Saudische Frauen: Revolution am Steuer

Frauen in Saudi-Arabien: Revolution am Steuer
Frauen in Saudi-Arabien: Revolution am Steuer
© dpa, epa Waseem Obeida

17. Juni 2011 - 20:06 Uhr

Gegen Unterdrückung

"Der Regen beginnt mit einem einzelnen Tropfen", sagte Manal Al-Scharif zu CNN, kurz bevor sie am 22. Mai verhaftet und ins Frauengefängnis der Stadt Dammam gebracht wurde. Ihr "Vergehen": Die 32-jährige Computerspezialistin, die ihren Führerschein in den USA gemacht hat, war mit dem Auto gefahren und das gleich mehrfach. Das ist Frauen in Saudi-Arabien jedoch nicht erlaubt. Al-Scharif wollte mit ihrem Regelverstoß bewusst die Barriere der Angst durchbrechen. Im Internet initiierten sie und Frauenrechtlerinnen schließlich eine Kampagne des zivilen Ungehorsams: Über 'Facebook' hatten sie die saudischen Frauen dazu aufgerufen, sich am 17. Juni hinters Steuer zu setzen, um Fakten zu schaffen. Inzwischen ist aus dem Tropfen ein kleiner Regenschauer geworden.

In mehreren Städten von Saudi-Arabien sind Frauen dem Aufruf gefolgt und mit dem Auto losgefahren, um gegen das Frauenfahrverbot zu protestieren. Augenzeugen berichteten, in der östlichen Stadt Dammam seien mehrere Frauen in Begleitung von Verwandten die Uferstraße entlanggefahren. Auch in der Hauptstadt Riad und auf der Schnellstraße zwischen Dschidda und Riad waren nach Angaben von Aktivisten mehrere Autofahrerinnen unterwegs. Diese seien weder von der Polizei noch von den Islampolizisten der Behörde zur Förderung der Tugend und zur Verhinderung des Lasters belästigt worden.

"Ich bin mit meiner Frau heute zum Markt gefahren und sie saß am Steuer", sagte Tawfik al-Saif aus Dammam der Nachrichtenagentur dpa. Eine Frau, die ihren Namen mit Maha angab, erklärte: "Ich bin ohne Probleme durch Riad gekurvt." Die Aktivistin Wadschiha al-Howaidir sagte jedoch mit einer gewissen Enttäuschung: "Ich hätte gedacht, dass mehr Frauen dem Aufruf folgen würden."

Fahrverbot notfalls mit Gewalt durchsetzen

Vermutlich aus Angst vor Sanktionen sind viele Frauen dem Aufruf nicht gefolgt. Zahlreiche Islamgelehrte hatten sich in den vergangenen Wochen gegen eine Aufhebung des Verbots ausgesprochen, das mit den "Traditionen des Königreichs" begründet wird. Eine Gruppe saudischer Männer hatte erklärt, sie würden das Fahrverbot notfalls mit Gewalt durchsetzen. Die Menschenrechtsorganisation 'Amnesty International' hat die saudische Führung am Donnerstag aufgefordert, das Verbot aufzuheben.

Der Protest ist dabei nicht neu. Eine ähnliche Aktion wie am 17. Juni hatte es bereits 1990 in der Hauptstadt Riad gegeben. Damals waren 47 Frauen mit ihren Autos losgefahren. Einige wurden vorübergehend festgenommen, vielen von ihnen nahm man die Pässe ab. Ihre Ehemänner und Väter wurden von den Behörden gemaßregelt, weil sie auf die Frauen der Familie nicht gut genug "aufgepasst" hätten.

Manal Al-Scharif ist inzwischen - nach einer Woche Haft - wieder auf freiem Fuß. Denn einen Paragrafen, der eine Strafe für Frauen am Steuer vorsieht, kennt das saudische Recht nicht. Die 32-Jährige muss sich jedoch weiterhin regelmäßig bei der Polizei melden.

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