'Milch'-Express und doppelwandige Cola-Dosen

Als Ali Baba frisches Blut lieferte - ehemaliger Ullrich-Betreuer Pevenage packt über Doping aus

Jan Ullrich re Deutschland Team Telekom und sein sportlicher Leiter Rudy Pevenage Belgien
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23. Januar 2020 - 20:29 Uhr

Pevenage beschreibt detailliert Doping-Praktiken in Ullrich-Ära

Doping-Praktiken im Radsport zu Zeiten der Jan Ullrichs und Lance Armstrongs – das große Bild kennt die Sportwelt seit Jahren. Die Details aber, die Mosaiksteinchen des Betrugs, beschreibt jetzt der frühere Ullrich-Mentor Rudy Pevenage in seiner Biografie. In dem Buch "Der Rudy" berichtet Pevenage von Blutbeuteln in Milchkartons, Dopingmitteln in doppelwandigen Cola-Dosen und einer Handy-Panne, durch welche die Verbindung Ullrichs zum Doping-Doc Eufemiano Fuentes aufflog.

Pevenage will berichten, wie es wirklich war

"Ich möchte niemanden verletzten, erzähle aber die Wahrheit darüber, was ich mitgemacht und gesehen habe", schreibt Pevenage. Der heute 65-Jährige hatte Ullrich über dessen gesamte Profilaufbahn begleitet. Mit Hilfe Pevenages gewann Ullrich 1997 die Tour de France, 1999 die Vuelta sowie Olympia-Gold 2000 in Sydney. 2006 folgte im Zuge des Fuentes-Skandals der tiefe Fall des deutschen Radstars, 2012 verurteilte der internationale Sportgerichtshof CAS Ullrich zu einer zweijährigen Sperre. Ein Jahr später räumte Ullrich in einem Focus-Interview Doping ein.

TDF06- - POITIERS, FRANCE : CYCLING TOUR DE FRANCE 2000 - German cyclist and potential winner Jan Ullrich and his assistant technical director, Belgian Rudy Pevenage, are surounded by journalist as Ullrih is going to undergo the traditional medical e
Kurz vor der Tour de France 2006 kam heraus, dass Jan Ullrich und Rudy Pevenage beim spanischen Doping-Doc Eufemiano Fuentes Eigenblut-Doping betrieb
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Wenn der Milchmann Ali Baba heißt

Pevenage erzählt in seinem Buch unter anderem, wie er vor dem Start der Tour de France 2004 in Lüttich ein Hotelzimmer mit einem Extra-Kühlschrank anmietete. In dem Hotel residierten auch die Doping-Ärzte Fuentes und José Luis Merino. Ein ehemaliger Mountainbike-Fahrer mit dem Codenamen Ali Baba habe als Kurier in leeren Milchkartons verpackte Blutbeutel an die Fahrer geliefert, so Pevenage.

Ein Auszug: "Am folgenden Abend kamen auch (die Ärzte) José Luis Merino und Eufemiano Fuentes zu uns. Es wurde eine Liste mit Fahrern erstellt, die Ali Baba als Träger besuchen musste. (...) Die Blutbeutel wurden sorgfältig in leere Milchkartons verpackt und mit einem Code versiegelt. Der Plan war, sie dem richtigen Fahrer gleich nach dem Abendessen in den jeweiligen Hotels zu übergeben."

"Praktische" Cola-Dose fiel keinem auf

Manchmal seien die Doping-Tricks um ein Haar aufgeflogen, erzählt Pevenage. Bei einer Razzia 2001 in Italien habe er fix eine Insulin-Spritze zerbrochen und im Klo runtergespült. Eine aufwändig präparierte Cola-Dose, in der das Zuckerwasser nur zur Tarnung gor, vergaß "der Rudy" allerdings zu vernichten - ohne Folgen.

"Die Dose war doppelwandig, und man konnte sie oben aufschrauben, um Medikamente einzufüllen und aufzubewahren. Sehr praktisch. Durch die Doppelwand blieb der Inhalt kühl und war von außen nicht von einer echten Dose Cola zu unterscheiden", erklärt Pevenage.

Falsche Handywahl brachte Ermittler auf die Spur

ARCHIV - Die Bildkombo zeigt den ehemaligen T-Mobile-Radprofi Jan Ulrich in Blaesheim (l, Archivfoto vom 30.06.2006)  und den spanischen Arzt Eufemiano Fuentes in Madrid (r, Archivfoto vom 20.07.2006). Ullrich gerät im spanischen Doping-Skandal immer
Auch mit Fuentes' Hilfe gewann Ullrich 2006 ein Zeitfahren beim Giro d'Italia
© dpa, A2609 epa efe Viktor Lerena A2931 Bernd Weißbrod

Eine Handy-Panne während des Giro d'Italias 2006 ließ die Verbindung Pevenage-Ullrich/Fuentes letztlich auffliegen. Als Ullrich das Einzelzeitfahren gewann, wollte Pevenage dies vor lauter Freude auch Fuentes mitteilen. Die Telefonkarte seiner Freundin sei aber leer gewesen, daher habe er sein eigenes Handy benutzt.

"Das war nicht so schlau, sie haben ihn (Fuentes, d. Red.) abgehört. So hatten die Ermittler und die spanische Polizei plötzlich meine Nummer", so Pevenage, der auch Dopingpraktiken während seiner aktiven Karriere einräumte.

Der Skandal um Fuentes kam 2006 im Zuge der Operacion Puerto heraus. Zahlreichen Radprofis wurden die beim Arzt gelagerten Blutbeutel per DNA-Abgleich zugewiesen, darunter auch Ullrich. Pevenage wurde vom damaligen T-Mobile-Team entlassen. Eine Rückkehr in den Radsport gab es für ihn nicht mehr.

RTL.de/dpa