Ein denkwürdiges Interview

Schalke-Star Uth: „Würde am liebsten weinen"

© AP, Martin Meissner, mm

22. November 2020 - 11:54 Uhr

Uth platzt der Kragen

Der FC Schalke 04 bleibt im 24. Spiel in Serie in der Fußball-Bundesliga sieglos. Gegen den VfL Wolfsburg nimmt das Unheil schon nach drei Minuten seinen Lauf. Nach einer katastrophalen Halbzeit und einer insgesamt erneut schlechten Leistung, platzt Stürmer Mark Uth der Kragen.

24. Mal in Serie ohne Sieg

Manch einer wollte gar Tränen bei Mark Uth gesehen haben. Und tatsächlich gibt es einen Moment in der Klagerede des Schalker Stürmers, in dem ein lautes Schluchzen zu hören ist. Ein Schluchzen der Wut, der totalen Verzweifelung. "Am liebsten", gestand der 29-Jährige, "würde er in die Kabine gehen und weinen." Zum 24. Mal in Serie (!) blieb der Traditionsklub aus Gelsenkirchen nun bereits ohne Sieg in der Fußball-Bundesliga. Damit kommt die Mannschaft von Trainer Manuel Baum dem historischen Negativrekord der ewigen Tasmania immer näher. Der Klub aus Berlin konnte in der Saison 1965/66 sagenhafte 31 Spiele in Folge nicht gewinnen. Mit zwei Siegen, vier Unentschieden und 28 Niederlagen stieg das Team sang- und klanglos ab. In der ewigen Tabelle wird es bis heute als schlechtester Bundesligist geführt.

Um diesen Rekord, also schlechtester Bundesligist, wird Schalke herumkommen. Mit 1772 Spielen im Oberhaus rangiert der Verein auf Rang sieben. Wie viele Spiele in der höchsten Klasse indes noch dazukommen werden, das ist eine Frage, die sehr viele Menschen beschäftigt. Sollte diese Saison, die unter dem Druck der Pandemie steht, zu Ende gespielt werden, wären es garantiert noch 26 für die Königsblauen. Aber dann? Klar ist: Die Mannschaft befindet sich schon jetzt in akutester Abstiegsnot. Deutlich dramatischer als die bisherige Ausbeute von lediglich drei Punkten (drei Remis) und einem sehr ernüchternden Tor-Verhältnis von 5:24 (!) nach acht Spieltagen ist aber der Zustand der Mannschaft. "Wir spielen sehr schlechten Fußball, wir verteidigen schlecht und ich weiß nicht, wie wir so ein Spiel gewinnen wollen", schimpfte Uth bei Sky mit eher brüchiger Stimme.

„Das ist unfassbar"

In gut anderthalb Minuten nahm der Stürmer seine Mannschaft verbal komplett auseinander. "Ich bin so bedient, das kann man sich gar nicht vorstellen. Es ist so traurig, hier jedes Mal aufzudribbeln und dann hergespielt zu werden", fluchte er. "Wir kommen jedes Mal einen Schritt zu spät und kommen nicht mal in die Zweikämpfe herein. Wir haben nicht mal eine Gelbe Karte bekommen. Das ist unfassbar." Vor allem die ersten gut 30 Minuten waren erschütternd schlecht, mit dem 0:2 durch Wout Weghorst (3.) und Xaver Schlager (24.) waren die Schalker noch bestens bedient. Dass sich die Mannschaft in der zweiten Halbzeit etwas steigerte und zu einigen Torchancen kam, es konnte die Laune kaum heben.

Trainer Baum hatte an der katastrophalen ersten halben Stunde seinen Anteil. Er traf zum Beispiel mit der Hereinnahme des ganz schwachen Benjamin Stambouli als Mittelglied der Dreier- oder Fünferkette falsche Entscheidungen. Nach einer halben Stunde stellte er um, wechselte offensiv und traf damit zumindest die richtigen Maßnahmen. "Es war dann etwas besser", sagte Baum, aber gestand auch: "Aber nicht so deutlich, dass wir sagen könnten, dass wir damit zufrieden sind." Der Trainer sei indes nicht das Problem, versicherte Uth: "Er ist bei uns das ärmste Schwein." Baum hatte die Mannschaft erst am 30. September von David Wagner übernommen.

Schalke auf den Spuren von Tasmania

Nachdem sich die Horror-Serie fortgesetzt hatte, fasste Teammanager Sascha Riether die Gedanken vieler Fans zusammen. "Wenn man die Spiele sieht, fragt man sich natürlich: Was trainieren die unter der Woche", sagte der Ex-Nationalspieler. Die Mannschaft arbeite hart, der Trainer akribisch, versicherte er aber eilig nach der von ihm aufgeworfenen Frage. "Wir geben alles", sagte der 37-Jährige und fügte - wohl unbewusst, aber passend an: "Wir werden weitermachen bis zum bitteren Ende." Zum seit 55 Jahren unangetasteten Negativ-Rekord von Tasmania, dem Liga-Synonym für Überforderung und Chancenlosigkeit, fehlen nur noch sieben Spiele. Und die nächsten Gegner heißen Mönchengladbach und Leverkusen. Machen die Gelsenkirchener so weiter, stellen sie am 9. Januar den Rekord ein.

Von Tobias Nordmann

Quelle: ntv.de