Ruhe nach dem Sturm von Istanbul

Auch am dritten Tag haben sich wieder viele Protestler auf dem zentralen Taksim-Platz in Istanbul versammelt.
© dpa, Sedat Suna

13. Juni 2013 - 9:48 Uhr

Demonstranten in Lauerstellung

Das Gebiet rund um den Taksim-Platz im Zentrum Istanbuls gleicht einem Bürgerkriegsgebiet: Nach heftigen Straßenschlachten zwischen Demonstranten und der Polizei ist der Platz verwüstet. Ausgebrannte Autos sind zu sehen, die Müllabfuhr und Aktivisten räumen Müll und Trümmer zusammen. Zurückgezogen haben sich die Protestler aber nicht – ihre Wut ist größer denn je. Damit stellt sich die Frage: Was steht der Metropole Istanbul und der ganzen Türkei noch bevor?

Nach den heftigen Protesten in Istanbul besetzen Hunderte Protestler weiter das Gebiet rund um den Taksim-Platz. Ihre Wut richtet sich nicht mehr nur gegen die Politik von Ministerpräsident Erdogan – sie fühlen sich auch von den Medien im Stich gelassen. Zwar hat sich die Polizei nach der Anordnung von Ministerpräsident Recep Tayyin Erdogan und unter großem Jubel der Demonstranten zurückgezogen – aber die aufgebrachte Bevölkerung vermutet keine Nachgiebigkeit sondern Taktik hinter diesem Schachzug.

Via Twitter beklagten die Istanbuler immer wieder, dass die staatlichen Medien kaum über den Protest berichten würden. Vielmehr seien auch Journalisten verhaftet worden. "Weil er die Protestierenden unterstützen wollte, wurde Erhan Karadag, Reporter von Kanal D, in Ankara festgenommen. Gegen 5 Uhr morgens kam er in Untersuchungshaft", schreibt die Zeitung 'Hürriyet'. Der Reporter soll nicht der einzige Verhaftete sein.

Die Demonstranten werfen Ministerpräsident Erdogan vor, immer autoritärer aufzutreten und in ihren Lebensstil hineinzuregieren und Kritiker einzuschüchtern. Deshalb hätten die von seiner Regierung ans Gängelband genommenen Medienkonzerne auch auffällig zurückhaltend über die Proteste berichtet. Die Medien seien wie die berühmten drei Affen, machten sich Protestierer lustig – "nichts hören, nichts sehen, nichts sagen".

Erdogan räumt Fehler ein – Protestler wollen sich nicht unterkriegen lassen

Die schweren Ausschreitungen auf dem Taksim-Platz begannen am Freitag, nachdem die Polizei ein Protestcamp von Umweltschützern in unmittelbarer Nähe des Platzes gestürmt hatte. Sie wollten verhindern, dass der Gezi-Park und mit ihm 600 Bäume dem Bau eines neuen Einkaufzentrums weichen müssen. Ungewöhnlich heftig ging die Polizei gegen die Protestierenden vor. Tränengas waberte durch die Luft, während Wasserwerfer Zehntausende wütende Demonstranten durch die Straßen trieben. "Regierung, Rücktritt!", skandierten die sich den Wasserwerfern und der schwer gerüsteten Bereitschaftspolizei entgegenstellenden Menschen. Mehr als 1.000 Menschen sollen verletzt worden sein. Zudem gebe es Berichte über mindestens zwei Tote, teilte die Menschenrechtsorganisation Amnesty International mit.

Ministerpräsident Erdogan reagierte und bezeichnete seinen heftigen Schritt im Nachhinein als Fehler. "Der Einsatz von Pfeffergas durch die Sicherheitskräfte war ein Fehler. Nun gut. Ich habe das Innenministerium angeordnet, dies zu untersuchen", sagte Erdogan. Gemeinsam mit dem Bürgermeister von Istanbul, Vertretern der Taksim-Gezi-Park-Plattform und der Architektenkammer solle es Gespräche geben, um eine gemeinsame Lösung für den Streit zu finden.

Doch das reicht den Protestlern nicht – für sie hat Erdogan den Bogen überspannt. In rund 90 Städten demonstrierten daher Hunderte gegen die islamisch-konservative Regierung der AKP. Nach offiziellen Angaben wurden 939 Menschen festgenommen. 79 Menschen wurden verletzt. Die Menschen wollen sich nicht unterkriegen lassen von der Politik: "Wir haben genug von Erdogan und seinem islamischen Faschismus", erklärten die Aktivisten auch am dritten Tag der Proteste. Das Auswärtige Amt forderte deutsche Touristen derweil auf, vorsichtig zu sein und Menschenansammlungen zu meiden.