Rückblick 24. Spieltag: Bayern strafen göttlich, Klopp als Li-La-Launebär

BVB-Coach Jürgen Klopp hat sich nach dem Sieg in Freiburg von seiner mitfühlenden Seite gezeigt.
© Bongarts/Getty Images, Bongarts

04. März 2016 - 15:25 Uhr

Am 24. Spieltag der Fußball-Bundesliga kitzelt Wolfsburg die Bayern und büßt dafür heftig. Der BVB rumpelt im Stile eines Topteams. Freiburgs Christian Streich rastet aus, Bernd Leno geht auf Zander - und Markus Weinzierl die Düse.

1. Das Wort "Gnade" gibt es nicht im Bayrischen

So langsam ist das alles sehr schwer in Worte zu fassen, also versuchen wir es mit den Fakten: Der FC Bayern hat am Wochenende beim Bundesliga-Fünften VfL Wolfsburg gespielt. In der 56. Minute wechselte Trainer Josep Guardiola beim Stand von 1:1 Thiago Alcantara ein, eine Minute später Mario Mandzukic. Es dauerte sechs Minuten bis zum 2:1 für die Bayern. In der 80. Minute stand es 6:1. Der 16. Sieg in Folge für die Bayern, ein neuer Bundesliga-Rekord. Noch nie hatte ein Team so viele Punkte (68) und so viele Tore (72) nach 24 Spieltagen.

Es ist, als suchten sich die Götter des Olymp nicht die Titanen als Gegner, sondern schnöde Sterbliche, die hilflos vor Dreizack und Blitzen Deckung suchen. Erbarmen kennen die Bayern nicht. Ob die Mannschaft denn nicht einmal gnädig mit einem Gegner sein könne, fragte ein Journalist den Doppeltorschützen Thomas Müller: "Wie gnädig? Wir sind ja hier nicht zum Spaß. Auch wenn das auf dem Spielfeld so aussieht."

Am Dienstag kommt übrigens Arsenal London zum Champions-League-Rückspiel in die Allianz-Arena. Josep Guardiola warnte sein Team, dass es mit einer Leistung wie in den ersten 60 Minuten in Wolfsburg schwer werden dürfte. "Wenn wir Arsenal den Ball lassen, bekommen wir große, große Probleme", sagte Guardiola. Sein Kollege Arsene Wenger zeigte sich nach dem 4:1 im FA-Pokal gegen Everton kämpferisch: "Nein. Ich habe noch nicht aufgegeben. Ich habe im Fußball schon unglaubliche Dinge erlebt." Wir auch. Zuletzt fünf Münchner Auswärtstore in 17 Minuten.

2. Klopp und Streich geben die Li-La-Launebären

Ein Scherzchen hatte Jürgen Klopp dann doch noch parat: "Wer solche Spiele gewinnt, wird Meister", sagte der Dortmunder Trainer, nachdem seine Borussia trotz arg mäßiger Leistung ihre Partie beim SC Freiburg dank Sebastian Kehls kurioser Bogenlampe mit 1:0 gewonnen hatte. "Aber", fügte er hinzu, "das geht ja nicht". Geht halt nur noch um Platz zwei hinter dem FC Bayern. Ansonsten hatte er damit zu tun, sich nach dem Abpfiff Nuri Sahin am Spielfeld vorzuknöpfen und ihn am Sweatshirt zu packen. Der Mittelfeldspieler war bei seiner Auswechslung in der 63. Minute sichtlich unlustig vom Rasen geschlichen. Hinterher versuchte Klopp zu beschwichtigten: "Es ist kein Drama. Er war enttäuscht. Und ich habe ihm meine Sache dazu gesagt, mehr muss man daraus nicht machen. Das muss ich wohl nicht am Platz machen, aber sonst hätte ich es vergessen. Um seine Auswechslung ging es nicht."

Den Preis als Li-La-Launebär des Tages verdiente sich unbestritten Klopps Freiburger Kollege Christian Streich. Der steckt mit seinem SC weiter mittendrin im Abstiegskampf, was ihm hörbar an die Nerven geht. Er wittert eine Verschwörung der Schiedsrichter gegen ihn und seine Mannschaft. "Wenn einige Herren persönliche Probleme mit mir haben, müssen sie mir das sagen. Wenn es mit mir zu tun hat, sollen sie es sagen, dann muss es jemand anderes machen." Was war geschehen? Kurz vor der Pause holte Dortmunds Sokratis Freiburgs Stürmer Philipp Zulechner von den Beinen - und hatte Glück, dass Peter Gagelmann dieses Foul nur mit einer Gelben Karte bedachte. Sieben Minuten zuvor hatte Vladimir Darida den griechischen Innenverteidiger im Strafraum an der Hand getroffen. Ein Pfiff aber blieb aus. Zwei Szenen, denen Streich entscheidende Bedeutung für das Spiel zumaß. "Das ist katastrophal, was da passiert. Es geht nicht, dass die Mannschaft alle paar Wochen dermaßen bestraft wird. Irgendwann hast du keine Lust mehr, das anschauen zu müssen." Bei so viel Zorn sah sich Dortmunds Klopp bemüßigt, ein zweites Mal zu beschwichtigen - was als Sieger nun einmal leichter fällt: "In der Summe fühlen sich viele Dinge manchmal so an."

3. Joachim Löw muss Bernd Leno nominieren

Manuel Neuer befindet sich in einer fantastischen Form. Er hält so gut, dass der "Kicker" ihn in der aktuellen Ausgabe auf das Titelblatt hebt, die Schlagzeile lautet schlicht "Der Gigant". Das passt insofern, als die Titanen auch in der griechischen Mythologie vorher da waren: Kronos entmannt den Titanenvater Oliver Kahn … nein, Verzeihung, Uranos, dessen Blut befruchtet Gaia, die dann die Giganten zur Welt bringt. Aber das nur nebenbei. Jedenfalls ist Manuel Neuer die unangefochtene Nummer eins bei den Bayern und in der Nationalelf. Trotzdem sollte Joachim Löw darüber nachdenken, Bernd Leno als eine Art Spezialeinsatzkraft mitzunehmen. Der Leverkusener Torwart bringt als einer der wenigen in seiner Mannschaft derzeit Normalform und nimmt auch noch Kurs auf einen Bundesligarekord: Fünf Elfmeter hat der 22-Jährige in dieser Saison schon gehalten, nur einen – von Jefferson Farfan – musste er passieren lassen. Vier Elfmeter, auch das nur nebenbei, hat allein sein Kollege Roberto Hilbert verursacht. Dessen lapidarer Kommentar: "Ich weiß ja, dass wir einen guten Torwart haben." Zusammen können Hilbert und Leno am Rekord arbeiten: Nur noch ein gehaltener Strafstoß fehlt Leno, dann hat er die Bestmarke von 1860-Keeper Thomas Zander aus der Saison 1979/80 eingestellt. Sein Erfolgsgeheimnis? "Das kann man nicht trainieren. Schließlich gehört immer auch Glück dazu. Und Videos schaue ich mir sowieso nicht an." Okay, war nur so eine Frage …

Von den fünf Elfmetern an diesem Spieltag vergaben die Schützen drei, wobei sich Klaas-Jan Huntelaar ganz besonders hervortat: Beflügelt von zwei Toren plante er beim Stand von 2:0 wohl etwas ganz Besonderes. Er nahm zwei Schritte Anlauf, verzögerte - und chippte den Ball lässig in die Arme von Koen Casteels. "Ich dachte: Ist der noch ganz dicht?", sagte sein Trainer Jens Keller danach. Er musste das nicht für sich behalten, denn Huntelaar machte noch ein Tor, am Ende gewann Schalke mit 4:0 und beendete damit vorerst die Seuchentage. Und der "Hunter" hat seine Lektion gelernt: " Nächstes Mal werde ich es sicher anders machen."

Rückblick 24. Spieltag: Bayern strafen göttlich, Klopp als Li-La-Launebär
Aaron Hunt hat sich eindrucksvoll für den Fairplay-Preis beworben.
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4. Abstiegskampf kann auch fair sein

Es ist müßig, darüber zu spekulieren, wie sich Kapitän Aaron Hunt entschieden hätte, wenn sein SV Werder Bremen beim Spiel in Nürnberg nicht mit 2:0 geführt hätte. Es war schlicht und ergreifend anständig, eine Viertelstunde vor dem Ende der Partie zu Schiedsrichter Manuel Gräfe zu gehen und ihm zu sagen, dass Javier Pinola ihn gar nicht gefoult habe und es daher auch keinen Elfmeter geben dürfe. "Ich wollte den Kontakt, er war auch da, aber ich habe doch eher eingefädelt. Es war schnell klar für mich, dass ich da die Wahrheit sage. So wollen wir kein Spiel gewinnen, auch wenn es der Abstiegskampf ist." So viel Freimütigkeit ist erfreulich - er muss ja dafür nicht gleich den Fairplaypreis bekommen. Aber auch die Nürnberger zeigten Haltung. In der ersten Hälfte hatte Hiroshi Kiyotake dem Unparteiischen angezeigt, dass er den Ball noch berührt hatte. Also gab Gräfe keinen Eckball für den 1. FC Nürnberg. Eine kleine, vielleicht im Nachhinein unbedeutende Szene - aber anständig. Bremens Robin Dutt jedenfalls war ganz begeistert. "Da sind wir als Trainer sehr stolz darauf, dass Spieler so fair sind, wenn es um viel geht." Sein niederländischer Kollege Gertjan Verbeek kommentierte das Geschehen eine Spur trockener: "Ich komme immer öfter zu dem Schluss, dass die Schiedsrichter hier in Deutschland auch nicht besser sind als in Holland."

5. Stuttgarts "Projekt Junge Wilde" ist vorerst gescheitert

"Alle im Verein sind total überzeugt, dass Thomas und sein Trainerteam den Verein in eine gute Zukunft führen werden." Das sagte Stuttgarts Manager Fredi Bobic im August 2013, als der damalige U17-Trainer Thomas Schneider zum Chefcoach befördert wurde. Bei seinem Bundesliga-Debüt zauberte er den 17-jährigen Timo Werner aus dem Hut, der VfB gewann mit 6:2 gegen Hoffenheim. In den ersten sieben Spielen kassierte Stuttgart keine Niederlage – dann kam der Abwärtstrend. Zwar zeigten die Talente um Werner, Moritz Leitner und Rani Khedira gute Ansätze, nur stimmten die Ergebnisse nicht. Trotz acht Niederlagen in Serie hielten Bobic und die anderen Verantwortlichen an der Idee fest, den VfB mit den "jungen Wilden" auf dem Feld und auf der Bank aufzubauen. Am Wochenende beherrschten die Stuttgarter wieder lange Zeit das Geschehen, sie drehten sogar einen Rückstand. Aber sie spielten eben wie eine Mannschaft, die irgendeinen neuen Impuls braucht. Die Angst vor den letzten zehn Minuten hat, in denen sie so viele Punkte aus der Hand gegeben hat. Auch diesmal, als Ermin Bicakcic in der 82. Minute ausglich.

In der Not greifen die Stuttgarter nun zu einem Auslaufmodell: Huub Stevens übernimmt, von dem sich Fredi Bobic eine "klare Linie" erwartet. Das Schicksal des Klubs, der auf die Jugend setzen wollte, liegt also in der Hand eines 60-Jährigen. Planen will Bobic aber nicht mit Stevens – der Vertrag läuft nur bis zum Ende der Saison.

6. Markus Weinzierl hat sein Team nicht unter Kontrolle

Es fällt uns schwer, aber: Nach Lage der Dinge kann man nichts Schlechtes über den FC Augsburg sagen. Die Schwaben legen die wahrscheinlich sauberste Erfolgsgeschichte hin seit Villariba in der berühmten Spülmittel-Werbung. Schlappe 17 Millionen Euro weist der Lizenzspieleretat in dieser Saison auf, nur zwei Vereine geben weniger Geld aus - aber nur fünf Vereine liegen in der Tabelle noch vor Augsburg. Wie man mit diesen bescheidenen Mitteln Erfolg hat? "Wenn man über einen langen Zeitraum hart und konzentriert arbeitet, sich weiterentwickelt und einen guten Teamgeist an den Tag legt", liest Jan Ingwer Callsen-Bracker aus dem neuesten Buch von Emile Ratelband ("Tschakaaa!") vor. In Gladbach ließ sich der FCA von einem frühen Rückstand nicht schrecken, profitierte aber auch von der Borussen-Krise im Allgemeinen und der Max-Kruse-Krise im Besonderen. Der Stürmer vergab kurz nach dem 1:0 eine Riesenchance. Halil Altintop gab nach dem Spiel zu, dass es beim Stand von 2:0 "sehr schwierig" geworden wäre. So aber konnte der Türke ausgleichen, Timo Werner sicherte schließlich in der 81. Minute den Sieg und Platz sechs in der Tabelle. Wohin der Weg geht? Trainer Markus Weinzierl mag kaum darüber nachdenken: "Ich weiß nicht, inwieweit ich mein Team noch aufhalten kann."

Quelle: n-tv