Ali und Bartsch sind das neue Führungsduo der Linken

Sahra Wagenknechts letzter Tag als Linke-Chefin: Warum dieser Abgang ein herber Verlust ist

© dpa, Britta Pedersen, ped dul

12. November 2019 - 16:04 Uhr

Ende einer Ära

Im Bundestag endet heute eine Ära. Sahra Wagenknecht wird als Fraktionsvorsitzende der Linken abgelöst. Den Posten übernehmen in Zukunft der bisherige Co-Vorsitzende Dietmer Bartsch und die niedersächsische Bundestagsabgeordnete Amira Mohamed Ali. Für die Partei dürfte es ein größerer Verlust sein, als manche wahrhaben wollen. Doch ganz verschwinden wird sie wohl nicht.

Auf dem Tiefpunkt klatschte ihr eine Torte ins Gesicht

Nach dem Angriff mit einer Sahnetorte sitzt die Fraktionsvorsitzende der Partei die Linke, Sahra Wagneknecht, auf ihrem Platz
Sahra Wagenknecht nach dem Torten-Angriff auf dem Parteitag der Linken 2016.
© dpa, Hendrik Schmidt

Wenn die Fraktion der Linken eine neue Fraktionsspitze wählt, ist sie vorbei, die Ära Sahra Wagenknecht. Es war ein Abschied auf Raten: Bereits im Frühjahr hatte sie angekündigt, nicht noch einmal antreten zu wollen - und hatte damit ein kleines politisches Beben ausgelöst. Man wunderte sich: Die Frau war doch gerade einmal 49 Jahre alt! Stets hatte sie wie eine gewirkt, die dabei bleiben würde, egal, was kommt. Ein political animal wie Gregor Gysi oder ihr Ehemann Oskar Lafontaine schien sie zu sein. Und sie war eine starke Frau im noch immer von Männern dominierten Politik-Betrieb. Wagenknechts Begründung ließ aufhorchen: Aus gesundheitlichen Gründen wolle sie sich zurückziehen. Kommentatoren wussten von einem zermürbenden Machtkampf in den Reihen ihrer Partei zu berichten.

Vielleicht war im vergangenen Jahr auf dem Linken-Parteitag in Magdeburg der Punkt, an dem sie dachte: Ich will nicht mehr. Gerade hatten ihr Aktivisten eine Torte ins Gesicht geklatscht. Es war der Tiefpunkt dessen, was Wagenknecht aushalten musste. Sie war vor allem mit kritischen Äußerungen zur Flüchtlingspolitik angeeckt. Nach der perfiden Attacke solidarisierten sich ihre innerparteilichen Gegner zwar spontan mit ihr, die Debatte schwelte aber weiter.

Auf der Jagd nach AfD-Wählern

Amira Mohamed Ali (Die Linke), Bundestagsabgeordnete, vor Beginn der Sitzung Linksfraktion im Bundestag.
Amira Mohamed Ali bildet mit Dietmar Bartsch das neue Führungsduo der Linken.
© dpa, Carsten Koall

Beim folgenden Parteitag in Leipzig brach diese dann wieder offen aus. Die Fraktionschefin hatte die Frage aufgeworfen, ob nicht die Arbeitsmigration eingeschränkt werden sollte. Viele bei der Linken rollten darüber mit den Augen und ballten unterm Tisch die Fäuste. Steht doch die Linke traditionell für Internationalität, Völkerfreundschaft und Solidarität. Was sollten da die störenden Töne der unbequemen Frau Wagenknecht? Reflexhaft unterstellten ihr manche gar Rassismus und Nationalismus. Sie wollte wohl tatsächlich AfD-Wähler zurückgewinnen, die ausgerechnet von der Linken zur neuen Rechtsaußenpartei desertiert waren. Und ging den unbequemen Weg gegen die Partei-Harmonie.

Als sie dann im März ihren Rückzug ankündigte, wurden gleich die Fragen gestellt, die auch heute noch Frauen eher gestellt werden als Männern. War sie nicht hart genug? Wie hart muss ein Politiker überhaupt sein? Oder gehen wir, die Bürger, die Journalisten, zu hart mit ihnen ins Gericht? Im März fragte Wagenknecht bei "Anne Will", wie viel man noch bewegen kann, "wenn man innerlich immer ausgebrannter ist". Sie war bemüht, ihr Leiden nicht zu sehr auszubreiten und verwies lieber darauf, dass es einfache Arbeitnehmer viel schwerer hätten als sie. Die müssten ständig mit der Angst vor dem Absturz leben. Wenn man in die Politik gehe, habe man immer noch die Wahl, ob man in die erste Reihe gehe. Da dürfe man nicht klagen. Doch dass eine Debatte über die Arbeitsbedingungen in der Politik angebracht ist, zeigten aber gerade erst vergangene Woche die Schwächeanfälle eines CDU-Politikers und einer Linken-Abgeordneten.

Da kommt noch was

Seit geraumer Zeit herrscht Streit um eine neue Parteiführung der Linken.
Ex-Linke-Chef Oskar Lafontaine und Lebensgefährtin Sahra Wagenknecht
© dpa, Hannibal Hanschke

War es das nun wirklich mit der politischen Karriere Wagenknechts? Wohl kaum. Sie hat bereits im März angekündigt, politisch aktiv bleiben zu wollen. So wird sie ihr Bundestagsmandat behalten und auch Talkshow-Besuche dürften nicht ausbleiben. Auch Bücher sind von ihr weiter zu erwarten, natürlich mit Großaufnahme ihres Gesichts auf dem Cover, so wie bei den zahlreichen Publikationen zuvor. Die ewige Außenseiterin gibt ihre Hauptrolle im Bundestag zwar auf - das Rampenlicht wird sie wohl nicht verlassen. Nicht nur für die Linke ist ihr Abgang ein herber Verlust - Charaktere wie sie wirken wie eine Vitaminspritze im oftmals grauen Polit-Betrieb, der es so vielen Wählern schwer macht, noch Unterschiede zwischen den Parteien zu erkennen.