schadenersatz Bayer für seine US-Tochter Monsanto zahlen muss. Die Börse reagierte heftig, die Bayer-Aktie rauschte in den Keller, stürzte um mehr als zehn Prozentpunkte ab. Sollte Monsanto für Hardemans Krebserkrankung haftbar gemacht werden, hätte das Signalwirkung für weitere Prozesse.

Monsanto sieht sich in den USA mit Tausenden Klagen wegen angeblicher Krebsgefahren seiner glyphosathaltigen Unkrautvernichter konfrontert. Bayer hat deshalb 2018 rund 660 Millionen Euro für drohende Schadenersatzansprüche zur Seite gelegt.

Bayer zeigte sich in einer Stellungnahme enttäuscht von der Entscheidung der Jury. Dennoch sei das Unternehmen weiterhin fest davon überzeugt, dass die wissenschaftlichen Erkenntnisse bestätigen, dass glyphosatbasierte Herbizide keinen Krebs verursachen. Bayer sei zuversichtlich, im zweiten Teil des Prozesses beweisen zu können, dass Monsantos Verhalten angemessen war und "Roundup" nicht krebserregend ist.

Noch hunderte Klagen anhängig

Für Bayer ist der Fall Hardeman hochbrisant. Es handelt sich um einen richtungsweisenden "Bellwether Case"  - damit ist im US-Recht eine Art Musterfall in einem Massenverfahren gemeint. Sie sollen den Streitparteien helfen, das Ausmaß von Schäden und die Höhe denkbarer Vergleichszahlungen besser abschätzen zu können. Der Ausgang des Verfahrens entscheidet also maßgeblich darüber, wie Richter zukünftig in ähnlichen Fällen entscheiden.

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Urteil im Fall Johnson löste Klagewelle aus

10.08.2018, USA, San Francisco: Kläger und Krebs-Opfer Dewayne Johnson reagiert nach der Urteilsverkündung im Monsanto-Prozess. Die Bayer-Tochter Monsanto ist im ersten Prozess wegen angeblich verschleierter Krebsrisiken seines Unkrautvernichters Rou
Dewayne Johnson brach nach der Urteilsverkündung im Monsanto-Prozess in Tränen aus.
© dpa, Josh Edelson, JE sab

Es ist bereits die zweite schwere Niederlage für Bayer-Monsanto vor Gericht: Erst im August 2018 hatte eine Geschworenenjury dem Krebspatienten Dewayne Johnson in einem anderen Verfahren umgerechnet rund 256 Millionen Euro an Schmerzensgeld und Entschädigung zugesprochen. Die Richterin senkte die Strafe zwar später auf rund 69 Millionen Euro, im Grundsatz änderte sie am Urteil aber nichts. Das Urteil hatte eine regelrechte Klagewelle gegen Bayer-Monsanto in Gang gesetzt - 11.200 Kläger waren es Ende Januar.

Wie ist die Lage in Deutschland?

Hierzulande ist der Wirkstoff seit 1974 zur Unkrautbekämpfung zugelassen - sowohl für gewerbliche Kunden, als auch für Hobbygärtner. In Deutschland kaufen Landwirte ca. 5.000 Tonnen an glyphosathaltigen Pflanzenschutzmitteln im Jahr - mehr als ein Drittel aller Ackerflächen wird mit Glyphosat behandelt. Größter Einzelverbraucher ist die Deutsche Bahn. Der Konzern besprüht 33.500 Kilometer Schienen mit 75 Tonnen Glyphosat im Jahr.

Noch immer gilt das Krebsrisiko von Glyphosat strittig. Die Internationale Krebsforschungsagentur der Weltgesundheitsorganisation (IARC) stuft das sogenannte "Totalhebizid" als "wahrscheinlich krebserregend" ein. Drei Behörden haben Glyphosat dagegen bescheinigt, nicht krebserregend zu sein: Das deutsche Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR), die Europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit (EFSA) und die Europäische Chemikalienagentur (ECHA)

Ein Bündnis von Umweltorganisationen, darunter der BUND, hatte BfR, EFSA und ECHA in der Analyse "Buying Science" vorgeworfen, mit Monsanto unter einer Decke zu stecken. Eindeutige Belege für eine krebserregende Wirkung des Herbizids seien einfach ignoriert worden, um Glyphosat so vor einem Verbot zu retten.