Dekadent oder cleveres Geschäftsmodell?

RTL-Reporterin probiert Corona-Test als Aperitif in New Yorker Restaurant

09. Dezember 2020 - 17:03 Uhr

Vor dem Essen kommt der Corona-Schnelltest

Dekadent oder ein cleveres Modell die Zukunft? Auf der Karte des New Yorker Restaurants City Winery steht seit dieser Woche ein Corona-Schnelltest als Aperitif für alle. Wer hier essen will, muss zuerst 50 Dollar (knapp 42 Euro) zahlen und sich auf Covid-19 testen lassen. Erst wenn das negative Testergebnis feststeht, dürfen Gäste ihr Essen im Restaurant genießen. RTL-Reporterin Janina Beck hat das Restaurant für uns besucht und berichtet, wie der Abend ablief.

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Von RTL-Reporterin Janina Beck

Ich bin mit meiner Kollegin Carlijn zum Abendessen in Manhattan verabredet. Doch schon den ganzen Tag über hab ich ein mulmiges Gefühl im Bauch. Denn vor unserem geplanten Restaurant-Besuch müssen wir einen Corona-Schnelltest machen. Die "City Winery New York"hat seit kurzem ein Pilot-Projekt gestartet. An zwei Tagen in der Woche werden alle Gäste und die Angestellten des Restaurants auf Covid-19 getestet, erst dann darf man in den Speisesaal.

Ein bisschen wie vor einem angesagten Club – wird man reingelassen oder nicht?

Auch wenn ich schon zig Corona-Test gemacht habe, die alle negative ausgefallen sind, bin ich heute besonders nervös. Sollte der Test nämlich positiv sein, wird man des Restaurants verwiesen und natürlich fällt das geplante Abendessen ins Wasser. Wer will schon gerne wie ein "geprügelter Hund" nach draußen gebeten werden?

Natürlich wäre das nur absolut vernünftig, da es andere Gäste vor einer möglichen Ansteckung schützen würde. Trotzdem möchte keiner von uns, dass der Abend endet bevor er überhaupt begonnen hat. Irgendwie fühlt man sich so wie vor einem angesagten Club – wird man vom Türsteher reingelassen oder nicht?

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Nur wer negativ getestet wird, darf in New Yorks "City Winery" essen.
Nur wer negativ getestet wird, darf in New Yorks "City Winery" essen.
© AP, Frank Franklin II, FF

“Wir sprechen nur über ein Thema: Hoffentlich sind unsere Tests negativ”

Große Weinfässer zieren den Eingangsbereich des New Yorker Restaurants das direkt am Hudson River liegt. Die Sektflaschen sind schon kaltgestellt und am Eingang empfängt uns der Kellner mit einem freundlichen Lächeln und einem Fieberthermometer. Bevor wir den Raum wirklich betreten dürfen, müssen wir zunächst unterschreiben, dass wir Einverstanden sind mit einem Covid-Schnelltest und damit, dass wir das Restaurant verlassen, wenn der Test positiv ausfallen sollte.

Und dann geht es auch schon los – zwischen den Weinfässern stehen zwei Männer in Schutzanzug und Maske. Einer von ihnen ist Dr. Reese, er führt meinen Test durch. Auf dem Tisch neben ihm stehen die Utensilien für den Nasen-Abstrich. So ein Test ist zwar nicht gerade angenehm, aber zum Glück innerhalb weniger Sekunden vorbei. Und dann heißt es warten. Etwa 10 bis 15 Minuten dauert es, bis das Ergebnis da ist – in der Zwischenzeit gibt es für mich und meine Kollegin Carlijn ein Glas Sekt. Und natürlich sprechen wir nur über ein Thema: Hoffentlich sind unsere Tests negativ!

“50 Dollar – dafür bekommst du in New York zwei Cocktails"

Während wir warten wird es voll im Raum – die New Yorker scheinen das Konzept Corona-Test in Verbindung mit einem Abendessen zu mögen. Obwohl man 50 Dollar pro Person extra zahlen muss. Die werden entweder direkt bei der Reservierung uber die App abgebucht oder stehen später auf der Rechnung. "50 Dollar – dafür bekommst du in New York zwei Cocktails – warum sollte ich dieses Geld nicht für meine Gesundheit ausgeben?", antwortet mir eine Frau auf die Frage, ob sie lange überlegt habe so viel Geld für einen Corona-Test zu bezahlen.

Auch der Geschäftsführer Michael Dorf erzählt mir, dass die New Yorker zum einen die Restaurant-Szene unterstützen wollen und sich schnell auf neue Dinge einlassen. Zum Anderen sei es für viele nach Monaten einfach ein tolles Erlebnis, mit Freunden oder der Familie essen zu gehen, ohne ein schlechtes Gewissen zu haben.

Hygiene- und Abstandsregeln gelten trotz der Corona-Tests

Im Vergleich zu 2019 habe er 85 Prozent weniger Einnahmen. "Wir denken, dieses Konzept bringt uns über die kommenden fünf bis sechs Monate in New York, um als Restaurant überleben zu können." Wichtig sei ihm, dass die Gäste trotz Test nicht die übrigen Sicherheitsregeln außer Acht lassen. Die Angestellten tragen auch weiterhin Masken, es gelten die gleichen Regeln wie vorher." Bisher wird das Konzept zwei Tage in der Woche getestet – mit gemischtem Echo. Manche Stimmen werden vor allem auf Twitter laut, dass dieses Konzept eine Abzocke sei.

Das sieht eine Gruppe von Frauen anders, die nun am Eingang steht. Sie wollen heute einen Geburtstag einer der Töchter feiern. "Wir wollen einfach einen schönen Abend mit Freunden haben ohne ständig daran zu denken, dass wir uns anstecken können. Und wenn wir später nachhause fahren haben wir nicht das Gefühl etwas Verbotenes getan zu haben", erklärt mir eine von ihnen.

Corona-Schnelltest als Aperitif – dekadent oder ein cleveres Modell?

Anders als ich es erwartet habe sind aber nicht nur "Schickimicki New Yorker" hier als Gäste sondern auch ganz laessig gekleidete junge Leute, die das Konzept einfach nur "cool" finden.
Restaurant-Chef Michael Dorf weiß, dass es sich wegen des Tests um ein hochpreisiges Abendessen handelt. Auch wenn der Test keine hundertprozentige Sicherheit bietet, sieht er es als eine Idee, um ein Jahr voller Shutdowns und Social Distancing zu überstehen.

Carlijn und ich bekommen dann auch endlich gute Nachrichten – unsere Tests sind beide negativ und wir dürfen in den Essenraum – irgendwie ein erleichterndes Gefühl, fast so als ob man vom Türsteher in letzter Sekunde doch nicht abgewiesen wird. Und ab jetzt kann der Abend ganz entspannt genossen werden und ich muss gestehen, auch wenn 50 Dollar nicht gerade wenig sind, ich würde auch wiederkommen.

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