Wirtschaft fällt, Kurse steigen

Satte Kursgewinne mit Aktien trotz Corona: So tickt gerade die Börse

27. Mai 2020 - 17:15 Uhr

Die irre Pandemie-Börse

Dax, Dividenden, Aktienkurse oder Konjunktur - an der Börse durchzublicken, fällt vielen schwer. Aber gerade während der Corona-Krise lohnt sich ein Blick dorthin: Während Firmen weltweit ums Überleben kämpfen, herrscht an den Börsen ausgelassene Stimmung. Es wird eine regelrechte Party gefeiert, die Aktienkurse klettern fröhlich. Da stellt sich die Frage: Was ist da eigentlich los? Im Video stellt Börsen-Expertin Corinna Wohlfeil die größten Überraschungen am Aktienmarkt vor.

Hat der Dax die Corona-Pandemie schon hinter sich gelassen?

Zur Einordnung: Nach dem Lockdown-Einbruch haben sich die Märkte überraschend schnell wieder erholt. Der deutsche Leitindex Dax hat seit seinem Absturz im März fast 40 Prozent zugelegt, die US-Technologiebörse Nasdaq ebenfalls. Die Börsen sind zwar immer noch ein Stück von ihren im Februar erreichten Höchstständen entfernt. Doch bis dahin fehlt nicht mehr viel.

Das ist vor allem deshalb bemerkenswert, weil es wirtschaftlich derzeit überhaupt nicht rosig aussieht. So warnte der Chef der US-Notenbank, Jerome Powell, dass die USA in die schlimmste Rezession seit dem Zweiten Weltkrieg stürzen werden. Anderswo sieht es kaum besser aus, auch Deutschlands Wirtschaft schrumpft. Für China waren die ersten drei Monate ein regelrechtes Horrorquartal, und für 2020 erwarten Ökonomen das schwächste Wachstum seit dem Tod von Parteiführer Mao Zedong 1976.

Sind die Börsen über den Berg?

Doch an der Börse wird nicht die Gegenwart gehandelt, sondern die Zukunft. Dort regiert Optimismus und die Hoffnung, dass das Schlimmste überstanden ist. Die Corona-Pandemie ebbt ab, das Leben normalisiert sich, die Wirtschaft fährt langsam wieder hoch. Und es sieht so aus, dass ein Corona-Impfstoff nur eine Frage der Zeit ist.

Das heißt nicht, dass die Börsen nicht wieder kräftig nach unten rauschen können. Sollte es zu einer zweiten Infektionswelle kommen, ist ein neuer Absturz wohl unausweichlich. Doch derzeit dominiert die Zuversicht.

Wohin mit dem eigenen Geld?

Für die steigenden Kurse gibt es einen weiteren, wohl mindestens ebenso wichtigen Grund: Investoren haben keine Alternative zu Aktien. Seit der Finanzkrise sind die Zinsen extrem niedrig. Und irgendwo hin müssen Anleger ihr Geld ja stecken. Also fließt ständig Kapital in den Aktienmarkt, um von Kursgewinnen zu profitieren.

Diese Dynamik hat sich seit der Corona-Krise nicht verändert - im Gegenteil. Das hat vor allem mit den gigantischen Konjunkturprogrammen und Rettungspaketen zu tun. Der Kraftakt der Regierungen und Notenbanken macht zum einen Hoffnung, dass es bald wieder aufwärts geht. Außerdem leiden nicht alle Branchen wie etwa die Luftfahrt, die Autoindustrie oder der Tourismus. Es gibt jede Menge Unternehmen, die von der Krise profitieren - beispielsweise Pharma- und Technologie-Firmen. Auch der Online-Handel ist einer der Krisengewinner.

Hat sich die Wirtschaft jetzt erholt?

Doch all das verblasst neben den Rettungspakten der Regierungen und den Geldspritzen der Notenbanken. Die Geldschwemme und die neuen Schulden werden dafür sorgen, dass die Zinsen auf Jahre hinaus niedrig und Aktien damit weiterhin alternativlos bleiben. Das bedeutet aber auch, dass der Aktienmarkt nicht die reale Lage der Wirtschaft abbildet. Dass die Börsen kräftig steigen heißt nicht, dass sich die Wirtschaft auch nur annähernd schnell erholt.

Es gibt ein schönes Beispiel, um den Zusammenhang zu zeigen: Eine ältere Frau geht mit ihrem Zwergpinscher im Park spazieren, der kläffend an der langen Leine zerrt und hin- und herläuft. Doch die Dame lässt sich nicht beirren und geht langsam weiter den kurvigen Weg entlang, der angeleinte Pinscher folgt ihr trotz seiner Hektik. Die Dame ist die Wirtschaft. Der Hund ist der Aktienmarkt.