RTL-Terrorismus-Experte Michael Ortmann

Rechtsextreme schrecken vor Tod und Terror nicht mehr zurück

10. Oktober 2019 - 12:09 Uhr

Rechte Gewalt in Deutschland

Nach dem Mord am hessischen Regierungspräsidenten Walter Lübcke gibt es erneut einen abscheulichen Angriff mit rechtsextremen Hintergrund. Auch wenn klar ist, dass die Attacke auf eine Synagoge in Halle mit zwei Toten von einem Einzelnen begangen wurde: Das Problem mit rechter Gewalt oder sogar Rechtsterrorismus scheint strukturell zu sein. Wie gefährlich die neue Radikalisierung der rechten Szene ist, ordnet RTL-Terrorismus-Experte Michael Ortmann im Video ein.

Großrazzia in vier Bundesländern, während Attacke in Halle

09.10.2019, Sachsen-Anhalt, Halle: In dem Videostandbild steht ein Mann hinter einem Auto und schießt mit einer Waffe auf der Straße. Ein schwerbewaffneter mutmaßlicher Rechtsextremist hatte am Mittwoch versucht, in die Synagoge einzudringen und dort
Nach Angriff in Halle/Saale - der mutmaßliche Täter
© dpa, Uncredited, jai

Kevin S. wollte sich in einem Imbiss einen Döner holen und wurde durch einen Zufall hinterrücks vom Attentäter Stephan B. erschossen. Der Maurer und eine Passantin, die ebenfalls zufällig auf der Straße vor der Synagoge in Halle stand, wurden Opfer des Rechtsradikalen. Außerdem soll der Täter selbstgebastelte Sprengsätze vor der Synagoge abgelegt und versucht haben, in das jüdische Gotteshaus zu gelangen. In der Synagoge feierten zu dem Zeitpunkt 70 bis 80 Menschen den höchsten jüdischen Feiertag Jom Kippur.

Die abscheuliche Attacke ereigneten sich während in vier Bundesländern eine großangelegte Razzia gegen Neonazis lief. Die bayerische Justiz hatte sie wegen Drohschreiben gegen Parteien, Moscheen und Medien angeordnet. Der Schwerpunkt lag ausgerechnet in Sachsen-Anhalt im Kreis Mansfeld-Südharz, nur wenige Kilometer vom Tatort entfernt.

Hinweise auf einen Zusammenhang mit den tödlichen Schüssen in Halle am Nachmittag gab es nicht. Man habe keinerlei solche Hinweise, sagte ein Sprecher des bayerischen Landeskriminalamtes am Mittwochnachmittag.

Antisemitisch motivierte Straftaten steigen

Aktuelle Zahlen belegen, dass vor allem antisemitisch motivierte Straftaten steigen: 2018 waren es knapp 20 Prozent mehr als im Vorjahr. Deshalb fordert der Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland, Josef Schuster, mehr Polizeischutz und appelliert an ein schnelleres Vorgehen der Justiz. In letzter Zeit sei eine "Verschiebung der roten Linie" zu beobachten, und auf Worte folgten Taten, sagte Schuster.

Auch der Präsident des Jüdischen Weltkongresses (WJC), Ronald Lauder, fordert weitergehende Maßnahmen. Es sei leider an der Zeit, dass alle jüdischen Einrichtungen verschärft und rund um die Uhr von der Polizei überwacht werden müssten, teilte Lauder mit. "Wir müssen außerdem sofort eine vereinte Front gegen Neonazis und andere Extremistengruppen gründen, die unser Wohlergehen bedrohen."

In ganz Deutschland sind die Sicherheitsmaßnahmen rund um Synagogen und jüdische Einrichtungen jetzt erhöht - und das ist offenbar bitter nötig.