Sammer ist bissig, Klopp wird veralbert

Matthias Sammer ist Bayerns Bissigkeit in Person.
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09. Mai 2014 - 11:49 Uhr

So läuft der 31. Bundesliga-Spieltag

Vor dem Spiel bei Schlusslicht Braunschweig kriselt es mächtig beim Meister aus München. Mahner Sammer vermisst die "Gier in den Augen", unter anderem. In Stuttgart wird der Retter-Trainer zum Schlagerfan - beim BVB der künftige Rekord-Trainer verulkt.

Nach drei sieglosen Bundesligaspielen in Folge und einem mickrigen 5:1 im Pokalhalbfinale über Zweitligist 1. FC Kaiserslautern herrscht sportlicher Ausnahmezustand in München. Coach Josep Guardiola muss zugegeben: "Ich bin nicht Gott." Chefmahner Matthias Sammer, nebenberuflich Sportvorstand, läutet panisch die Alarmglocken - wie im September 2012 nach einem 2:0-Sieg in Bremen ("richtig Käse"). Und im September 2013 nach einem Erfolg über Hannover ("Scheinwelt", "Komfortzone", "Fußball ohne Emotionen").

Weil Sammer ein professioneller Mahner ist, vermeidet er dabei, sich selbst zu zitieren. Diesmal klagt er über "Kuscheloasen", den Verlust der "Gruppendynamik", vermisst "Gier in den Augen", hat "das Gefühl, wir brennen nicht". Kurzum: Sammer ist kurz davor, die Meisterschaft aus lauter Scham zurückzugeben, stellt vorher aber noch die Vertrauensfrage: "Wir müssen uns nur eine ehrliche Frage stellen, ob wir noch zwei Titel haben wollen, oder einfach nur mal schauen."

Und jetzt wartet auch noch Eintracht Braunschweig, als Ligaschlusslicht nominell der leichtestmögliche Gegner, zudem mit 28 Toren die offensivschwächste Mannschaft der Liga. Kurzum eine Einladung zum weiteren Müßiggang für erfolgsverwöhnte Rekord-Meister. Während Sammer heimlich von einem echten Zeichen träumt, also mindestens dem ersten zweistelligen Sieg der Saison, fiel Bayern-Kapitän Philipp Lahm zu dessen flammendem Appell nur ein: "Wenn er das so sieht, dann wird es so sein." Fatale Hybris? Braunschweig jedenfalls geht mit bescheidenen fußballerischen Mitteln ins Duell gegen die Bayern, aber furchterregenden Statistiken: Seit fünf Heimspielen ist die Eintracht ungeschlagen (Bayern seit null), zuletzt gab es zu Hause jeweils drei Treffer (Bayern: jeweils drei Gegentreffer). Und in der Rückrunde holten Torsten Lieberknechts Eichhörnchen genauso viele Punkte wie der Tabellenvierte Bayer Leverkusen - was allerdings, zugegeben, eher gegen die Werkself spricht als für Braunschweig. Für Eintrachtler Deniz Dogan wäre ein Sieg gegen die Bayern durchaus eine Sensation, aber: "Wir glauben daran, dass es machbar ist." Soweit ist es also schon gekommen, dürfte Matthias Sammer in München murmeln - mit blutenden Ohren.

Wie spanisch sind die Verhältnisse?

Das deutsche Valencia heißt Berlin. Dort kommt es am 17. Mai - genau wie vergangenen Mittwoch in der spanischen Hafenstadt - zum Gigantenduell zwischen dem FC Bayern und Borussia Dortmund. Der BVB mühte sich gegen den VfL Wolfsburg auf der letzten Felge ins Endspiel, dürfte bis zum Gastspiel in Berlin aber wieder in Schuss sein für das Traumfinale.

Womöglich hat sich bis dahin auch BVB-Keeper Roman Weidenfeller wieder beruhigt, der gegen Wolfsburg kurz vor Schluss die Fassung verlor. In die Lehre gehen könnte Weidenfeller bei seinem Coach Jürgen Klopp, bekanntlich die Ausgeglichenheit in Person. So beschrieb zumindest der Mainzer Coach Thomas Tuchel den BVB-Trainer vor dem FSV-Gastspiel in Dortmund. "Er ist sehr unterkühlt, sehr zurückhaltend und sehr sachlich", scherzte Tuchel über Klopp: "Ich denke, er könnte mehr aus sich herausgehen. Aber er arbeitet daran."

Vielleicht legt Klopp ja seine Zurückhaltung ab, wenn er gegen Mainz als erster BVB-Trainer die 400-Punkte-Marke knackt. Ein Remis würde dazu reichen. Bei einem Sieg hätte der BVB die direkte Champions-League-Qualifikation schon sicher. Allerdings: Tuchel traut sich und seinen Europa-Aspiranten trotz Dortmunds "absoluter Topform" einen Auswärtssieg zu. Hilfreich dabei wäre, führte Tuchel aus, wenn sein Team "eine starke Leistung" bringen würde und Dortmund "nicht in Bestform" agiert. Klingt nach dem überzeugendsten Matchplan seit Beckenbauer 1990.

Was passiert sonst noch?

Andrea Berg platzt vor Stolz - auf Huub Stevens. Der 31. Spieltag hält nämlich eine enorme emotionale Herausforderung für den 'Knurrer aus Kerkrade' bereit. Der Retter-Trainer des VfB Stuttgart empfängt am Sonntag seine große Liebe zum Auswärtsspiel in Schwaben, der FC Schalke kommt. Dort wird Stevens als Jahrhunderttrainer verehrt, doch für Stevens gilt der Andrea-Berg-Hit: "Die Gefühle haben Schweigepflicht". Aus Platz 15 nach 30 Spielen und dem Minimalvorsprung von 1 Zähler auf den Relegationsrang hat er geschlussfolgert, dass für seinen führungsschwachen VfB jedes Spiel ein "Endspiel" ist.

Im 'kicker' hat er deshalb ausgeführt, er habe "aktuell keine Zeit für Gefühle". Vielleicht hat sich Stevens auch einfach die VfB-Heimstatistik gegen Schalke angeschaut und erkannt, dass Stuttgart in der Bundesliga gegen kein anderes Team daheim so oft gewonnen hat, wie gegen 'Königsblau'. Eine gewisse emotionale Distanz scheint daher angeraten. Auch beim letzten Treffen beider Clubs in Stuttgart hieß der Sieger: Stuttgart. Dummerweise saß Stevens da noch auf der Schalke-Bank, was sich aber wenig später erledigt hatte. Nachfolger wurde Jens Keller, der es inzwischen zum virtuell am häufigsten entlassenen Trainer der Ligageschichte gebracht haben dürfte. Im Amt ist er immer noch und kämpft mit 'Königsblau' gegen den BVB um die Vizemeisterschaft. Sorgen bereitet den Schalkern derzeit nur das "Politikum am Elfmeterpunkt" ('kicker') um Torjäger Klaas-Jan Huntelaar. Der will trotz der stolzen Serie von drei Elfmeterfehlschüssen in Folge auch künftig die Schalker Strafstöße treten - gegen den Willen von Coach Keller.

Welche Mannschaft überrascht?

Bremen! Und Hoffenheim! Warum? Weil beide Teams die Wundertüten der Liga sind und am 31. Spieltag aufeinandertreffen. Hoffenheim garantiert Tore, hinten wie vorne. Werder hat die kurioseste Abwehr der Liga. Im Hinspiel in Hoffenheim boten beide Teams ein grandioses Schauspiel: acht Tore, sieben Gelbe Karte, drei Elfmeter, zwei verspielte Zwei-Tore-Führungen, ein Doppelschlag und ein Last-Minute-Ausgleich zum 4:4-Endstand. Der sorgte dafür, dass Werders Coach Robin Dutt inzwischen seit fünf Spielen ungeschlagen ist gegen Hoffenheim. Allerdings gelang in der Liga den letzten sieben Heimspielen nur ein Werder-Sieg, weshalb das Abstiegsgespenst noch immer eine Dauerkarte hat in Bremen.

Hoffenheim hat in der Rückrunde eine formidable Auswärtsstärke entwickelt, hängt mit dem spektakulären Torverhältnis von 66:63 Treffern und 40 Punkten aber im Niemandsland der Tabelle fest - und fürchtet einen Bremer Racheakt. Das bekannte Coach Markus Gisdol nach der 0:3-Abreibung für Werder in Mainz: "Mir wäre lieber gewesen, Bremen hätte gegen Mainz ein gutes Spiel abgeliefert. Einige reden jetzt von einer Bringschuld der Bremer." Was Gisdol genau fürchtet? Höchstwahrscheinlich ein 0:0.

Für welchen Trainer wird es eng?

Bayer Leverkusen; Sascha Lewandowski
Führt Interimstrainer Sascha Lewandowski Leverkusen noch in die CL-Quali?
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Schweren Herzens hat sich Bayer Leverkusen jüngst gegen die weitere Zusammenarbeit mit Trainer Sami Hyypiä und für weitere Siege entschieden. Die Maßnahme wirkte schneller als Paracetamol: Nach dem 2:1 gegen Hertha BSC hat Bayer prompt mit Eintracht Braunschweig in der Rückrundentabelle gleichgezogen und den VfL Wolfsburg in der Werkself-Meisterschaft wieder überholt.

Verantwortlich für den rasanten Aufschwung: Sascha Lewandowski. Einst gemeinsam mit Hyypiä Cheftrainer, dann lieber wieder Jugendcoach, ist Lewandowski jetzt wieder der Boss, interimsweise. Von Bayer-Geschäftsführer Michael Schade wurde er nach dem Sieg gegen Hertha mit Lob überhäuft: "Lewandowski hat neue Impulse gesetzt und mit Gestik, Mimik und Rhetorik neues Interesse bei den Spielern geweckt." Schafft Lewandowski am Saisonende tatsächlich die Champions-League-Qualifikations-Qualifikation, könnte es eng werden mit der angestrebten Rückkehr ins zweite Glied.

Offiziell suchen die Leverkusener weiter einen neuen Cheftrainer für die kommende Saison, bislang sind aber nur Absagen aktenkundig, etwa vom Mainzer Thomas Tuchel. Nächster Bayer-Gegner ist der Vorletzte Nürnberg, der mit dem achten Bundesliga-Abstieg kokettiert. Das wäre nach der sieglosen Hinrunde noch so ein Rekord, um den die Franken nur wenige Teams beneiden. Sportdirektor Martin Bader schöpft jedoch unverdrossen Hoffnung aus der verqueren Situation. "Die Mannschaft kann etwas schaffen, was in Nürnberg fast mit dem Pokalsieg 2007 vergleichbar wäre", findet Bader: "Diese verkorkste Saison mit all ihren Widrigkeiten jetzt noch zu drehen, ist doch ein Wahnsinnsansporn."

Wo wird es brisant?

Überall dort, wo wie in Nürnberg, Braunschweig, Bremen und Stuttgart auch noch gegen den Abstieg gekämpft wird. Konkret: in Freiburg, wo Champions-League-Aspirant Borussia Mönchengladbach mit schlotternden Knien gastiert. "Es gibt sicher leichtere Gegner für uns als Freiburg", findet Borussia-Trainer Lucien Favre.

Und natürlich beim Bundesliga-Dino Hamburger SV. Der wird, glaubt man rechenkundigen Fußballfreunden, am Samstag 50 Jahre und 237 Tage Mitglied der Fußball-Bundesliga sein. Den HSV-Fans lässt diese Zahl das Herz bluten, weil weiter unklar ist, ob ihr Verein die 51 Jahre noch schafft. Hilfreich wäre da ein Heimsieg gegen den VfL Wolfsburg, der sich nach dem Halbfinal-K.o. in Dortmund als "Pokalsieger der Herzen" feiern ließ. Die Voraussetzungen für einen HSV-Erfolg sind nicht die schlechtesten, schließlich haben die Hamburger vergangene Woche in Hannover nicht gewonnen.

Andernfalls wäre ein HSV-Dreier ein Ding der Unmöglichkeit. "Es ist bezeichnend, dass es diese Saison kein einziges Mal zwei Siege in Folge gab", klagte HSV-Coach Mirko Slomka in der "Hamburger Morgenpost" - und ließ dabei unerwähnt, dass er selbst in dieser Saison 13 Auswärtsspielen als Coach von Hannover und Hamburg genau 0 Punkte geholt hat. Sein Ziel bleibt dennoch der direkte Klassenerhalt, in den verbleibenden Heimspielen gegen Wolfsburg und Mainz will Slomka den Ein-Punkte-Rückstand auf Stuttgart aufholen. Die Durchhalteparolen sitzen: "Ich bin überzeugt davon, dass wir den längeren Atem haben und am Ende drei Teams hinter uns lassen werden."

Was sagt das Orakel?

"Der Sack ist dann zu, wenn es rechnerisch durch ist." Werder-Coach Robin Dutt setzt im Abstiegskampf auf Adam Riese.

Quelle: n-tv.de