Corona-Krise erschwert Rücküberweisungen

Migranten können ihre Familien im Heimatland kaum noch unterstützen

© dpa, Jens-Ulrich Koch, cul

22. Mai 2020 - 17:39 Uhr

Rücküberweisungen für Familien im Heimatland "überlebenswichtig"

Fast eine Millarde Migranten schicken weltweit Geld an ihre Familien im Heimatland und unterstützen sie so mit sogenannten Rücküberweisungen. Im vergangenen Jahr waren es laut der Weltbank 554 Milliarden Dollar (rund 505 Milliarden Euro) weltweit. Für die Familien in den Entwicklungsländern extrem wichtig, aus Sicht von Entwicklungsminister Gerd Müller aber kein Ersatz für die Entwicklungshilfe. Das ist etwa dreimal so viel wie global in die Entwicklungshilfe floss. Das Geld sei für viele Familien "überlebenswichtig", sagte Müller.

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Corona-Krise hat alles verändert

"Allerdings kommen diese Mittel nur Menschen zugute, die Verwandte oder Freunde im Ausland haben. Deswegen sind sie auch kein Ersatz für eine nachhaltige Entwicklung im Land, die allen zugute kommt", erklärte der Entwicklungsminister weiter. Wegen der Corona-Krise könnte jetzt aber alles anders kommen: Die Weltbank warnte jüngst, dass Rücküberweisungen von Migranten in diesem Jahr wegen der Krise weltweit um fast 20 Prozent einbrechen würden. Viele Migranten haben ihre Jobs verloren, zudem sind Geldtransfers erschwert. Für die Familien und Entwicklungsländer könnte das katastrophal sein.

So geht es auch Eliete Ringuissai. Seit Jahren schickt er seiner Familie im südostafrikanischen Mosambik Geld. Mal 100 Euro, mal 200 Euro, "immer so nach Bedarf, wer gerade Probleme hat". Der 57-Jährige verdient viel mehr als seine Verwandten in der Heimat. Der Chemiefacharbeiter arbeitet seit 40 Jahren in Eilenburg in Sachsen. Er kam damals als Vertragsarbeiter in die DDR. Seine Verwandten leben in einem der ärmsten Länder der Welt. Doch die Corona-Krise hat alles verändert. "Es ist sehr schlimm", sagt der Mann aus Mosambik. Ob er seiner Familie weiter Geld schicken kann? "Ich weiß nicht, ob ich das schaffe."

"Rücküberweisungen sind eine stabile Einkommensquelle"

HANDOUT - 12.04.2020, Somalia, ---: Weltbank-Ökonom Dilip Ratha. Er ist einer der führenden globalen Experten für Rücküberweisungen. Braucht eine Familie Geld, etwa für Schulgebühren oder einen Arztbesuch, so greift sie auf Verwandte im Ausland zurüc
Weltbank-Ökonom Dilip Ratha
© dpa, -, sab

"Rücküberweisungen sind eine stabile Einkommensquelle und funktionieren auch wie eine Versicherung", erklärt der Ökonom Dilip Ratha von der Weltbank, einer der führenden globalen Experten für Rücküberweisungen.

Braucht eine Familie Geld, etwa für Schulgebühren oder einen Arztbesuch, so greift sie auf Verwandte im Ausland zurück. Außerdem sind Ratha zufolge Rücküberweisungen genau auf die Bedürfnisse der Familien zugeschnitten, "wahrscheinlich mehr als Entwicklungshilfe oder ausländische Direktinvestition".

Deutschland eines der wichtigsten Länder für Rücküberweisungen

Deutschland war 2017 nach Zahlen der Internationalen Organisation für Migration (IOM) weltweit mit 22,1 Milliarden Dollar das fünftwichtigste Ursprungsland für Rücküberweisungen. "Deutschland ist eines der Hauptzielländer der globalen Migration", sagt der Volkswissenschaftler Panu Poutvaara. Das spiegele sich auch in diesen Zahlen wider.

Aus Deutschland fließt viel Geld in Nachbarländer

Für Khalids Familie in Mogadischu ist das Geld, das er aus Bonn monatlich schickt, überlebenswichtig. Der 24-jährige Somalier will aus Sorge um seine Verwandten nur seinen Vornamen nennen. "Ich bin ihre Haupteinkommensquelle", erklärt er. Mit seinem Geld würden seine Eltern und fünf Geschwister in dem Krisenland am Horn von Afrika die Miete und Schulgebühren bezahlen und Lebensmittel kaufen. "Wenn ich kein Geld schicke, befinden sie sich in einer sehr schwierigen Lage." Hinzu kommt, dass das Schicken von Geld derzeit schwer ist. Khalid benutzt meistens nach eigenen Angaben Geldtransferunternehmen, doch die Büros seien praktisch alle zu, erklärt Khalid. "Man konnte gar kein Geld schicken."

Und das gilt nicht nur für einzelne Familien sondern für ganze Länder. Denn für etliche Staaten sind Rücküberweisungen ein wichtiger Wirtschaftszweig. In Somalia etwa machten diese Gelder 2019 laut des Internationalen Währungsfonds (IWF) 32 Prozent des Bruttoinlandprodukts aus. Aus Deutschland fließt viel Geld hingegen in die Nachbarschaft: 2017 gingen die größten Batzen laut der Denkfabrik "Pew Research Centre" nach Frankreich und Polen, gefolgt von Italien, Österreich, Tschechien, Spanien und Ungarn.

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Bargeldversand durch Corona erschwert

Die Corona-Krise hat diese "Lebensader", wie Ökonom Ratha Rücküberweisungen nennt, schwer getroffen. Oft hätten Migranten die unsichersten Berufe und würden in einer Krise als erste ihre Jobs verlieren. Wie wichtig diese Überweisungen sind, weiß auch die Bundesregierung. "Die Corona-bedingten Einschränkungen machen es für Migranten schwer, Geld bar zu versenden", sagte das Entwicklungsministerium.

Deshalb fördere das Ministerium digitale Zahlungsmöglichkeiten, etwa in Jordanien. Zudem unterstützt das Ministerium die Website "Geldtransfair.de", auf der Nutzer vor einer Überweisung vergleichen können, welche Kosten für ihr Zielland bei unterschiedlichen Anbietern fällig werden. Die Kosten "sollten so niedrig wie möglich sein, damit das Geld bei den Familien ankommt", so das Ministerium.

Entwicklungsländer könnten Corona-Folgen noch jahrelang spüren

Wenn die Rücküberweisungen ausbleiben, können die Folgen verheerend sein. "Familien stürzen in die Armut ab und leiden sogar unter Problemen, über die wir uns lange keine Sorgen gemacht haben, etwa Unterernährung und Hunger", sagt Ökonom Ratha. Zwar verbessert sich langsam wegen der Corona-Lockerungen in Europa die Lage von Migranten.

Doch Ratha zufolge besteht das Risiko, "dass sich Rücküberweisungen langsamer erholen als die Volkswirtschaften". Reise-Einschränkungen, strengere Einwanderungspolitik und wachsende Diskriminierung ausländischer Arbeiter werden demnach womöglich der Corona-Krise folgen. Die Konsequenzen in Entwicklungsländern könnten noch jahrelang zu spüren sein.

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