Stadt rudert nach Protesten der Mitarbeiter wieder zurück

Rüsselsheim: Erzieherinnen sollen Bürger als Corona-Streife bespitzeln

Volle Innenstädte in der Vorweihnachtszeit (Foto: Motivbild)
Volle Innenstädte in der Vorweihnachtszeit (Foto: Motivbild)
© imago images/Rüdiger Wölk, Rüdiger Wölk via www.imago-images.de, www.imago-images.de

10. Dezember 2020 - 19:50 Uhr

Undercover-Corona-Streife in Rüsselsheim

Vertrauen ist gut, Kontrolle ist besser? Die Stadt Rüsselsheim (Hessen) sorgt gerade mit einem ungewöhnlichen Plan für Aufsehen: Wie die Verdi-Vertrauenssprecherin Michaela Stasche im RTL-Interview berichtet, plante die Stadt offenbar eine Art Undercover-Corona-Streife. Die Behörden hatten sich eine neue Aufgabe überlegt für Erzieherinnen und andere städtische Bedienstete, die gerade nicht arbeiten können, weil sie zur Risikogruppe gehören. Sie sollen demnach durch die Stadt laufen, um die Bürger und die Mitarbeiter in den Geschäften zu bespitzeln. Nach Kritik rudert die Stadt jetzt aber wieder zurück.

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Erzieherinnen sollen Mitbürger beim Ordnungsamt verpfeifen

​Halten sich alle an die Mindestabstände und die maximale Personen-Anzahl in den Läden? Bilden sich irgendwo größere Gruppen? Verstößt jemand gegen die Corona-Verordnung der Stadt Rüsselsheim? All das sollten die Erzieherinnen notieren und dann dem Ordnungsamt mitteilen.

Nach Informationen der Verdi-Vertrauenssprecherin lud der Fachbereich Sicherheit und Ordnung am 2. Dezember städtische Angestellte, darunter auch Erzieherinnen, zu einer Besprechung ein. Die Stadt wollte die Mitarbeiter, die gerade nicht in ihrem regulären Job arbeiten können, als Corona-Kontrolleure einsetzen. Die zusätzlichen Streifen sollten aber nur beobachten und niemanden ansprechen. "Steckt mal den Kopf rein ins Geschäft und wenn euch was auffällt, meldet das", sei die Arbeitsanweisung gewesen.

Verdi-Vertrauenssprecherin Michaela Stasche
Verdi-Vertrauenssprecherin Michaela Stasche ist entsetzt über das, was die Stadt Rüsselsheim mit den städtischen Erzieherinnen plant.
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Gute Idee oder zweifelhafte Maßnahme der Stadt Rüsselsheim?

Bei den Mitarbeitern kommt die Idee der Stadt allerdings gar nicht gut an. Nach der Informationsveranstaltung, auf der es zunächst hieß, die neue Aufgabe sei verpflichtend für alle, meldeten sich mehrere verzweifelte Erzieherinnen bei Stasche. "Das kam ganz schlecht an bei den Kolleginnen", erzählt die Vertrauenssprecherin. Sie seien durch Vorerkrankungen oder durch Alter gefährdet und würden nun aufgefordert, sich ins Gedränge in der Innenstadt zu begeben. Die Mitarbeiterinnen wollten alle gerne wieder arbeiten und nicht nur zu Hause sitzen, aber nicht unter diesen Bedingungen.

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Entsetzen bei Erzieherinnen und Erziehern

Auch über die Aufgabe, die die Stadt für sei vorgesehen hatte, seien viele entsetzt gewesen. Die Erzieherinnen erklärten, dass sie sonst in einem sehr engen Vertrauensverhältnis mit den Eltern arbeiten. Darum fühle sich niemand so richtig wohl bei dem Gedanken mit Block und Bleistift durch die Fußgängerzone zu schlendern und Mitbürger beim Ordnungsamt anzuschwärzen. "Das geht gar nicht", findet die Verdi-Beauftragte. Viele Erzieherinnen seien bekannt "wie ein bunter Hund", sie würden sofort auffallen, wenn sie durch die Stadt laufen würden.

Stadt muss Corona-Regeln kontrollieren - aber muss es so sein?

Stasche kann das Vorgehen der Stadt nicht verstehen. Eigentlich herrsche in Rüsselsheim eine Kultur, die von Offenheit und Transparenz geprägt sei. Dass die Stadt nun heimlich die Bürger ausspähen wolle, sei ein Unding. "Natürlich muss eine Stadt die Corona-Regeln kontrollieren. Das ist unser Job. Aber das sollen die machen, die dafür ausgebildet sind. Und sie sollen kenntlich sein für Bürgerinnen und Bürger und für die Gewerbetreibenden", findet die Verdi-Sprecherin.

Die Stadt hat inzwischen ein bisschen zurückgerudert, nachdem unter den Mitarbeitern Unruhe ausgebrochen ist. Die Corona-Kontrollen sind jetzt kein Muss mehr, sondern freiwillig – doch auch da herrsche ein gewisser Druck. "Wir haben bisher keine Informationen darüber, ob sie das jetzt ganz zurücknehmen", so Stasche. Es kann also gut sein, dass bereits städtische Mitarbeiter, die Angst um ihre Karriere haben, undercover durch Rüsselsheim laufen und heimlich kontrollieren.