SAP will gezielt Autisten einstellen: Behinderung als perfektes IT-Profil

SAP will gezielt Autisten einstellen: Behinderung als perfektes IT-Profil
SAP will als erster global aufgestellter Konzern gezielt Autisten fördern.
picture-alliance/ dpa/dpaweb, Ronald Wittek

“SAP sucht Menschen, die anders denken“

Der Softwarekonzern SAP will in den kommenden Jahren Hunderte Autisten zu Softwaretestern und Programmierern ausbilden. Bis 2020 sollen ein Prozent der weltweit zuletzt rund 65.000 Mitarbeiter von SAP Menschen mit autistischer Störung sein, teilte das Unternehmen mit. Schätzungen zufolge leidet in der Bevölkerung etwa der gleiche Anteil an Autismus. SAP suche Menschen, die anders denken, erklärte Personalchefin Luisa Delgado den Ansatz.

Der Walldorfer Konzern arbeitet mit ‘Specialisterne‘ zusammen, einer dänischen Initiative, die sich zum Ziel gesetzt hat eine Million Autisten, die intellektuell nicht eingeschränkt sind, ins Arbeitsleben zu bringen. Auch Gründer Thorkil Sonne hat einen autistischen Sohn. Seit neun Jahren arbeitet er mit Firmen zusammen, um Jobs für Autisten zu schaffen. Doch SAP ist der erste global aufgestellte Konzern.

Bereits seit 2011 beschäftigt SAP Autisten in seinem Entwicklungslabor in Indien, im vergangenen Jahr startete ein weiteres Pilotprojekt mit ‘Specialisterne‘ in Irland. Dem sollen nun acht weitere Länder folgen. In diesem Jahr startet SAP das Programm in Deutschland, den USA und Kanada. Für SAP sei das Projekt eine Chance, im weltweiten Kampf um talentierte IT-Mitarbeiter besonders spezialisierte Menschen zu finden, sagte Anka Wittenberg, die bei SAP für Vielfalt und Integration zuständig ist. Der Softwarekonzern habe die Erfahrung gemacht, dass in besonders durchmischten Teams nicht nur die Produktivität steige, sondern auch die Kundenzufriedenheit.

“Der IT-Bereich ist ein großes Arbeitsgebiet für Autisten“, sagt auch Friedrich Nolte, Fachreferent im Bundesverband zur Förderung von Menschen mit Autismus. Detailgenauigkeit, Akribie, ein hervorragendes Gedächtnis und eine besondere Art logisch zu Denken seien häufige Eigenschaften. Was im normalen Umgang nur krankhaft erscheint, ist das perfekte Profil, um Software zu testen oder technische Geräte.

Autisten brauchen spezielle Arbeitsbedingungen

SAP ist nicht die einzige Firma, die das große Potential von Autisten erkannt hat. So auch Unternehmer Dirk Müller-Remus. Seit 2012 beschäftigt er mit seiner Firma ‘Auticon‘ Autisten, die für IT-Firmen wie den Mobilfunkanbieter Vodafone im Einsatz sind. Bis Ende des Jahres will er von 28 Mitarbeitern 20 Autisten beschäftigen und Gewinn machen. Sein Sohn brachte ihn auf die Idee, die Firma zu gründen. Müller-Remus beobachtete, wie der 14-Jährige Probleme in der Schule bekam, unter anderem hatte er Schwierigkeiten, sich zu organisieren, war aber im musischen Bereich hochbegabt. “Es kann doch nicht sein, dass so begabte Menschen in der Arbeitslosigkeit landen“, so der ‘Auticon‘-Gründer.

Doch Müller-Remus ist ein Einzelfall und steht immer noch beispielhaft für die Förderung von Autisten. “Das meiste läuft über die Eigeninitiative von Angehörigen“, sagt Matthias Dalferth, Professor für angewandte Sozialwissenschaften an der Hochschule Regensburg und Mitglied im wissenschaftlichen Beirat des Bundesverbands zur Förderung von Menschen mit Autismus. Immer noch herrsche über Autisten das Bild des verschlossenen Behinderten vor.

Dabei ist die Realität eine andere: Fünf bis sechs Prozent der Autisten, so Dalferth, fassen Untersuchungen zufolge auf dem Arbeitsmarkt Fuß. In der Gruppe mit dem Asperger-Syndrom, einer milderen Form des Autismus, liege der Anteil bei 20 Prozent. “Mit entsprechender Förderung könnte die Zahl dreimal so hoch sein“, glaubt Dalferth. Seiner Meinung nach könnten Autisten in allen möglichen Berufen eingesetzt werden, nicht nur im IT-Bereich. Bibliotheken und Archive seien ebenso denkbar wie der Einsatz zur Qualitätskontrollen.

Der Einsatz von Autisten in Unternehmen benötige aber bestimmte Voraussetzung, erklärt Professor Dalferth. “Sie brauchen eine genaue Tagesstruktur, klare Abläufe, klare sprachliche Vorgaben.“ Manche Autisten reagieren zum Beispiel sensibel auf eine zu laute Geräuschkulisse, auf solche Dinge müssen die Firmen vorbereitet sein. Ein großes Defizit ist aber auch die soziale Interaktion. Deshalb seien Job-Coaches nötig, die zwischen den Betrieben und den erkrankten Menschen vermitteln und die Arbeitsplätze richtig einrichten würden. SAP will Mitarbeiter in den entsprechenden Abteilungen ausbilden, die sich um die Autisten kümmern sollen.