RTL-Reporterin in der Türkei: "Die Menschen trauen sich jetzt"

4. August 2013 - 19:52 Uhr

RTL-Reporterin Blufarb berichtet aus Istanbul

In der Türkei sind die Fronten zwischen den Demonstranten und der autokratisch agierenden Partei von Ministerpräsident Recep Tayyip Erdogan zwar weiter verhärtet, doch die Gewaltausbrüche haben aufgehört. Derzeit gibt es stillen Protest, bei dem die Polizei nur zuschaut und nicht wie in den vergangenen Tagen gewaltsam eingreift.

RTLaktuell.de hat mit Reporterin Raschel Blufarb gesprochen, die in der Türkei für RTL die Ereignisse beobachtet. Sie hält die Ruhe für trügerisch. "Es kann jederzeit wieder umschlagen. In Ankara und Izmir gibt es nach wie vor noch Auseinandersetzungen mit der Polizei", sagt sie. "In Mersin, unweit von Adana, hat die Polizei am Donnerstagmorgen ein Protestlager geräumt."

Laut Blufarb werden die Proteste so schnell nicht aufhören. "Die Menschen trauen sich jetzt, für ihre Rechte zu kämpfen und auf die Straße zu gehen. Viele haben jetzt weniger Angst vor der Regierung als vorher. Dieser Protest hat in jedem Fall etwas in den Köpfen der Menschen bewegt", analysiert die Reporterin.

"Aber der Protest hat auch die Gesellschaft tiefer gespalten. Die Spaltung zwischen Erdogan-Anhängern und -Gegnern hat es vorher auch gegeben, aber sie ist nun noch tiefer und offensichtlicher geworden. Mittlerweile wird im Land sogar darüber gesprochen, wer der nächste Ministerpräsident wird. Das war vor den Protesten nicht der Fall. Erdogan hat an Sympathien im In- und Ausland eingebüßt."

"Außenwirkung der Proteste ist immens"

Die Demonstranten haben durch ihre Aktionen eine große Medienpräsenz erreicht. "Und sie haben das Referendum, das heißt, möglicherweise bleibt der Gezi-Park bestehen", so die Nahost-Expertin, die den stillen Protest als ein cleveres Mittel sieht. "Den stillen Protest kann er nicht verhindern. Und das zeigt, dass Erdogans Ziel, die Proteste komplett zu zerschlagen, nicht erreichen kann."

Weil die Menschen in der Türkei durch den großen Zusammenhalt selbstbewusster geworden sind, geht Blufarb davon aus, dass die Bürger auch gegen andere Projekte demonstrieren werden: "Ich denke, der nächste Protest wird gegen das Atomkraftwerk sein, das Erdogan zu errichten plant." Dazu habe er schon einen Deal mit Japan abgeschlossen. "Aber die Menschen wollen kein Atomkraftwerk, da wird es wieder Zusammenstöße geben."

Generell sei nicht zu erwarten, dass Erdogan klein beigeben wird. "Er sieht sich als der große starke Mann im Land, auf die Meinung der Bevölkerung legt er keinen großen Wert. Wegen der Proteste will er die Befugnisse der Polizei im Land ausweiten", analysiert Blufarb, die auch eine weitere Annäherung an die EU für kaum denkbar hält: "Die Meinung in den arabischen Ländern ist ihm wichtiger als das, was Europa sagt."