Säugling totgeschüttelt - Freispruch!

03. Februar 2011 - 10:44 Uhr

"In dubio pro reo"

Ein erst wenige Wochen alter Junge ist im nordrhein-westfälischen Castrop-Rauxel zu Tode geschüttelt worden - und niemand muss dafür die rechtlichen Konsequenzen tragen. Ein Gericht sprach die unter Verdacht stehenden Eltern jetzt - mehr als ein Jahr nach der Tat - frei.

Die Richter haben keine Zweifel: Entweder war es die Mutter oder der Vater des toten Kindes. Einer von beiden hat den eigenen Sohn tot geschüttelt.

Doch verurteilt wurde niemand. "In dubio pro reo - Im Zweifel für den Angeklagten", so Jürgen Koschmieder vom Landgericht Dortmund. Nach dieser Regel hat das Gericht juristisch wohl fehlerlos entschieden. Harte, aber klare Worte deshalb auch vom Richter: "Die Öffentlichkeit muss ertragen, dass - wenn man nicht weiß, wer der Täter ist - beide Angeklagte zwingend freizusprechen sind." Aber moralisch ist der Freispruch schwer zu verdauen.

Die Eltern hatten, wie es scheint, allerdings eine perfide Strategie: Der eine deckt den anderen. Die 21-jährige Mutter Sara R. schweigt, ihr 24-jähriger Ehemann Philip R. gab an, Alexander leblos gefunden zu haben. "Er habe es dann aus Panik geschüttelt, um es wiederzubeleben. Er hat jedoch gesagt, das sei nur ein leichtes Schütteln gewesen", so Koschmieder weiter.

Doch das war es sicher nicht: Tellergroße Hämatome hatte der Säugling am Rücken, dort waren sogar Venen gerissen, und Alexander hatte heftige Hirnblutungen. Für Mediziner sind das typische Folgen einer regelrechten Schüttel-Attacke. "Wenn ein Kind normal hinfällt und mit dem Kopf aufschlägt, passiert meistens zum Glück nicht allzu viel. Aber durch dieses Schütteln ist es wirklich so, dass das Gehirn gegen den Schädelknochen knallt, und dadurch diese schwerwiegenden Verletzungen auftreten. Dieses Schütteln ist etwas ganz Schlimmes und etwas ganz Schreckliches", weiß Dr. Sigurd Milde, Kindernotarzt aus Dortmund.

Ganze drei Monate lang haben Ärzte verzweifelt versucht, Alexanders Leben zu retten. Angeblich war der Junge kein Wunschkind. Seine Mutter soll sogar über eine Abtreibung nachgedacht haben. "Sie war in der Ausbildung, das Kind kam ihr ungelegen", hieß es in der Urteilsbegründung.

Schwierige Verhältnisse, die jetzt mit Alexanders Tod und ohne eine Verurteilung endeten.

Immerhin war es kein Freispruch aus erwiesener Unschuld, sodass Alexanders Eltern zumindest nicht ganz ohne Verantwortung für die schlimme Tat davon kommen.