2019 M01 29 - 13:10 Uhr

Rote Rosen, eine Kerze und Kreidestriche erinnern an das blutige Geschehen vom Wochenende. Die tödlichen Schüsse auf einen 25 Jahre alten Iraker im Stadtteil Lebenstedt haben in Salzgitter viele Einwohner geschockt - und Erinnerungen an frühere Gewalttaten geweckt. Die Polizei nahm einen 33-jährigen Syrer unter dringendem Tatverdacht fest. Er soll sein Opfer getötet haben, weil er mit der Liebesbeziehung des Irakers zu seiner Schwester nicht einverstanden war.

Doch was ist das für eine Stadt, Salzgitter, von manchen spöttisch auch "Salzghetto" genannt? Wer lebt dort? Und kommt es dort tatsächlich häufiger als anderswo zu tödlichen Auseinandersetzungen?

Noch bevor Details zur Tat bekannt werden, versuchen Polizei und Staatsanwaltschaft, falsche Gerüchte zu verhindern. Es gebe keine Hinweise auf eine Auseinandersetzung zwischen verfeindeten Familienclans, heißt es in einer Mitteilung. Auch eine Verbindung zu zurückliegenden Tötungsdelikten in Lebenstedt sei bislang nicht erkennbar. "Es geht darum, einigen Berichten im Netz und möglichen Spekulationen entgegenzutreten", erläutert der Sprecher der Staatsanwaltschaft, Hans Christian Wolters.

In der Nähe des aktuellen Tatorts hatte es vor einigen Jahren eine Schießerei gegeben. Und erst im Mai 2018 kam es wenige Hunderte Meter entfernt zu tödlichen Schüssen, bei denen eine 30-Jährige starb. Ein Sorgerechtsstreit kostete die Frau aus dem Kosovo ihr Leben, ihr Ex-Partner steht dafür inzwischen vor Gericht.

Staatsanwalt Wolters sagt, nach seiner subjektiven Einschätzung habe er seit Mai 2018 eine auffällige Häufung von Gewaltdelikten wahrgenommen. Verlässliche Gründe kann er aber nicht nennen.

Klar ist: Salzgitter muss nicht nur mit Kriminalität, sondern auch mit diversen anderen Herausforderungen klar kommen. Die Stadt hat die zweithöchste Pro-Kopf-Verschuldung in Niedersachsen und einen hohen Migrantenanteil. Vor allem Flüchtlinge zogen dorthin - soviel, dass Oberbürgermeister Frank Klingebiel (CDU) im Herbst 2017 in einem Brandbrief an die Landesregierung Zuzugsbeschränkungen forderte. Die wurden dann später tatsächlich erlassen. Anerkannte Flüchtlinge dürfen seither in der Regel nicht mehr nach Salzgitter ziehen. Außerdem gibt es mit einem Integrationsfonds finanzielle Hilfen vom Land.

Petra Behrens-Schröter von der Diakonie kennt den Alltag in Salzgitter gut. "Viele Menschen sind irritiert und machen sich Sorgen, wie es weitergeht", sagt sie. In einem Laden in der Nähe des Tatorts, wo am Wochenende der Iraker erschossen wurde, sagt eine Frau: "Das macht schon ein mulmiges Gefühl." Und eine Passantin auf der anderen Straßenseite meint: "Schrecklich, einfach nur schrecklich." Ihre Namen wollen beide lieber nicht nennen, wenn sie darüber nachdenken, dass ein Mann ganz in der Nähe im Hinterhof einer belebten Straße erschossen wurde. Eine Kirche ist in Sichtweite, eine Schule um die Ecke.

Sozialarbeiterin Behrens-Schröter findet die Worte, die den Menschen auf der Straße noch fehlen. "Natürlich wollen alle wissen, was da wieder passiert ist", sagt sie. Politisch wird der Fall fix ausgewalzt, die AfD springt sofort auf. Bei den Landtags- und Bundestagswahlen 2017 holte die Partei in Salzgitter ihre besten Ergebnisse niedersachsenweit. Paul Hampel, im erbitterten innerparteilichen Streit aus dem Amt als AfD-Landeschef abgewählt, textet in einer Pressemitteilung, Salzgitter entwickele sich "immer schneller zu einer multikulturell gestrickten Hochburg für kriminelle Clans und von Hass getriebene Einzeltäter".

Doch Caritas-Sozialarbeiterin Behrens-Schröter sieht im aktuellen Fall keinen Rückschlag für die Integrationsarbeit. "Das ist vielmehr ein Hinweis, dass wir nach dem letzten Flüchtlingszustrom noch gar nicht richtig weit mit der Integration vorangekommen sind", meint sie. Salzgitter hatte nach 2015 mehr als 5000 Flüchtlinge aufgenommen, bevor das Land der 100.000 Einwohner-Stadt 2017 eine Atempause verschaffte. "Wir sollten nun schnell darüber sprechen, was genau passiert ist und daraus lernen - vor allem den Respekt vor anderen Kulturen", fordert die Sozialarbeiterin.

Quelle: DPA