Krämpfe, Mitternachtswettkämpfe, Geisterstimmung

Diese Leichtathletik-WM war nix

© dpa, Michael Kappeler, mkx gfh

10. Oktober 2019 - 13:47 Uhr

von Finn Tönjes

Zehn Tage lang kämpften die besten Leichtathleten in Doha/Katar um Medaillen. Und das nicht nur gegeneinander, sondern auch gegen die speziellen Verhältnisse in der Wüste. An diese Leichtathletik-WM werden sich viele wohl noch lange erinnern – und das nicht wegen sportlicher Highlights.

Sport am absoluten Limit

Es war die erste Leichtathletik-WM im arabischen Raum. Bei rund 35 Grad Mittagshitze nicht mal so unverständlich, dass dort bisher keine Weltmeisterschaften stattfanden. Marathon-Läufer durften wegen der Wüsten-Hitze nachts ran. Trotzdem mussten viele Läufer den Wettkampf abbrechen.

Im Khalifa International Stadium hatten die Athleten dieses Problem nicht. Klimaanlagen senkten die Temperatur auf erträgliche 25 Grad. Dennoch waren die Bedingungen alles andere als ideal. Die deutsche Läuferin Alina Reh brach während des 10.000-Meter-Rennens mit Krämpfen zusammen. Der Generaldirektor des deutschen Leichtathletikverbandes Idriss Gonschinska sagte im ZDF-Interview, dass die Probleme sicherlich mit den besonderen Bedingungen vor Ort zu begründen seien.

Sport Bilder des Tages IAAF World Athletics Championships Doha 2019 Qatar, 28.09.2019 Alina Reh GER/ssV Ulm 1846 musste die 10km abbrechen - 28.09.19 im Khalifa International Stadium in Doha, Qatar waehrend der IAAF World Athletics Championships.  IA
Vor Schmerzen gekrümmt liegt Alina Reh auf der Tartanbahn
© imago images/Beautiful Sports, BEAUTIFUL SPORTS/Axel Kohring via www.imago-images.de, www.imago-images.de

Geisterstimmung im Stadion

So "kühl" wie auf den Bahnen war auch die Stimmung auf den Rängen. Das Stadion bietet zwar rund 48.000 Menschen Platz. Doch nicht ansatzweise so viele Menschen pilgerten in die Arena. Einige Sitzplätze hatten die Organisatoren sogar mit Planen abgedeckt. Die gähnende Leere konnten sie damit nicht verstecken.

Wie soll da WM-Stimmung aufkommen? Die Veranstalter hatten für die letzten Wettkampftage zwei 'zündende' Ideen. Gastarbeiter, die auf den Baustellen für die Fußball-WM 2022 schuften, herankarren. Und Zuschauer kostenlos ins Stadion lassen. Der Plan ging halbwegs auf – erstmals kam so etwas wie Stimmung auf anstelle von Friedhofsstille.

Spanner-Technik in den Startblöcken

Neben grandioser Klimaanlagen-Technik kam eine weitere technische Innovation zum Vorschein: in Startblöcke eingebaute Kameras. Die sollen laut Leichtathletik-Weltverband einen "frischen" Einblick ins und die Zuschauer näher an das Geschehen bringen. Dass die Startblöcke dadurch andere Maße hatten als die, mit denen unter anderem Sprinterinnen wie Gina Lückenkemper trainiert haben – egal! Was tut man nicht alles für einen "frischen" Einblick?

Eben jene Lückenkemper kritisierte die Kamera-Neuerung als "sehr fragwürdig". Nicht nur, weil die Startblöcke dadurch länger waren. "In den knappen Sachen über diese Kamera zu steigen, um in den Block zu gehen, finde ich sehr unangenehm", sagte die 22-Jährige.

30.09.2019, Katar, Doha: Leichtathletik, WM, Weltmeisterschaft, Khalifa International Stadium: Kameras in einem Startblock. Die Beschwerde der deutschen Sprinterinnen Lückenkemper und Pinto über die Kameras in den Startblöcken bei der Leichtathletik-
Die Kamera-Startblöcke standen in der Kritik
© dpa, Michael Kappeler, mkx kno

Fußball-WM 2022 - gute Nacht

Es war eine WM der Extreme. Extrem peinlich wurde die Siegerehrung für den Hochspringer Mutaz Essa Barshim. Als der katarische Lokalmatador auf das Treppchen stieg, war es noch stiller als sonst. Weil die Soundanlage ausfiel, wussten die Fans nicht, dass die Siegerehrung noch stattfinden sollte. Die Ränge waren leer. Die Ehrung mit dem üblichen Tamtam musste auf Samstag verlegt werden.

War an dieser WM denn alles schlecht? Geht es nach Sebastian Coe, Präsident des Internationalen Leichtathletik-Verbandes (IAAF), natürlich nicht. Es sei qualitativ die beste Weltmeisterschaft gewesen, befand der IAAF-Boss. Und der Präsident des Deutschen Leichtathletikverbandes, Jürgen Kessing, lobte im Interview mit der Bayer 2-radiowelt die "hervorragende Betreuung".

Klimatisierte Stadien, keinerlei Zuschauer, miese Organisation - Bei dieser 'Leistung' vergeht einem die Vorfreude auf die Fußball-Winter-WM in Katar 2022.