Russlands Vergeltung? Pussy-Riot-Mitglied vermutlich vergiftet

© dpa, Martin Meissner, AZ hpl

13. September 2018 - 15:43 Uhr

Pussy-Riot-Aktivist im Krankenhaus mit Verdacht auf Vergiftung

"Wir glauben, er wurde vergiftet." Mit diesen Worten teilt die russische Punk-Band Pussy Riot auf Twitter mit, dass der Aktivist Pjotr Wersilow nach körperlichen Ausfallerscheinungen im Krankenhaus liegt.

Das Mitglied der russischen Protest-Gruppe wurde am Dienstagabend in die Moskauer Klink Bakhrushin eingeliefert. Er wird derzeit auf der toxologischen Station behandelt, was auf eine Vergiftung hindeutet wie Pussy Riot auf ihren Sozialen Netzwerken verbreitet.

Erst Sehkraft verloren, dann Sprachvermögen und Kontrolle über seine Beine

Bereits im Krankenwagen habe Pjotr Wersilow das Bewusstsein verloren, kurz nachdem er den Rettungssanitätern versichert hätte, dass er nichts Giftiges eingenommen habe. Das äußerte Wersilow's Partnerin Veronika Nikulshina gegenüber dem russischen regierungskritischen Online-Portal "Meduza". Zuerst habe ihr Partner die Sehkraft und Sprachfähigkeit verloren, anschließend die Kontrolle über seine Beine, beschreibt Nikulshina.

Im Krankenhaus angekommen, durfte laut "Meduza" jedoch weder Nikulshina zu Wersilow noch dessen Mutter. Auch soll das Krankenhauspersonal ihnen jegliche Informationen über den Zustand des 30-Jährigen verweigert haben. Das dürfte die involvierten Aktivisten von Pussy Riot einmal mehr dazu verleiten, Russlands Regierung oder dessen Verbündete für den Vorfall verantwortlich zu machen.

Mögliches Nachspiel für friedlichen Protest beim WM-Finale

Die etwaige Vergiftung von Wersilow ist eine von vielen Schlagzeilen um Pussy Riot in dieser Woche. Seit Monaten, genauer gesagt, dem WM-Finale zwischen Frankreich und Kroatien, das Mitte Juli stattgefunden hat, steht die Gruppe im Fokus der medialen Aufmerksamkeit. Als Polizisten verkleidet, sind vier der Pussy-Riot-Mitglieder während der zweiten Halbzeit als Flitzer über das Spielfeld gelaufen. Darunter war auch das Paar Pjotr Wersilow und Veronika Nikulshina. Mit der Aktion wollte Pussy Riot unter anderem auf Zustände von Polizeigewalt und gefangenen Protestlern im Land des Kremls aufmerksam machen.

Seit der Flitzer-Aktion wurden alle vier Aktivisten mehrmals verhaftet und wieder freigelassen. Die offizielle Strafe lautete 15 Tage Haft, Bußgelder und ein dreijähriges Verbot, an Sportveranstaltungen teilzunehmen. Zudem wurde Nikulshina Ende der vergangenen Woche festgenommen und musste eine Nacht in Gewahrsam verbringen – mit der polizeilichen Begründung, sie und ihre Begleiterin hätten einen "terrorist check" abgelehnt. Daraufhin haben Wersilow und Nikulshina am Dienstag an einem Gerichtstermin teilnehmen müssen wonach sich Wersilow's Zustand schleichend verschlechterte.

Der Mann im Hintergrund

Bislang hat das Moskauer Krankenhaus die Einlieferung des Aktivisten nicht bestätigt. Wersilow dürfte als (Noch)-Ehemann von einem der Pussy Riot-Gründungsmitglieder namens Nadeschda Tolokonnikowa seit 2012 tatsächlich unter Beoabachtung des Kremls stehen. Als Pussy Riot damals wegen ihrer öffentlichen Proteste vor Gericht stand, hat Wersilow sozusagen als PR-Manager der Band agiert und ihr durch Interviews eine hohe mediale Aufmerksamkeit beschert. Außerdem soll er an der Bekanntmachung des russischen Online-Portals "Mediazona" beteiligt gewesen sein, das die russische Polizei und Justiz regelmäßig vorführt.

Mit Nadeschda Tolokonnikowa hat Pjotr Wersilow seit 2008 eine gemeinsame Tochter. Im gleichen Jahr haben die beiden Aktivisten geheiratet. Der Trennungszeitpunkt ist nicht bekannt.