Säbelrasseln in Nordkorea: Was passiert bei einem Atomangriff? Experte liefert Antworten

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10. Juli 2017 - 12:07 Uhr

Von Christina Warnat

Kim Jong-un will sein isoliertes Nordkorea um jeden Preis zur Atommacht machen - und sieht sich in der Lage, die USA mit einem Atomsprengkopf zu treffen. Erst kürzlich feuerte er erfolgreich die erste Interkontinentalrakete (ICBM) ab. Geschätzte Reichweite: 6.700 Kilometer - Anchorage in Alaska ist 6.000 Kilometer von Pjöngjang entfernt, Berlin knapp 8.000 Kilometer.

Der eskalierende Konflikt überschattet auch den G20-Gipfel in Hamburg. Die Drohkulisse ist beängstigend. Doch könnte das Säbelrasseln von Machthaber Kim Jong-un tatsächlich in einem Atomschlag gipfeln? Und was passiert dann? Wir haben Professor Götz Neuneck vom Institut für Friedensforschung und Sicherheitspolitik an der Universität Hamburg dazu befragt.

"Kim Jong-un ist kein Selbstmörder"

HANDOUT - Das Bild, welches von der nordkoreanischen Regierungsagentur am 04.07.2017 zur Verfügung gestellt wurde, soll die Vorbereitung eines mutmaßlichen Starts einer Interkontinentalrakete mit hoher Reichweite vom Typ Hwasong-14 zeigen. Der nordko
Die nordkoreanische Regierungsagentur veröffentlichte ein Foto vom angeblichen Start einer Interkontinentalrakete mit hoher Reichweite.
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Wie wahrscheinlich ist es, dass Kim Jong-un die USA angreift? Was würde im Falle eines Atomschlags geschehen? 

"Wenn Nordkorea tatsächlich eine nuklearbestückte ICBM auf die USA abfeuern würde, wäre ein Nuklearschlag gegen Nordkorea fast unvermeidbar", sagt Neuneck. "Die getestete Sprengkraft der nordkoreanischen Bombe ist in der Größenordnung der Hiroshima-Bombe. Die USA werden eine Hiroshima-ähnliche Explosion auf US-Territorium kaum hinnehmen." Und das weiß Kim Jong-un. Ein Erstschlag würde sein Ende bedeuten. "Kim Jong-un ist kein Selbstmörder."

Außerdem wird es "sicher noch ein paar Jahre dauern", bis Nordkorea in Besitz einer "zuverlässigen" Atomrakete ist, so der Physiker. "Die Treffergenauigkeit müsste hoch sein." Viele weitere Tests seien erforderlich - und auf die wird sich die Welt wohl einstellen müssen. Das Land arbeitet seit Jahren an der Entwicklung von Langstreckenraketen, die auch den erklärten Erzfeind USA erreichen können. Südkoreas Verteidigungsminister Han Min Koo warnte, die Möglichkeit, dass Nordkorea einen weiteren Atomtest unternehme, sei hoch. Das Nachbarland habe auch bei der Verkleinerung von Sprengköpfen für Raketen Fortschritte erzielt.

Fazit: Ein Atomangriff "ist unrealistisch, aber solange er nicht ausgeschlossen ist, werden die USA verschiedene Mittel zur Vermeidung eines solchen Szenarios nutzen", so der Sicherheitsexperte.

Das Pentagon verfügt über Raketenabwehrsysteme, zum Beispiel in Japan und Alaska. Würde eine Atomrakete die USA überhaupt erreichen oder vorher eliminiert werden?

"Präsident Trump hat erklärt, dass keine Rakete je die USA erreichen wird", sagt Professor Neuneck. "Das ist aber nur durch intensive Verhandlungen, militärisch durch einen Präventivangriff, der die Raketeninfrastruktur in Nordkorea zerstört, oder im letzten Moment durch Raketenabwehr zu verhindern." Das US-Militär überwacht Nordkorea mittels Satelliten, Radarscans und Wärme-Tracking und wüsste wahrscheinlich schon vor Abschuss einer Atomrakete von einem bevorstehenden Angriff. Das Pentagon könnte entsprechend mit einem Präventivschlag reagieren, Nordkorea also zuvorkommen und noch vor einem Abschuss intervenieren.

Sollte dennoch ein Abschuss erfolgen, käme höchstwahrscheinlich ein Ground-Based-Interceptor (übersetzt etwa: bodengestützte Abfangrakete) zum Einsatz, von denen 30 Einheiten in Alaska und sechs nördlich von Los Angeles stationiert sind. Sie sind wesentlicher Bestandteil des nationalen Raketenabwehrsystems 'Ground-Based Midcourse Defense-System' (GMD). Doch: "Die nationale Raketenabwehr zeigt widersprüchliche Testresultate", sagt Professor Neuneck.

Das System war 2004 von Präsident George W. Bush offiziell für einsatzfähig erklärt worden. 17 Tests wurden seither durchgeführt, zuletzt Ende Mai 2017 als direkte Reaktion auf die Fortschritte Nordkoreas bei der Raketenentwicklung. 9 der 17 Tests waren erfolgreich, das entspricht einer ernüchternden Quote von 53%. Zudem wurden bislang nur Mittelstreckenraketen und Interkontinentalraketen mit gedrosselter Geschwindigkeit getestet.

Ein weiteres Problem ist die Reaktionszeit. Das GMD funktioniert mit Radarsensoren, die den Abschuss einer ballistischen Rakete erkennen. Das GMD berechnet dann die Flugbahn des feindlichen Flugkörpers und feuert einen Interceptor ab. Dieser ist nicht bewaffnet, sondern darauf ausgelegt, eine entgegenkommende Rakete im Weltall, Hunderte Kilometer über der Erde, mit maximaler Geschwindigkeit wegzurammen. Für all das bliebe im Falle eines Angriffs aber nur ein relativ kleines Zeitfenster.

Wie hoch ist die Bedrohungslage für Deutschland?

"Deutschland ist geografisch zunächst weiter weg als die Distanz Anchorage-Pjöngjang und nicht im Visier Nordkoreas", sagt der Sicherheitsexperte. "Außerdem ist die Flugrichtung entgegengesetzt. Deutschland ist nicht bedroht, aber die Nachbarländer Nordkoreas in Asien sind sicher jetzt noch nervöser als zuvor."

Russland und China sprachen sich vor dem UN-Sicherheitsrat gegen neue Sanktionen und für weitere diplomatische Gespräche zur Lösung der Krise aus. Auch für Professor Neuneck ist dies unumgänglich. "Verhandlungen mit Nordkorea müssen zügig begonnen werden. China kann vermitteln, Donald Trump muss endlich handeln und einen Sonderbeauftragten benennen!"

Brandgefährliche Rhetorik: Trump gießt Öl ins Feuer

HANDOUT - Das vom südkoreanischen Verteidigungsministerium veröffentlichte Foto zeigt den Abschuss einer Rakete vom Typ «MGM-140 Army Tactical Missile» bei einer gemeinsamen Militärübung mit den USA am 05.07.2017 in Südkorea. - ACHTUNG: Nur zur redak
Das Foto wurde vom südkoreanischen Verteidigungsministerium veröffentlicht. Es zeigt den Abschuss einer Rakete vom Typ 'MGM-140 Army Tactical Missile' bei einer gemeinsamen Militärübung mit den USA in Südkorea.
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Doch statt sich in Diplomatie zu üben und verbal abzurüsten, liefert sich der US-Präsident derzeit einen erbitterten Schlagabtausch mit Kim Jong-un. "Nordkorea hat gerade eine weitere Rakete gestartet. Hat dieser Typ nichts Besseres in seinem Leben zu tun?", twitterte Trump nach dem Raketentest erbost. Der Konter aus Pjöngjang kam prompt.

Die Rakete sei ein "Geschenkpaket" für die USA zu ihrem Unabhängigkeitstag, hieß es in einer zynischen Propagandanote. Kim habe seine Wissenschaftler aufgerufen, "regelmäßig große und kleine Geschenkpakete an die Yankees" zu schicken, berichteten staatliche Medien. Das "langwierige Kräftemessen mit den US-Imperialisten hat seine Endphase" erreicht. Die ICBM könne einen "großen und schweren Atomsprengkopf" befördern und die USA erreichen.

Das US-Verteidigungsministerium glaubt das nicht. Auch Nordkoreas Behauptung, dass es sich bei der ICBM um eine Rakete des Typs Hwasong-14 handelte, bezweifeln Experten. Pentagon-Sprecher Davis sagte, es habe sich um einen Raketentyp gehandelt, den man zuvor noch nicht gesehen habe.

Als Warnung hielten die Streitkräfte der USA und Südkoreas am Mittwoch eine gemeinsame Raketenübung ab. Bei einer Dringlichkeitssitzung des UN-Sicherheitsrats in New York erklärte US-Botschafterin Nikki Haley, ihr Land sei bereit, in dem Konflikt die "volle Bandbreite" an Möglichkeiten zu nutzen. Das schließe das Militär mit ein. "Wir ziehen es aber vor, nicht in diese Richtung zu gehen." US-Außenminister Rex Tillerson kündigte "härtere Maßnahmen" gegen Pjöngjang an. "Wir müssen öffentlich demonstrieren, dass ihr sehr schlechtes Verhalten zu Konsequenzen führen wird", sagte Trump. Die Frage, ob er bereit sei, in Nordkorea militärisch einzugreifen, beantwortete er indes nicht.

Prof. Dr. Götz Neuneck...

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© Professor Götz Neuneck, privat

...ist stellvertretender wissenschaftlicher Direktor des Instituts für Friedensforschung und Sicherheits­politik an der Universität Hamburg (IFSH) und Leiter der Interdisziplinären Forschungsgruppe Rüstungskontrolle und Abrüstung (IFAR²). Er ist Mitglied des Council der 'Pugwash Conferences on Science and World Affairs'.

Seine aktuellen Arbeitsschwerpunkte sind Internationale Sicherheit, Rüstungskontrolle und Abrüstung, Nuklearwaffen und Nonproliferation, Raketenabwehr und Weltraumrüstung.