RTL-Reporterin Nadja Kriewald in Athen: "Die Griechen haben kein Verständnis für weitere Sparmaßnahmen“

19. Juni 2015 - 19:50 Uhr

"Die Leute stehen nicht Schlange an den Bankschaltern"

Angesichts der griechischen Schuldenkrise werden bei uns die Rufe nach einem Ausscheiden des hochverschuldeten Landes aus der Eurozone immer lauter. Auch die Mehrheit der Deutschen ist inzwischen dafür.

"Griechen haben kein Verständnis für weitere Sparmaßnahmen“
Nadja Kriewald berichtet aus Athen.

"Die Griechen sind erstaunlich gelassen, wenn man bedenkt, was hier drohen kann. Viele glauben einfach nicht, dass es wirklich zu einem Grexit kommt", berichtet RTL-Reporterin Nadja Kriewald aus Athen. Man sehe auch keinen Banken-Run: "Es ist nicht so, dass die Leute jetzt Schlange an den Bankschaltern stehen. Wer Geld hat, der hat es längst in Sicherheit gebracht und ins Ausland überwiesen, oder in den heimischen Tresor oder sogar unter die Matratze gepackt."

Umfrage: Mehrheit der Deutschen will Grexit

Neben der Gelassenheit erlebt Kriewald aber auch eine ganz andere Seite. "Die Griechen sind verständnislos, weil sie sagen: 'Das sind keine Reformen, das sind Sparmaßnahmen. Europa muss doch endlich mal verstehen, dass wir nicht mehr sparen können – wir haben kein Geld mehr'", schildert sie. Die Arbeitslosigkeit habe sich verdreifacht in den letzten Jahren, das Real-Einkommen sei um 30 Prozent zurückgegangen.

"Das sind nur einfache Zahlen, aber dahinter verbergen sich Schicksale", so die RTL-Reporterin. "Wir haben gestern mit einer Rentnerin gesprochen, die gesagt hat, sie habe drei Kinder und die sind alle arbeitslos. Die muss sie auch noch mit durchfüttern und das von 750 Euro im Monat. Wenn man so eine Frau dann fragt, wovon sie sparen soll, dann schüttelt die einfach nur noch ungläubig den Kopf und sagt: 'Wie denn, ich kann es nicht. Ich kann mir jetzt schon keine Medikamente mehr leisten und wenn dann noch die Mehrwertsteuer auf Medikamente und auch auf Strom erhöht werden soll - und das ganze wird auch noch als Reform verkauft - das ist einfach unverständlich hier für die Menschen. Und so sehen das einfach die meisten, ich würde sagen 90 Prozent der Griechen haben kein Verständnis für diese Reformforderungen."

Eine deutliche Mehrheit der Deutschen spricht sich unterdessen für ein Ausscheiden Griechenlands aus der Euro-Zone aus. Nach einer Umfrage des Instituts YouGov würden es 58 Prozent vorziehen, dass das von der Staatspleite bedrohte Land den Euro verlässt. 28 Prozent wollen Griechenland im Euro behalten. 14 Prozent haben dazu keine Meinung oder machten keine Angaben. Für wahrscheinlich halten 49 Prozent einen Austritt, 41 Prozent halten dies für unwahrscheinlich.